Unlängst bin ich auf attitude.co.uk auf einen interessanten Kommentar gestoßen, der mich zum Nachdenken angeregt hat – und mir auch die Augen geöffnet hat.

Alexis Caught, ein in London ansässiger Stratege und Schreiber, fasst dabei seine persönliche Erfahrung bezüglich der Gay Community und der darin populären “tearing down – culture” zusammen. Dabei geht es darum, dass es in der Gesellschaft, vermehrt auch in der schwulen Welt, bereits fast schon Tradition geworden ist, erfolgreiche Menschen nieder zu machen und zu diskreditieren. Wir gönnen anderen Menschen immer seltener ihren Erfolg, warten sogar auf deren Fall, und wenn der nicht in absehbarer Nähe rückt, wird gelästert was das Zeug hält. Egal ob es dabei um den Muskelprotz geht, der 5 mal die Woche im Fitnessstudio lebt, das schwule Pärchen, welches sich so glücklich gibt, oder doch den berühmten Schauspieler, der ein lupenreines Image pflegt – Menschen finden immer wieder Gründe, um über jemanden zu lästern, schrecken dabei nicht mal davor zurück, Gerüchte zu verbreiten, nur um die Person niederzumachen.
Aber warum tun wir das überhaupt, und was erhoffen wir uns davon?

Alexis schreibt, er habe im Teenager-Alter und den frühen 20ern unter einer starken Unsicherheit mit sich selbst gelitten. Gleichzeitig fühlte er sich bedroht von erfolgreicheren, schöneren oder beliebteren Menschen, und versteckte seine Unsicherheit durch gemeines Verhalten, hinter dem Rücken reden und schlechter machen anderer.
Das macht sehr viel Sinn, da wir heutzutage, besonders in unserer Gay Community, ständig in Schubladen gesteckt werden – wenn man sich nicht als Twink, Bear oder Otter bezeichnen will, machen das eben andere für einen. Außerdem wird uns vorgesetzt, wie wir uns anzuziehen haben, wie wir uns verhalten sollten, wie oft wir uns ins Gym schleppen sollen.
Die Folge sind natürlich starke Kritik an der eigenen Person, und das kann einen in weiterem Zusammenhang dazu verleiten, seine Unsicherheiten auf andere zu projizieren.

Ein positives Beispiel gegen eine solche Niedermachen-Kultur liefert aber Anna Friedman in ihrem Podcast “Call your girlfriend”. Sie beziehte sich dabei auf die “Shine Theory”, kurz erklärt, eine Theorie, die auf gegenseitiges Aufbauen statt Runtermachen aufgebaut ist. In diesem Konzept geht es ursprünglich um das Streben danach, dass Frauen sich gegenseitig unterstützen sollten, und die Erfolge ihrer Freundinnen feiern sollten, anstatt dass sie sich als Konkurrentinnen betrachten. Die “Shine Theory” ist aber auch auf die Gay Community übertragbar. Das Leitmotiv ist dabei: If your friends don’t shine, you don’t shine.

Damit wir alle gut zusammenleben können, sollten wir unsere gegenseitigen Cheerleader sein, unsere Erfolge gemeinsam feiern, und vielmehr ein Beispiel aneinander nehmen, um uns selbst weiterzuentwickeln. Von negativem Gerede kommt nichts produktives, deswegen wäre es viel sinnvoller, die Zeit zu nutzen, voneinander zu lernen.

Klar ist es Utopie, wenn wir annehmen, dass Gerüchte und Gossip keinen Platz in unserem Alltag haben. Es war, ist, und wird immer Bestandteil unserer Gesellschaft bleiben, uns mit jemanden über jemanden auszutauschen. Was wir aber tatsächlich tun können, wäre, uns bewusster zu machen, welche Konsequenzen so ein Verhalten haben kann, und wieviel besser wir leben können, wenn wir uns daran erinnern, auf die positiven Seiten der anderen zu schauen und uns mehr feiern würden.


Text: Anas Atassi