Interview: Tim und Marcel – zwei Berliner Bad Boys

Radar

Cazzo! ...ist ein deftiger italienischer Fluch - und der Name jenes Berliner Gay-Porn Labels, bei dem sich die beruflichen Wege von Marcel Schlutt und Tim Kruger gekreuzt haben. Das ist jetzt einige Jahre her, die beiden sind Freunde geworden, ihre Karrieren könnten unterschiedlicher nicht sein: Tim ist DER deutsche Gay-Pornostar mit seinem eigenen Label TIMTALES . Marcel startet mittlerweile mit seinem zweiten Magazinprojekt Kaltblut-Magazine durch. Wir haben sie im Interview zu Karriere, Selbstwahrnehmung und Freundschaft befragt.
 
 
VANGARDIST: Ihr seid zwei Berliner Bad Boys. Was bedeutet diese Stadt für euch. Hat sie Einfluss auf euer Schaffen?
Marcel: Ich habe zu Berlin eine Hassliebe. Die Stadt ist toll, aber die Menschen und die Schwulenszene, das ist nicht mein Ding. Und klar, ich arbeite viel mit Berliner Künstlern zusammen. Hier gibt es viele junge Talente.
Tim: Ich bin in Düsseldorf aufgewachsen und mit 20 Jahren nach Berlin gezogen. Das war natürlich ein riesengroßer Unterschied. In Berlin gibt es für jeden seinen Platz und man muss sich nicht unbedingt anpassen. Berlin hat mich wahrscheinlich insoweit beeinflusst, als ich toleranter und offener gegenüber allem geworden bin, was anders oder neu ist. Es hat mir den Mut gegeben, auch mal Sachen auszuprobieren, die vielleicht nicht wirklich der Norm entsprechen.
 
VA: Ihr seid Freunde und habt im Bereich Pornographie künstlerische Überschneidungspunkte - beide habt ihr für das Berliner Label Cazzo Film vor der Kamera gestanden. Was verbindet euch? Wie habt ihr euch kennengelernt?
Marcel: Oh das ist schon einige Jahre her. Ich glaube es war im GMF. Ich schätze, was uns verbindet, ist der Job. Und das wir uns halt mögen.
Tim: Marcel kenne ich eigentlich schon, seitdem ich in Berlin bin. Wir sind uns immer mal wieder auf Partys begegnet, aber wirklichen Kontakt haben wir erst seit ein paar Jahren. Wenn wir uns treffen, ist Porno allerdings nie ein großes Thema, auch wenn es vielleicht das Element ist, was uns verbindet. Ich finde toll was er bisher erreicht hat und wünsche ihm natürlich alles Gute mit seinem Kaltblut Magazin.
 
VA: Tim, auf der Website von Cazzo Film wirst du als DER schwule deutsche Pornostar bezeichnet. Mit diesem Image steht man ja schon in einer bestimmten Nische. Hast du Pläne für „danach"?
Tim: Mir ist es natürlich weitaus lieber als DER schwule Pornostar bezeichnet zu werden als einer von vielen. Aber eigentlich nehme ich das alles gar nicht so furchtbar ernst. Ich mache im Moment das, was mir Spaß macht und verdiene damit meinen Lebensunterhalt. Ob mir dieses Image jetzt ewig anhaften wird, darüber mache ich mir keine Sorgen. Ich habe weder vor in die Politik zu gehen oder sonst einen Beruf auszuüben, bei dem mir die Pornokarriere vielleicht hinderlich sein könnte. Falls man mich irgendwann mal nicht mehr vor der Kamera sehen möchte, habe ich immer noch die Möglichkeit hinter der Kamera zu arbeiten, mich einem meiner anderen Projekte zu widmen oder einfach reich einzuheiraten.
 
VA: Marcel, du bewegst dich seit einigen Jahren weg von der Pornografie hin zu einem „queeren" künstlerischen Mainstream, wenn man so will. Neben deiner Tätigkeit als Fotograf und Fashion-Model betätigst du dich vor allem als Herausgeber von Magazinen. Wie bist du dazu gekommen?
Marcel: Ich hatte keine Lust mehr auf die Pornowelt, aber auch keine Lust auf meinen gelernten Beruf -Pferdewirt -. Und irgendwann kam ich auf die Idee, ein Magazin zu machen. Und dann ging alles ganz schnell. Wir haben einfach mal drauf los gearbeitet. Ohne jede Vorerfahrung. Ich wollte ein Magazin machen, das für alle da ist, die Freaks, die Schwulen, die Lesben, die Heten. Ein Magazin ohne Attitude.
 
