Chapter 11: Hat Offenheit Zukunft? Bloggerin Minusgold über ihr Leben zwischen Introversion, Öffentlichkeit und vermeintlichem Geltungsdrang

Heute als @minusgold bekannt, begann Jaqueline Scheiber mit einem Lyrik-Blog. Als ihr Freund vor vier Jahren eines Morgens tot neben ihr liegt, ändert sich vieles schlagartig. Heute hat sie die Trauer größtenteils abgeschlossen. Ihr Blog wurde manchmal noch intimer, aber auf jeden Fall bekannter. Ein Gespräch über die Offenheit als Begriff, mit dem sie auch ihr Buchdebüt betitelte.

Als die Bloggerin und Autorin Jaqueline Scheiber vor vier Jahren neben dem leblosen Körper ihres damaligen Partners aufgewacht war und das auf Instagram geteilt hatte, hagelte es Kritik – aber auch Follower. Über 34.000 Abonnent*innen zählt ihr Account @minusgold heute allein auf Instagram. Dass sie den Tod ihres Partners zum Geschäft gemacht hat, ist ein Vorwurf, mit dem sie mittlerweile umgehen kann. Ihr Buch „Offenheit“ erschien kürzlich in der Essay-Reihe „übermorgen“ des Verlags Kremayr & Scheriau. Wir haben Jaqueline und ihren Hund Frederik im Kaffeehaus getroffen, um ein bisschen über radikale Offenheit im digitalen Zeitalter zu sprechen…

Auf Instagram bekommt man schnell das Gefühl, dich und dein Leben zu kennen. Nach einem Klick weiß ich, dass du seit einem Jahr einen neuen Partner hast. Müssen Personen, um dir nahe zu stehen, Platz in deinem Feed finden?

Seit mir eine größere Öffentlichkeit zuteil wurde ist es ganz klar so, dass ich mit Freund*innen und Partner*innen immer wieder abkläre, ob sie das wollen, ob ihnen das zuviel ist, inwiefern sie da Teil sein möchten. Es gibt Leute, mit denen ich seit Jahren befreundet bin und die noch nie in meinem Feed aufgetaucht sind. Außerdem habe ich auch Beziehungen geführt, von denen kein einziges Foto jemals an die Instagram-Öffentlichkeit gedrungen ist. Dass es da verschiedene Zugänge gibt, respektiere ich total. Mein jetziger Partner ist einverstanden damit, dass ich ab und zu vermeintlich private Momente öffentlich teile. Ich will nicht voraussetzen, dass meine Art, mit meiner Privatsphäre umzugehen, auch meinen Freundeskreis betrifft. Aber es ergibt sich natürlich auch, dass viele meiner engsten Freund*innen einen ähnlichen Umgang pflegen.

Vermeintlich private Momente – was soll das heißen?

Damit meinte ich, dass meine Grenze, was für mich teilbar ist, woanders liegt. Ich seh mich ein bisschen wie eine Marktschreierin, die sich halt auf diese Bühne stellt und in die Menge schreit, was sie gerade beschäftigt oder was sie schön findet.

Wie viel Prozent deiner Person kennen die Menschen, die dir folgen, tatsächlich?

Ich denke, das ist mit steigender Reichweite und Bekanntheit weniger geworden. Früher war ich viel freizügiger und grenzenloser – vor allem auch im Bezug auf Privates. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Ich bin zwar sehr schlecht in Mathematik, aber es wird sich irgendwo zwischen 30 und 40 Prozent bewegen. Die Themen, die ich bearbeite, teile ich sicher in einem Übermaß, aber da ist schon noch sehr viel, was ich nicht in die Auslage stelle. 

Nehmen Menschen, die dir folgen, das auch so wahr oder glauben sie mitunter, dass sie dich viel besser kennen als sie es eigentlich tun?

