Der Liebe Dauer - Zum 20. Todestag von Marlene Dietrich

Film

Paris 1992. Seit Jahren sind Kameras und neugierige Blicke immer wieder auf das Fenster im 4. Stock des herrschaftlichen Wohnhauses in der Avenue Montaigne 12 gerichtet. Hinter diesem Fenster verbirgt sich einer der größten Stars, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat und das wohl betörendste Geschenk, das Deutschland der Welt gemacht hat. Marlene Dietrich.
 
Die Filmdiva hat der Welt ihr Gesicht seit 14 Jahren nicht mehr gezeigt. Seit 14 Jahren hat sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen und Besuchern verboten, zu ihr vorzudringen. Sie ist mittlerweile 91 Jahre alt, doch immer noch gelingt es ihr, über diese Tatsache hinwegzutäuschen. Immer noch steht ihr Name für sinnliche Erotik und alterslose Schönheit. Sie ist Mythos und lebende Legende.

Am 6. Mai 1992 stirbt die Filmdiva in ihrer Wohnung. Damit endet Marlenes Flucht vor der Welt und mit ihr die Angst, als alte Frau enttarnt zu werden, die ihr Bett über 12 Jahre nicht mehr verlassen hat.Erst im Schutz ihres Sarges verlässt Marlene Dietrich das Exil ihrer Pariser Wohnung und erntet ein letztes Mal den Beifall ihres Publikums.
 
Heute, am 06. Mai 2012 jährt sich der Todestag von Marlene Dietrich zum 20. Mal.
 

Vor nun bald zwei Jahren begebe ich mich das erste Mal nach Paris. Ziel meiner Reise ist die Begegnung mit Norma Bosquet, der Privatsekretärin von Marlene Dietrich und eine der wenigen Personen, der es befugt war, Marlenes Apartment in Paris zu betreten.

Die letzten 20 Lebensjahre fehlen in fast allen Dietrich Biografien oder sind nur schemenhaft angerissen, da es kaum Zeugen jener Zeit gibt. Ich bin entsprechend nervös und getrieben von einer Vielzahl an Fragen. Wie lebte die große Diva anderthalb Jahrzehnte, abgeschirmt von der Außenwelt und doch darauf bedacht am Leben teilzunehmen? Wie hielt sie Kontakt zu den wenigen Freunden, wie versuchte sie das Bild ihrer Legende trotz selbstgewählter Isolation zu beeinflussen?

Norma Bosquet empfängt mich herzlich, doch zugleich auch mit Skepsis. Wie eine Mutter ihr Kind beschützt, so stellt sie sich schützend vor Marlene. Pikante Details werde ich ihr sicherlich nicht entlocken können, doch darum geht es mir auch nicht.
 
Marlene mied bereits die Öffentlichkeit, als sie Norma zum Abtippen ihrer Autobiografie anstellt. Was anfangs als einfacher Sekretärinenposten ausgeschrieben war, entwickelt sich rasch zu einer innigen Verbundenheit. Beide Frauen haben ihren eigenen Willen, geraten schnell aneinander und versöhnen sich ebenso schnell wieder. Da Marlenes einzige Tochter in New York wohnt und sich kaum bei ihrer Mutter in Paris blicken läßt, wird Norma zur innigen Verbündeten, als einzige Gesellschafterin in der selbstgewählten Einsamkeit.

Ein Sturz im Badezimmer zwingt Marlene fortan in ihr Bett. Ausgerechnet die Beine, die ihr zum Ruhm verhalfen, beeinflussen nun abermals ihr Schicksal. Marlenes Schlafzimmer wird ab sofort zu ihrem Universum. Alles, was sie braucht, wird in unmittelbarer Nähe vom Bett platziert; Medikamente, eine Herdplatte, Bücher und Schreibutensilien. Mithilfe einer Fadenkonstruktion gelingt es ihr das Fenster zu öffnen und mit Zangenarmen greift sie nach entfernteren Objekten. Doch die Welt soll nichts von dieser Bettlägerigkeit, von dem Niedersinken des Engels, erfahren. Gute Freunde wie Billy Wilder oder Hildegard Knef werden beim Portier abgewiesen. James Steward ist hartnäckig und schafft es beim dritten Anlauf bis zur Apartmenttür von Marlene, doch ihm wird ebenso wenig Einlass gewährt wie Michael Jackson oder Madonna, die versuchen, ihr Idol persönlich zu sprechen. Klingelt das Telefon, so mimt Marlene gerne ein spanisches Hausmädchen, welches vorgibt, Madame sei gerade auf Konzerttournee in Japan. 
 