VA: Du hast in dem Film Otto; or, up with dead people mit der Queer-Ikone Bruce LaBruce zusammengearbeitet. Seine Filme setzen sich neben ihren Hardcore-Inhalten immer wieder mit der Genderthematik auseinander. Würdest du dein Schaffen als politisch/aktivistisch bezeichnen?
Marcel: Nein, ganz und gar nicht. Ich bin privat sicher sehr politisch und habe da meine Meinung. Aber ich würde das nie in mein berufliches Umfeld mit einfügen.
 
VA: Tim, der klassische schwule Porno ist ein Konsumprodukt, das nach wie vor separat vom heterosexuellen Hardcore-Mainstream vermarktet wird. Das zeigen nicht zuletzt die gay content Filter bei den großen Onlineanbietern für pornografisches Material. Damit reproduziert der schwule Porno doch seine gesellschaftliche Außenseiterrolle. Siehst du dich als Teil einer Subkultur? Schränkt dich dieses Image bei anderen Tätigkeiten ein?
Tim: Gay content Filter bei Pornoseiten dienen als Suchfunktion und sind keine Manifestation von Ausgrenzung. Was mir jedoch auffällt, ist, dass Pornographie zwar massenhaft und durch alle Schichten hindurch konsumiert wird, jedoch gleichzeitig gesellschaftlich geächtet bleibt. So kann es passieren, dass Pornodarsteller und Hersteller selbst von scheinbar aufgeschlossenen jungen Leuten auf einmal mit den dümmsten Vorurteilen konfrontiert werden, sei es hinsichtlich Bildung und Intelligenz, oder auch moralischer Integrität. Diese moralische Überheblichkeit hat mich immer schon etwas angekotzt. Einschränken kann mich sowas aber nicht.
 
VA: Marcel, der im Internet frei käuflich zu erwerbende Film Unfaithful zeigt, wie du der Einladung des französischen Filmemachers Claude Pérès folgst, mit ihm eine Nacht zu verbringen. Der Film scheint ein gutes Beispiel zu sein, wie du ein kommerzielles Porno-Image mit einem künstlerischen vereinst, dass eine weiter gefasste Zielgruppe anspricht. Ist da ein Widerspruch? Dient dir die Pornographie als eine Art künstlerischer Street Credibility? Wie wirst du wahrgenommen?
Marcel: Also wenn man Pornos macht, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder mögen dich die Leute, oder sie finden dich scheiße. Die Schwule Welt ist so. Erfolg wird einem erst recht nicht gegönnt. Den Film Unfaithful habe ich gemacht, um mein erstes Magazine HONK! zu finanzieren. Es war ein Job wie jeder andere auch. Ich mache mir nie Gedanken welche Zielgruppe man damit ansprechen kann.
 
VA: Spielen kommerzielle Überlegungen bei der Breite eurer Betätigungsfelder eine Rolle?
Tim: Nicht in dem Sinne als das ich für Geld Dinge tun würde, die mir nicht gefallen oder wo ich nicht dahinterstehe.
Marcel: Nein. Ich mache grundsätzlich nur das, worauf ich Lust habe. Da sind zu viele unbezahlte Jobs dabei. Klar ist es toll, wenn man kommerziell Erfolg hat. Aber, nein.
 
VA: Marcel, abgesehen von deinem neuen Magazin Kaltblut, das am 1. März gestartet ist, was sind deine Pläne für die Zukunft?
Marcel: Im Frühjahr kommt mein neuer Film Männer zum Küssen in die Kinos. Darauf freue ich mich sehr. Im Herbst werde ich einen weiteren Kinofilm drehen. Dann möchte ich diesen Sommer mein Buch endlich beenden. Und mit KALTBLUT richtig durchstarten. Und dann natürlich irgendwann mal Bundeskanzler werden, aber da habe ich ja noch was Zeit.
 
VA: Tim, gibt es ein neues Projekt von dir, auf das man sich in näherer Zukunft freuen kann?
Tim: Es gibt zurzeit einige Projekte: unter anderem einen Tim Kruger Dildo, was ein Projekt wäre, auf das man bzw. meine Fans (die passiven unter euch) sich freuen können. DVD und Blu Ray Releases und natürlich ganz viel Penis.
 
VA: Tim, Marcel, herzlichen Dank für das Gespräch.


(Interview: KleG, David Winterberg)

 

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