Es ist ein Phänomen, dass in Fällen wie meinem sogenannte parasoziale Beziehungen entstehen. Leute schreiben mir auch, dass sie das Gefühl haben, ich sei ihre Freundin, obwohl wir uns noch nie im realen Leben gesehen haben. Menschen teilen sehr schnell ihre Schicksale und Geschichten mit mir, aber ich grenze mich da deutlich ab. Das ist meine Bühne, auf der ich meine Themen teile und Menschen miteinander interagieren und diskutieren können. Aber ich kann nicht auf einzelne Personen reagieren, auch wenn manchmal interessante Gespräche oder auch tatsächlich Freundschaften entstehen.


“Ich hätte gerne jemanden gehabt, der mir mit 16 gesagt hätte,
dass ich mir das mit dem Bloggen mal überlegen soll.”


Ist diese Offenheit eigentlich eine ehrliche Auseinandersetzung mit dir selbst oder würdest du deine Postings eher als „kuratierte Offenheit“ bezeichnen?

Es ist zwiespältig. Ich bin sehr impulsiv in vielen meiner Postings und Texte. Den Post zu meiner Diagnose der Bipolarität habe ich allerdings sehr lange mit mir herumgetragen, weil ich mir dachte, dass das negative Konsequenzen haben könnte. Gleichzeitig wollte ich mit dem Klischee und den Stigma, die dieser Krankheit anhaften, aufräumen. Natürlich mache ich mir da auch Gedanken über potenzielle Jobwechsel oder so.

Das wird dann vermutlich auch zu einer Identitätsfrage. Diese Grenze zwischen dem Menschen und der Online-Persona scheint mir immer schwieriger ziehbar zu sein.

Ich glaube, dass sowas wie eine bewusste Reflektion der eigenen Rollen im realen Leben immer wieder splittert, aber seit zwei Jahrzehnten kommt eben noch die digitale Welt dazu und junge Menschen wachsen damit auf. Das dann zu thematisieren wird immer wichtiger. Mir hat das zum Beispiel total gefehlt. Ich hätte gerne jemanden gehabt, der mir mit 16 gesagt hätte, dass ich mir das mit dem Bloggen mal überlegen soll. Ich bereue es nicht, aber es war einfach nie Thema. Es scheint, als würden sich da solche Glaubenssätze etablieren, die auf eine Art und Weise Religionen abzulösen scheinen. Wir wollen uns im Internet an etwas festhalten und folgen Personen, die einem ein gutes Gefühl geben. Die werden dann idealisiert und kaum mehr differenziert betrachtet.

Wie wichtig ist deine Online-Persona für dich? Könntest du einfach dein Profil löschen und dein Leben weiterleben?

Mein Profil ist für mich meine Bühne, die ab und zu ein paar Werbeeinnahmen abwirft. Aber ich habe ja auch einen Brotjob und im Endeffekt wäre es mir egal, wenn ich morgen Früh aufwache und mir plötzlich 10.000 Leute weniger zuschauen. Vielleicht ist das jetzt sehr gewagt, aber ich mache das nicht dafür, dass sich so viele Leute wie möglich angesprochen fühlen, sondern weil ich einen Drang habe, mich zu veräußern. Schön, wenn es Anklang findet, aber auch völlig bedeutungslos, wenn es das nicht tut.

Oft wird Sozialen Medien nachgesagt, dass sie Menschen zu Content-Maschinen machen, die immer mehr von sich preisgeben. Wie empfindest du das? 

Für mich ist das eine Art von kreativem Output. Im breiten Verständnis wird es aber nicht als solcher bezeichnet, sondern als das Bauen einer Scheinwelt. Wenn man sich beispielsweise die letzten 200 Jahre ansieht, wird man feststellen, dass die Leute damals schon das Bedürfnis hatten, sich schöne Dinge anzuschauen und sich mit Oberflächlichkeiten auseinandersetzen, um Zerstreuung von ihrem Alltag zu finden. Wenn man sich auf Sozialen Medien aufhält, ist es wichtig, dass man lernt zu unterscheiden, was Zerstreuung ist und was der Realität entspricht.

