Chapter 13: Internet, Gesetze und Penisportraits – Wie sich @antiflirting2 gegen ungefragte Dickpics stark machen

Zwei Frauen haben genug von ungefragten Bildern von Genitalien in den Nachrichtenfächern ihrer Sozialen Medien und gründen eine Plattform, die mittlerweile über 80.000 Follows zählt. Damit machen sie deutlich, wie dringlich der Umstand ist, der mittlerweile auch die Berliner Staatsanwaltschaft beschäftigt. VANGARDIST gibt den beiden den Platz, ihre Geschichten in eigenen Worten und mit Statements aus der Community wiederzugeben.

Text: Kim Chakraborty und Caro Neuwirth (aka. @antiflirting2)
Foto: Trudoku

Ur romantisch eigentlich, die Vorstellung eines gesetzlosen Raums, in dem man anstellen kann, was man möchte, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Diese Realität ist allerdings eine bittere für einen großen Teil der User*innen Sozialer Medien.

Im August letzten Jahres haben wir, Caro und Kim, uns über Instagram kennengelernt und uns irgendwann über das Thema sexuelle Belästigung unterhalten und auch darüber, wie hilflos man sich fühlt, wenn man mal wieder ein ungefragtes Dickpic bekommt oder beleidigt wird, weil man keine Lust hat, einem Fremden einen zu blasen. Wir haben über Möglichkeiten nachgedacht, wie wir uns wehren könnten. Unsere Idee war also, die Nachrichten zu veröffentlichen, um Aufmerksamkeit darauf zu lenken, in welchem Ausmaß sexuelle Belästigung im Internet stattfindet. So kam es zum Account @antiflirting, der mittlerweile @antiflirting2 heißt. Es war von Anfang an klar, dass wir alles, was auf die Absender*innen der übergriffigen Nachrichten hinweisen könnte, anonymisieren. Denn auf einzelne Personen zu zeigen war nie unsere Herangehensweise. Wir wollten auf das zugrundeliegende Problem unserer patriarchalen Gesellschaft hinweisen, das nicht nur von einzelnen Personen ausgeht, sondern vielmehr durch Denkmuster in uns allen verankert ist.


“Die Masse an Aufmerksamkeit,
die unsere Seite erfährt,
ist ein Indikator dafür,
wie viele Menschen dieses Thema betrifft
und wie viel Redebedarf besteht.”


Diese vermeintliche Gesetzlosigkeit im Internet bietet nämlich Menschen den Raum, persönliche Grenzen zu überschreiten, die rechtlich nicht erfasst sind. Sprich: Sexuelle Belästigung, Bodyshaming, Gewaltandrohung, ungewollte Nacktbilder und noch vieles mehr, das viele Menschen tagtäglich in ihren Privatnachrichten vorfinden. Und genau das bezeichnet @antiflirting2, nämlich übergriffige und grenzüberschreitende Nachrichten auf verschiedenen Internetplattformen. Nicht, dass wir anti Flirting wären. Flirten ist etwas Wunderschönes, aber es gibt da diese eine Zutat, die es erst schön macht: Konsens. Ohne Konsens funktioniert Flirten nicht, denn es sollen ja alle Parteien was davon haben, nicht wahr? Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, die Allgemeinheit dafür zu sensibilisieren, dass man seine eigenen Grenzen haben darf und dass man die Grenzen eines*einer anderen zu respektieren hat.

Warum antiflirting ZWEI? Unser erster Account wurde im Dezember 2019 wegen Verletzung der Instagram-Richtlinien gesperrt. Ganz schön ironisch, dass sowas in privaten Nachrichten unbehelligt stattfinden kann, aber wir, die öffentlich darauf aufmerksam machen wollen, gesperrt werden. Im Frühjahr 2020 haben wir @antiflirting2 gelauncht und seitdem haben wir mit verschiedenen Medienformaten – unter anderem beim 15-minütigen Film „Männerwelten“ von Joko & Klaas – zusammengearbeitet.


“Wir wollen sexuelle Belästigung
im Internet denormalisieren,
vor allem im Sinne der Betroffenen.”


