Es ist Herbst. Und der Winter steht auch schon vor der Tür. Das merke ich nicht etwa an dem bunten Laub, das sich an jeder Ecke anhäuft, sondern am Verhalten meiner Single-Freunde. Wer im Sommer noch so freizügig durch die Clubs zog, dass selbst Xtina zu ihren „Dirty“-Zeiten beschämt zu Boden geguckt hätte, durchläuft im Frühherbst dann eine Art Metamorphose: Vom männerfressenden Spinnenweibchen (Hat jemand die Nelly Furtado-„Maneater“-Anspielung verstanden?) zum treuen Pinguin.
Vielleicht liegt es an der Dunkelheit der kalten Jahreszeiten, dass wir nicht allein sein wollen, dass wir uns an jemanden kuscheln wollen, dass wir geliebt werden wollen – vielleicht hat es aber auch praktische Gründe wie Heiz-Rechnung sparen oder Netflix-Abo teilen. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass zumindest in meinem Freundeskreis alle auf Partnerjagd sind.
 


AUF DER JADG NACH DER PERFEKTEN INTERNET LIEBE

Gejagt wird mit den Waffen des 21. Jahrhunderts: Smartphones. Tinder, Grinder, Gay Romeo, Loovoo & Co. gehören zu den bekannten und gängigen Online-Dating-Plattformen. Online-Dating ist auch echt kein großes Ding mehr und wird nicht mehr wirklich als das, was es ursprünglich mal war, wahrgenommen. Man braucht keine von Psychologen und Beziehungsberatern ausgearbeiteten Fragebögen an Hand derer dann Partnervorschläge gemacht werden. Es braucht lediglich ein paar Klicks und Swipes und schon flackert das Profilbild eines potenziellen Geschlechtspartners (oder natürlich der großen, wahren Liebe) auf.
 

DER LIEBAHBER HINTER DEM XXX-BILD
Aus meinem persönlichen Umfeld kenne ich leider kein einziges Paar, das sich auf einer dieser Plattformen kennengelernt und verliebt hat. Alles ganz klassisch über Freunde von Freunden, WG-Partys, Arbeitsplatz und Co. – fast schon oldschool. Soll es aber trotzdem geben. Was auf diesen Online-Dating-Plattformen hingegen sehr gut funktioniert: Sex. Ich kann nur für die homosexuellen Nutzer sprechen, aber gerade auf Plattformen wie Grindr ist der nächste Geschlechtsakt manchmal nur 200 Meter entfernt. Das ist dann wenigstens einfach und ehrlich, ohne Smalltalk und tagelanges Hin und Her. Die Kehrseite der Medaille: Wer etwas Festes sucht – und damit ist kein stark erigierter Penis gemeint – für den ist das schwieriger. Vielleicht versteckt sich die Liebe ja zwischen den zig Dick-Pics und „Nimmste TG“-Anfragen. Sie dort zu finden ist schwierig – aber sicherlich nicht unmöglich.
 

BENUTZT NOCH IRGENDWER TINDER?
Eine weitere Absurdität: Tinder und die Jagd nach neuen, frischen Matches. Rechts, Links, Links, Links und Rechts – Zack, ein neues Match. Jetzt aber schnell auf „Weitersuchen“. Wir sammeln absurd viele Matches, schreiben aber kaum mit ihnen. Warum? Vielleicht sind wir nicht nur Jäger, sondern auch Sammler? Tinder scheint sowieso langsamer zu laufen: Das liegt eventuell daran, dass man dort keine Fotos verschicken kann. Man weiß es nicht.
 

In jedem Fall basieren diese ganzen Dating Apps natürlich auf Äußerlichkeiten. Und es geht natürlich weiter: Man tauscht Facebook oder Instagram aus und auch dort geht es um Äußerlichkeiten. Außerdem wissen wir, bevor wir auch nur ein einziges Mal persönlich miteinander gesprochen haben, was unser Date heute gefrühstückt hat, wo er im Urlaub war, mit wem er rumhängt, was für Musik er hört. Und wenn uns dabei etwas nicht passt, dann können wir uns immer noch rausreden, nicht treffen, ghosten. Wir nehmen uns die Chance, die Fehler und Macken des anderen zu hassen, uns darüber aufzuregen, indem wir uns gar nicht erst damit befassen. Das ist, wie ich finde, eine Schattenseite dieser ganzen Apps und Plattformen. Ich treffe mich mit Menschen, ganz gleich ob zum Sex oder zum Kennenlernen, und weiß schon so viel über sie, kenne ihr Online-Ich und kann oft nicht unvorbelastet in das Date gehen, habe schon immer ein bestimmtes Bild, eine Schablone von der Person, die ich gleich treffen werde im Kopf – und das ist manchmal eine ganz schön großes und vor allem unnötiges Hindernis, das wir uns selbst in den Weg stellen.


Foto: Vratko Barcik / Issue 42