Im gegenwärtigen Hollywood sind homosexuelle Charaktere fixer Bestandteil des Figurenarsenals der Autoren. Ob Cowboy oder der obligatorische Side kick in romantischen Komödien, das Schwulsein wird offensiv behandelt und dient oft als thematischer Aufhänger, um das Publikum ins Kino zu locken. Im goldenen Zeitalter Hollywoods war das durchaus anders.
Als 1948 Hitchcocks Rope (dt.: Cocktail für eine Leiche) anlief, weigerten sich viele Kinos, den Film zu zeigen. Basierend auf einer wahren Begebenheit schildert der Film den Fall der beiden wohlhabenden Studenten Brandon und Philip, die aus intellektueller Eitelkeit beschließen, den perfekten Mord zu begehen. Als überlegene Individuen beanspruchen sie für sich, über der gesellschaftlichen Moral zu stehen. Sie versuchen das zu untermauern, indem sie in ihrer gemeinsamen Wohnung einen Kommilitonen strangulieren, diesen in einer Truhe im Wohnzimmer verstauen und im Anschluss eine Party mit gemeinsamen Freunden veranstalten. Die Kiste mit dem Toten dient dabei als Buffettisch.
Der Grund für die Weigerung der Lichtspielhäuser, den Film zu zeigen, lag aber weniger in der problematischen Rechtfertigung des Verbrechens, sondern in der Tatsache, dass Brandon und Philip ein implizit schwules Paar darstellen. Abgesehen von der Tatsache, dass sie ein gemeinsames Appartement bewohnen (1948 war das schon Andeutung genug), ist das „Verbrechen" an sich eine Metapher für deren verbotene Liebe: als Philip nach dem zu Beginn des Films erfolgten „Akt" (dem Mord) Brandon fragt, was dieser dabei am meisten genossen habe, antwortet er: Until his body went limp, and I knew it was over. Daraufhin öffnen sie gemeinsam eine Champagnerflasche, um ihr erfolgreiches Überschreiten gesellschaftlicher Konventionen zu feiern. So wie Hitchcock nie offen die homoerotische Dynamik des Films anspricht, bleibt das gemeinsame Verbrechen in Rope bis zum Schluss ein Geheimnis, das inmitten der Party-Gesellschaft versteckt ist.
Brandon und Philip sind nicht die einzigen homosexuellen Hitchcock-Charaktere. Ein ganzer Kosmos von queeren Figuren prägt sein Werk. Von Mrs. Danvers (Rebecca) über Bruno (Strangers on a Train) bis hin zu Norman Bates, dem schizophrenen Killer in Psycho, reicht die Palette. Doch während in Hitchcocks späteren Filmen die homosexuellen Neigungen primär als "abartige" Charaktereigenschaften seiner psychotischen Killer fungieren, kann man Rope als subversiven Versuch lesen, die Thematik einer schwulen Paarbeziehung in den konservativen Mainstream zu überführen.
Spannend ist dabei, dass aufgrund der Unmöglichkeit, im Jahr 1948 Homosexualität offen zur Schau zu stellen, diese dem Film als vollkommene Selbstverständlichkeit eingeschrieben ist. Im gegenwärtigen Hollywood haben die meisten Formen von Queerness zwar ihren Platz, indem sie aber offensiv aufgegriffen werden, sind sie nach wie vor weit davon entfernt, als normale Lebensstile zu gelten. Das europäische Kino zeigt gegenwärtig Ansätze einer "Normalisierung". Als Beispiel wären Pedro Almodóvars Filme zu nennen, die immer wieder homosexuelle Charaktere beinhalten, ohne dies irgendwie zu thematisieren. Aber das ist trotz allem Art House ein Nischenprodukt, nicht der Unterhaltungs-Mainstream. So gesehen ist Hitchcock von 1948 fortschrittlicher und emanzipierter als das Hollywood von 2012.
(KleG)
Rope Trailer:







