Die Masse an Aufmerksamkeit, die unsere Seite erfährt, ist ein Indikator dafür, wie viele Menschen dieses Thema betrifft und wie viel Redebedarf besteht. Wir sehen in den Nachrichten und Kommentaren, dass sich eine Community bildet, die sich gegenseitig aufbaut und verteidigt. Viele Betroffene fühlen sich nicht mehr alleine mit dem Erlebten, weil sie visualisiert bekommen, dass anderen Menschen Vergleichbares widerfährt. Wir wollen sexuelle Belästigung im Internet denormalisieren, vor allem im Sinne der Betroffenen. Denn in den wenigsten Fällen handelt es sich bei ungewollt erhaltenen Dickpics um eine ernsthafte Interessenbekundung. Durch die Versendung des Genitals wird vor allem willentlich eine Machtverschiebung hergestellt, denn wer sendet, zwingt sozusagen den*die Empfänger*in zum Betrachten seines*ihres Geschlechtsteils. Das hat psychologisch gesehen ähnliche Hintergründe wie Exhibitionismus im Real Life, mit dem Unterschied, dass digitaler Exhibitionismus nicht so hart geahndet wird, wie realer. Macht man im Park seinen Mantel auf, um sich zu entblößen, wird das von allen Seiten verurteilt. Versendet man seinen Penis per DM, wird das mit großer Wahrscheinlichkeit bagatellisiert.


„Nimm es doch als Kompliment, dass er erregt durch dich ist!“ Das würde wirklich niemand sagen, würde diese Situation außerhalb des Internets passieren. In den folgenden Statements erzählen sechs Mitglieder der @antiflirting2-Community, wie sie auf ungefragt erhaltene Dickpics reagieren und warum es dringend gesetzliche Unterstützung für Betroffene geben muss.


Statements aus der Community


Laurin, 22, (he/him)

Ich bin Trans, das heißt, ich weiß wie es ist als Frau und als Mann gesehen zu werden. Was hat das jetzt mit Dickpics zu tun? Seit ich als Mann wahrgenommen werde, habe ich erst einmal ein Dickpic erhalten, das war auf Grindr. Ich konnte mich dem also recht leicht entziehen, indem ich die App gelöscht habe. Außerhalb der App habe ich noch nie welche gesehen, auch nicht auf anderen Dating-Apps. Als ich noch als Frau wahrgenommen wurde, war ich dem eher ausgesetzt. Solche Bilder kamen eher zufällig, mein erstes habe ich zum Beispiel von einem Ex-Schulkollegen bekommen, ein anderes von einem Ex-Freund und natürlich ein paar von Fremden aus dem Internet. Da gab es kein „vermeide diese App und dann musst du dir das nicht mehr geben“, wie ich es jetzt ganz einfach mache.


Chiara, 20, (she/her)

Ich bin damals mit meiner Schwester auf dem Sofa gesessen und machte nichtsahnend ein Video auf, das mir auf Instagram geschickt wurde. Ich war sehr verstört und auch sehr wütend, dass Männer sich berechtigt fühlen, mir so etwas Ekliges ohne meine Zustimmung zu schicken. Ich habe das Video gleich am selben Tag angezeigt. Die Polizei hat mir nur gesagt, dass nichts gemacht werden kann und dass ich mein Instagram-Profil auf privat stellen soll, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Da ich auf Instagram politisch aktiv bin, habe ich darüber in meiner Story berichtet. Von anderen Betroffenen habe ich Unterstützung bekommen, viele Männer fanden es hingegen nötig, mir nur zu sagen, dass nicht alle Männer so sind und dass auch Frauen belästigen. Ich war also nicht nur Victim-Blaming ausgesetzt, sondern auch unnötigem Geschwafel, was nur die Konversation verzerrt. Ich möchte, dass andere Betroffene wissen, dass keiner das Recht hat, so etwas ohne Zustimmung zu schicken und dass man sich das nicht gefallen lassen muss.


Parastu, 25, (she/her)

Ob es ein guter Einfall war, auf ein Foto meines neugeborenen Neffen mit deinem, aus der Nike-Shorts hängenden, Penis zu antworten? Ich weiß nicht, frag mal dein Schamgefühl, dass dich zwei Stunden später eingeholt und sich bei mir gemeldet hat. „Ich bin voller Scham, es tut mir so leid” – Was? Etwa der möglicherweise ungeeignetste Zeitpunkt für einen Flötenschnappschuss oder die Tatsache, dass du dachtest, ich würde mich über ein Foto deiner Eiernudel, wie sie unter einem fleckigen Polyesterfetzen herauslugt, freuen?