Marlene weiß, dass sie in der Öffentlichkeit allein durch ihre mystische Schönheit besteht. Und diese gilt es für die Außenwelt aufrechtzuerhalten. Eine bettlägerige, alte Frau passt nicht in das Bild einer unsterblichen Legende. 

Ihre preußische Disziplin kommt ihr in dieser Lebenslage zugute. Ohne Wehmut lehnt sie so sämtliche Auftritte und Ehrungen in der Öffentlichkeit ab. In einer Mappe, die mir Norma reicht, liegt die Durchschrift eines Schreibens an die Academy of Motion Pictures Arts and Sciences. Mit bestimmenden Worten lehnt Marlene darin einen Auftritt bei der Oscar-Zeremonie inklusive Auszeichnung mit dem Ehrenoscar für ihr Lebenswerk ab. "Ich möchte lieber in der Reihe mit Orson Welles, James Dean und Marilyn Monroe genannt werden, die zeitlebens auch von dieser Auszeichnung verschont blieben".

Ihre Tage verbringt Marlene mit dem Beantworten der zahlreichen Fanpost aus aller Welt, sie ließt Zeitungen und Magazine und informiert sich über das Weltgeschehen. Mit ausdrucksstarken Buchstaben kommentiert sie Zeitungsartikel oder lässt sich per Telefon schon mal zum amerikanischen Präsidenten oder der Queen durchstellen.
 
Obwohl Marlene mit einer Anzahl von pharmazeutischer Mittel ausgestattet ist, werden die Nächte oft zur Qual. Wenn die Medikamente nicht helfen, ihren rastlosen Geist zu beruhigen und es keine Hoffnung auf Schlaf gibt, greift Marlene zu Briefpapier und lässt ihre Gedanken schweifen. Ich blättere in Normas Unterlagen und finde eine Vielzahl von Notizen und Gedichten aus jenen Nächten. Es sind Worte, die von der Einsamkeit zeugen und einen tiefen Weltschmerz offenbaren. 



Als ich die Notizen beiseitelege, fällt mein Blick auf einige von Schwarz-Weiß-Fotografien. Abgebildet ist eine alte Frau im Bett, die sich ein Kissen greift, um dieses im nächsten Moment schützend vor ihr Gesicht zu halten. Diese Bilder entstanden nur wenige Monate vor Marlenes Tod durch einen Paparazziangriff. Es ist mitfühlender, den dort abgelichteten Verfall nicht zu beschreiben. Ehrliche Worte sind die grausamsten. 

Geschwächt von dem Eingriff in ihre Privatsphäre, kämpft Marlene mit letzter Kraft erfolgreich darum, die Veröffentlichung der Bilder zu verhindern. Doch sie merkt, dass ihre Zeit gekommen ist, und greift mit Normas Hilfe ein letztes Mal zum Telefon, ihrem einzigen Kontakt zur Außenwelt. Mit leiser Stimme sagt sie ihren treusten Freunden Lebwohl, bevor sie am 6. Mai verstirbt.

Norma Bosquet wischt sich eine Träne beiseite, als ihr die Bilder von jenem Tag wieder vor Augen kommen. "Es war keine einfache Zeit" gesteht sie rückblickend, "aber Marlene ist mir sehr ans Herz gewachsen, sie war eine wunderbare Freundin".

Ich verbeuge mich an diesem Tag vor Marlenes großmütigem Herz, ihrem Mut, ihrem Verstand und ihrer eisernen Disziplin, sich bis zum letzten Tag treu zu bleiben. Die folgenden Zeilen gehören daher Marlenes Lieblingsgedicht Der Liebe Dauer von Ferdinand Freiligrath, welches sie bereits als Kind auswendig lernte und noch bis ins hohe Alter rezitierte. Es mag für unsere heutige Zeit vielleicht ein wenig zu sentimental erscheinen. Vielleicht.

(Text: David Winterberg, Collage: Tamara Pichler)

 

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