Führt diese Auseinandersetzung mit dir selbst auch dazu, dass du Leute in deinem Umfeld vernachlässigst oder sie gerade wegen deinen Auseinandersetzungen in den Sozialen Medien verletzt?

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch mal ein Arschloch ist und mal falsch handelt. Es hat auch Menschen gegeben, die auf meinem Kanal sehr präsent waren – wenn die Freundschaften dann teilweise zerbrochen sind, halt nicht mehr. Es gibt auch diesen Punkt in Partnerschaften, an dem ich mich frage: Was wäre wenn? Mir ist es total wichtig, dabei auf kein Podest zu kommen. Mich unterscheidet überhaupt nichts von anderen Menschen, außer vielleicht meine große Fresse. Ich habe genauso meine Streitigkeiten, ich benehme mich manchmal nicht richtig, bin egozentrisch, habe blinde Flecken und muss mich bei Leuten entschuldigen. In der Art und Weise, wie ich meine Freundschaften öffentlich darstelle, werden manchmal auch solche Liebesbeweise erwartet. Es ist dann für die betroffenen Leute komisch, wenn ich zweimal zu Freundin A poste, aber nichts zu Freundin B. Das merke ich auch an mir selbst, wenn ich mich frage, wieso jemand aus meinem Umfeld noch nichts zu meinem Buch gepostet hat und dann fällt mir ein, dass das niemand tun muss.

Kommen wir noch zu deinem Buch, das ja bereits erschienen ist. Warum sollten es Leute lesen, die dir nicht folgen und warum sollten es Leute lesen, die dir schon ewig folgen?

Das ist eine sehr gute Frage, zehn von zehn Punkten! Es war nämlich auch eine meiner Sorgen, dass Menschen, die gar nicht so viel mit Social Media zu tun haben, nicht nachvollziehen können, warum jemand so ein Buch schreiben würde. Ein Lektor des Verlags hat dann allerdings darüber gelacht, dass er genau so eine Person ist. Das hat mich dann sehr berührt. Es ist ein sehr komprimiertes, essayistisches Buch, deshalb ist es nur ein Anschneiden der Thematik. Man sollte es deswegen lesen, weil die Themen, die in der digitalen Welt stattfinden, noch nicht so sehr in der Realität angekommen sind und ich merke auch selbst, dass ich manchmal so ein Grundverständnis für die Internetkultur voraussetze, wobei das lange nicht in alle Lebensrealitäten passt. Außerdem ist das Buch auch gesellschaftskritisch und zeigt Optionen auf, mit Dingen umzugehen und wie es unsere Gesellschaft beispielsweise positiv beeinflussen könnte, wenn wir einen offeneren Umgang mit psychischen Erkrankungen üben würden. Menschen, die mir schon lange folgen, können dadurch vielleicht ein noch differenzierteres Bild von mir bekommen.


“Bloggen ist für mich eine Art
von kreativem Output.”


Glaubst du, die Welt wäre eine bessere, wenn mehr Menschen ihr Inneres teilen würden?

Ich glaube, die Welt wäre eine andere. Ich glaube aber auch, dass nicht alle Menschen die Substanz oder Persönlichkeitsstruktur dafür haben. Es ist mir wichtig zu transportieren, dass sich nicht alle hinstellen müssen, um plötzlich ihre Gedanken und Gefühle nach außen zu kehren, aber im Gedankenprozess und im Diskurs ist Offenheit sehr wohl wichtig, um den Blick zu öffnen, mehr zuzulassen und zu reflektieren. Menschen mit einem Selbstdarstellungsdrang wie ich können eine Bühne bauen und Diskurse öffnen, die dann aber im Kollektiv geführt werden müssen. Das ist das Wertvolle, was Gesellschaften prägen kann.

Alle Bilder: © Maximilian Salzer