Dass ich deine spätere Entschuldigung hier anmerke, ist allerdings kein Lob. Es ist eine Erinnerung für alle Lesenden, dass dies das Mindeste ist, was nach dem Versenden eines unaufgeforderten Trötenfotos zu erledigen wäre. Ein weiterer Tipp zur Vermeidung übergriffigen Handelns: Hinterfragt doch mal eure Lage innerhalb verschiedener Machtdynamiken eures Lebens. Vielleicht ist da ja mal was schief gelaufen, das ihr durch das Belästigen unschuldiger Empfänger*innen mit euren Dickpics zu kompensieren versucht.


Sami (he/him)

„Hast Bock?“ 

„Siehst echt geil aus.“

„Soll ich vorbeikommen?“

„Blas mir einen!“

Solche Sätze lese ich sehr oft von Männern, die mir eine Minute zuvor unaufgefordert ein Bild ihres Geschlechtsteils zugeschickt haben. Hauptsächlich bekomme ich unerwünschte Dickpics auf Dating-Apps wie Tinder oder Grindr, aber auch auf Snapchat oder Instagram ist das schon vorgekommen. Meistens ist es so, dass ich schon ein Dickpic bekomme, bevor überhaupt das Gespräch angefangen hat. Manchmal bekomme ich aber auch, nachdem ich mich nett unterhalten habe, einfach aus dem Nichts ein Bild zugeschickt. Das ist insofern entwürdigend für mich, da ich mich in diesem Moment wie ein Sexobjekt fühle. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass ungewollte Dickpics Menschen mit einem traumatischen Erlebnis enorm triggern können. Nicht nur deshalb sollte das unaufgeforderte Verschicken von Dickpics zur Verantwortung gezogen werden, sondern auch weil es eine echte sexuelle Belästigung ist! Und ich sage deshalb „echt“, weil viele dieses Problem vielleicht nicht so ernst nehmen und sagen: „Wenn du auf Dating-Apps unterwegs bist, dann musst du das erwarten.“ Nein, ich muss so etwas nicht erwarten. Genauso wenig wie eine leichtbekleidete Frau erwarten muss, dass sie von Männern durch ekelhafte Sprüche sexualisiert wird.


Matthias, 22, (he/him)

Als queerer Mann bekommt man von verschiedenen Seiten zu hören, dass man aufgrund seiner Sexualität und dem Ausleben dieser zu erwarten hat, ungewollte Dickpics auf Instagram oder Grindr zu bekommen. Ich selbst bekomme ungefragt Dickpics seit ich 17 Jahre alt war. Eine Sache, die mich anfangs überfordert hat und mir unangenehm war, macht mich mittlerweile nur noch wütend. Wenn ich ein Dickpick bekomme, das ich nie haben wollte und nach dem ich nie gefragt habe, sehe ich nicht einfach nur das Foto von einem Penis eines – meist fremden – Mannes. Ich sehe einen Mann, der die Frage nach meinem Einverständnis ignoriert und mir gegenüber auf gewisse Art und Weise sexuell übergriffig wird. So etwas hat für mich überall, aber besonders in queeren Räumen, die für Menschen ein Safe Space sein sollten, in dem sie ihre Queerness geschützt ausleben können, keinen Platz. Die Ignoranz und Übergriffigkeit durch das Versenden von ungewollten Dickpics macht solch einen Safe Space zunichte.


Jared, 23, (they/them)

Ich bin froh, mich zum Thema Dickpics äußern zu können, da vielen Männern offensichtlich nicht bewusst ist, welches Ausmaß es haben und annehmen kann. Das erste Dickpic, das ich jemals bekommen habe, war bei Facebook. Zu dieser Zeit war ich selbst 14 Jahre alt. Ich hatte noch nie ein Wort mit diesem Menschen gewechselt, aber da ich jung war und nicht sehr gut vertraut mit dem Internet, habe ich nie daran gedacht, dass das illegal sein könnte.

2016 gingen die Dickpics auch bei Instagram los. Ohne jegliche Konversation oder Konsens. Mit jedem Mal wuchsen Ekel und Angst vor fremden übergriffigen Männern. Irgendwann habe ich angefangen, die Profile der Menschen in meiner Instagram Story zu teilen. Darauf folgten unterschiedliche Reaktionen der Männer. Manche blockierten mich, manche drohten mir und wieder andere haben versucht, mich als Schlampe darzustellen, die selbst Schuld ist, wenn ihre Bilder anzüglich auf Menschen wirken. Wiederum andere meinten, ich solle es als Kompliment sehen. Erst nach eigener Recherche konnte ich herausfinden, dass das Versenden von Dickpics in Deutschland eine Straftat ist. Etwas, das mir nie jemand gezeigt oder erläutert hat. All die Jahre dachte ich, wir müssen damit leben.


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