Chapter 16: Der Soundtrack des Gehsteigs – Sounds like Van Spirit

Zwei Jahre, 25 Länder, 45.000 km und viele neue Erkenntnisse später…

Wie klingt Straße? Also abseits von Verkehrslärm, dem menschlichen Trubel-Rauschen und den wummernden Bässen aus den Klamottenläden, die jedem Club-Entering Konkurrenz machen? Marten Berger hat sich diese Frage gestellt und sie im Großen beantwortet: Abseits von fetten Major-Labels und Hochglanz-Plattenfirmen hat er es sich zur Aufgabe gemacht, ein Abbild der europäischen Straßenmusik zu kreieren – weg von der kapitalistischen Überproduzierung und hin zu den unverfälschten Gefühlen des Bürgersteigs…

Im Mai 2017 bist du mit deinem Van als rollendes Tonstudio, einigen Mikrofonen und dem Plan losgezogen, Europa näher zusammenzubringen. Woher kam deine Motivation?

Ich habe in den Niederlanden Musikproduktion studiert und währenddessen einen Straßenmusiker für ein Projekt aufgenommen. Eines führte zum anderen und innerhalb eines Tages haben wir tatsächlich ein komplettes Album recorded. Das hat mich damals so umgehauen, weil es so echt, unmittelbar und vor allem anders war, als ich es vom kontrollierten Musikstudium gewohnt war. Im Tonstudio habe ich mir oft die Frage gestellt: Ist das jetzt wirklich alles? Alle Leute um mich herum waren dauernd total gestresst. Da habe ich gemerkt, dass das nicht mein Weg ist, Musik aufzunehmen und mich auf die Suche nach einem anderen gemacht.

Mit dem Album „Sounds Like Van Spirit”, auf dem du StraßenmusikerInnen eine Plattform und Aufmerksamkeit bietest, zeigst du der kapitalistischen Pop-Industrie den Mittelfinger. Was ist das Besondere bzw. Bessere an Musik direkt von der Straße?

Die Frage ist eigentlich: Was ist das Problem an Studiomusik? Die Antwort ist, dass wir uns von Musik entfremdet haben. Im Studio überlegen wir, was wir spielen könnten, damit Leute dieses Album kaufen. Das war für mich der falsche Ansatz. Das Ziel sollte nicht sein, etwas verkaufen zu müssen, sondern darauf Wert zu legen, was man selbst spielen möchte. Bei der Straßenmusik ist genau dieser Gedanke viel unmittelbarer: Die Leute, die stehen bleiben, haben keinerlei Erwartungen. Wenn sie überhaupt stehen bleiben, dann gefällt es ihnen und that’s it. Das ist so, wie wenn man extrem lacht und sich andere Menschen davon angesteckt fühlen – ehrlich und direkt.

Durch das Album hast du unbekannten KünstlerInnen hochwertige Aufnahmen ihrer Songs ermöglicht und ihnen eine Bühne jenseits der Stadtgrenzen gegeben. Hat dir dieses Projekt die Augen geöffnet, wie ungleich Chancen und Reichweite im Musikbusiness verteilt sind?

Manchmal lässt man sich dazu verleiten, Produkte statt Kunst zu kreieren. Wenn man sich klar macht, wie die Strukturen und die Bezahlung innerhalb der Musikbranche sind, ist für kleine MusikerInnen wenig Platz. Hier verspricht der anarchische und pragmatische Ansatz von Straßenmusik erstmal mehr künstlerische Freiheit. Gerade aktuell ist es enorm wichtig zu sehen, welche wichtige Rolle Musik im öffentlichen Raum hat.

In den zwei Jahren on the road hast du bestimmt viele verrückte Dinge erlebt und sicherlich genauso viele interessante Personen kennengelernt. Gibt es eine Begegnung, die dich besonders beeindruckt hat?

Auf einer zweijährigen Reise gibt es nicht diese einzelne Erfahrung, die dich umhaut. Letztendlich sind die schönsten Momente diejenigen, wenn man von den MusikerInnen als Freund aufgenommen wird und über mehrere Wochen zusammen unterwegs ist. Es gab oft Momente, in denen ich mich gefragt habe: Was mache ich hier eigentlich? Ich war auch dreimal komplett pleite während meiner Reise. Und dann gab es Abende, an denen ich mit den KünstlerInnen nachts durch Bars gezogen bin, mit ihnen abgehangen und gejammt habe. Das waren die Momente, in denen ich wusste: Ok, hierfür mache ich das Ganze.

Wie sieht es mit den Reglementierungen für StraßenmusikerInnen in Europa aus? Gibt es da regionale Unterschiede? Man kann sich ja nicht einfach überall hinstellen und spielen, oder?

Von Land zu Land und sogar von Stadt zu Stadt gab es große Unterschiede. In Kopenhagen beispielsweise war es verboten, mit Verstärkern zu spielen, was aber eigentlich immer toleriert wurde. In anderen Städten, wie zum Beispiel in Porto, habe ich erlebt, dass MusikerInnen die Verstärker weggenommen oder deren Instrumente konfisziert wurden. Im Winter kommen oftmals nur € 10 bis € 20 zusammen und wenn einem dann eine Strafe von € 100 bis € 400 aufgedrückt wird, kann das schnell schwierig werden.

Wie konsumierst du selbst Musik? Hat sich dein Verhalten durch das Projekt verändert?

Früher fand ich Live-Aufnahmen immer etwas nervig, weil sie sich für mich nie „perfekt” genug angehört haben. Durch das Projekt schätze ich genau diesen echten Charakter und den zufällig passierten Vibe der MusikerInnen als essentiell. Das hat für mich mittlerweile viel mehr Energie als Songs, die rein im Studio entstehen.

Wenn man deine Vision und Mission kennt, spielt das Thema Imperfektion in der Musik eine große Rolle für dich. Was genau meinst du damit und ziehst du hier Parallelen in andere Lebensbereiche?

Wir leben in einer Zeit, in der Auto-Tune und Multi-Track-Recording bis in die Unendlichkeit angewendet werden. Mein Anspruch ist, nicht alles zu kontrollieren, denn man kann es einfach nicht. Wenn man nur analytisch an Dinge und Projekte herangeht, gibt man sich selbst keinen Freiraum, Fehler machen zu dürfen. Und genau hier fängt meiner Meinung nach Menschlichkeit an, die die Dinge schöner macht. Auf der Reise konnte ich nicht nur herausfinden, wie ich Musik machen will, sondern wie ich generell leben möchte – ehrlich und pragmatisch.

Alle Bilder: @smellslikevanspirit


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