Ich war neu in Wien, das erste Mal Großstadt, die erste eigene Wohnung. Ich war erst seit kurzem wieder Single. Ich war noch nie auf einer Gay-Party, weil mein Heimatort demographisch betrachtet aus ca. 50% Kühen und 50% Hinterwäldlern (die sich übrigens den gleichen sozialen IQ mit Kühen teilen) besteht. In meinem Dorf wusste außer meiner Familie und meinen Freunden niemand, dass ich nicht bald eine vollbusige Dirndl-Freundin finden würde, sondern lieber die furchtbaren Lederhosen der Typen durch engere Jeans ersetzen würde.

Zuhause, da war ich der einzige offen Schwule in meinem Freundeskreis, und auch, wenn es am Anfang des Gymnasiums nicht ganz so leicht war, hatte ich das große Glück, bald eine wunderbare Gruppe aus Freunden und Freundinnen zu finden, die mich immer unterstützten. Hier konnte ich sein wie ich wollte, und mein Freundeskreis nahm mich immer in Schutz, sobald jemand auch nur einen dummen Spruch vom Stapel lies. Ich hatte meinen Platz gefunden, aber ich erhoffte mir noch mehr.
 

DIE STADT

 
Ich zog fort, in die Großstadt, und ja, ich erwartete auch Großes: Wie nett und offen die Menschen hier sein würden, ich würde nie mehr schräg angeschaut werden, ich könnte mich mit anderen queeren Menschen austauschen, und würde neue Freunde finden, und vielleicht sogar jemanden für etwas ernsteres kennenlernen. Und tatsächlich: Ich wurde nicht komisch angeschaut – auch, wenn ich jetzt grau gefärbte Haare hatte – schlichtweg, weil sich in Wien maximal gegenseitig auf die Füße geschaut wird. Ich bekam keine doofen Sprüche von irgendwem zu hören, als die Sprache auf meine Sexualität kam, und ich lernte auch im Studium Menschen kennen, die ebenfalls queer waren. Ach, was war das für ein schönes Freiheitsgefühl, anonym, aber eben auch ohne Vorurteile von anderen zu leben, und dieses Gefühl hielt an! Bis zu meiner ersten Gayparty:
 

DIE PARTY

 
Ich war zugegebenermaßen schon ein bisschen angetrunken, als ich die Stufen zum Club hinunterging, aber selbst durch meinen leicht benebelten Blick aus 2,99€ Veltliner konnten sie mir nicht entgehen, die Blicke die ich abbekam: Von oben bis unten wurde ich gemustert, begutachtet, und abwertend angeschaut. Was war falsch an der schwarzen Jeans und dem schwarzen Pulli, an meinem Gesicht, Körper, an meinen (zugegebenermaßen mittlerweile mehr schlechten als rechten) Haaren? Hatte sich so Lady Gaga gefühlt, als sie ihr Fleischkleid präsentierte? Sah ich mit meinen neuen Haaren aus wie ein junger, schwuler Donald Trump?

Ja, nach außen hin liebten sich alle auf dieser Party, sie feierten ihre Diversität gemeinsam, bunt gemischt zu Britney Spears Liedern aus den 2000ern, aber während ich versuchte, das ein oder andere schmerzlich verdrängte Chartlied, dass ich zuletzt auf einer Bravo-Top-Hits 2003 CD gehört hatte, wieder in die Untiefen meines Langzeitgedächtnisses zu drücken, kam ein Typ zu mir her, klopfte mir auf die Schulter, sah mich an und fragte mich: “Schaust du wegen deiner Haarfarbe so böse drein? Kannste dir morgen doch eh gleich abrasieren, also lächel mal!”. Nachdem ich ihn kurzzeitig perplex angeschaut hatte, nahm ich meine beide Mittelfinger in die Hand (auch, wenn das rein anatomisch gar nicht geht), und drückte mir schmerzlich mit ihnen meine beiden Mundwinkel nach oben. Hatte etwa Britney Spears (die immer noch sehr aggressiv durch meine Gehörgänge schallte) die gleiche Erfahrung gemacht, bevor sie sich panisch ihre Glatze rasierte? Was fiel diesem Typen eigentlich ein, meine von Bleichmittel zerstörten, strohigen Haare noch mehr nieder zu machen? Mich hätte es nicht gewundert, wenn sie mir nach all den Strapazen, inklusive diesen verbalen Angriffs einfach direkt ausgefallen wären. Und gerade, als ich mit meinem Gegenüber meine Gedanken teilen wollte, zischte er schon – mit einem muskulösen, oberkörperfreiem Typen im Arm – ab in Richtung Ausgang.

War das die Inklusion die, die ich mir von einer Gayparty erhofft hatte? Ich beobachtete Typen beim rumknutschen auf der Tanzfläche, ich beobachtete Jungs, die andere antanzten, nur um eine Abfuhr zu bekommen. Ich beobachtete einen schmalen Jungen, etwa in meinem Alter, der gerade zwei Drinks für sich und einen breit gebauten, älteren Typen geholt hatte, nur um zu sehen, dass dieser mittlerweie mit jemand anderem rumknutschte. Ich sah Typen, die Spaß hatten, alleine zu Britneys besten schlechtesten Liedern abtanzten, ich sah wie Typen abschleppten, und sich abschleppen ließen. Und inmitten dieser bunten, belebten Party sah ich Leute am Rand stehen, angespannt dreinblickend, und wie ich, alleine. Ich sah mir diese Welt an, und mir wurde klar:

Diese bunte, schwule Szene ist vielleicht gar nicht so bunt, sondern gelegentlich auch ganz schön grau, einsam und verzweifelt.

 

DIE LEKTION

 

Und wie sollte man auch nicht verzweifelt sein? Wenn man in Onlinedating-Profilen ständig Phrasen lesen muss wie masc4masc, no fems, no asians, keine Schwuchteln, niemanden unter 1.80m. Es ist völlig legitim, einen bestimmten Geschmack oder Typ Mensch zu haben, auf den man(n) abfährt: Aber die Menschen, die nicht in dieses Bild fallen, zu verurteilen oder auszugrenzen, spaltet die Gemeinschaft der queeren Leute nur noch mehr. Und nur gemeinsam ist diese Community stark, und kann wirklich wichtige Ziele erreichen: Queere Menschen wollen heiraten können, wollen Blut spenden dürfen. Sie wollen akzeptiert werden – aber bevor sie akzeptiert werden können, müssen sie sich erst mal gegenseitig akzeptieren.


Text: Alex Baur