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HAMBURG – Eine Stadt, die Freiheit atmet

Hamburg ist eine Stadt, die sich nicht aufdrängt. Sie lehnt sich nicht an dich, sie versucht nicht, dich zu beeindrucken, sie ruft nicht nach Aufmerksamkeit. Und vielleicht ist genau das ihre Kraft. Hamburg lässt dich ankommen – ganz langsam, wie ein Atemzug nach einem langen Tag.
Als ich im März für eine Pressereise dort landete, wusste ich nicht, dass ich eine Stadt erleben würde, die so selbstverständlich queer ist, dass man manchmal vergisst, dass es überhaupt etwas Besonderes ist.

Schon im Reichshof Hotel, einem dieser Häuser, bei denen man das Gefühl hat, sie hätten Geschichten in ihren Wänden konserviert, begann dieses Gefühl. Die Lobby schimmerte in warmem Licht, die hohen Decken aus der Zeit der 1920er Jahre gaben dem Raum eine noble Gelassenheit. Man setzt sich hin, trinkt einen Kaffee, schaut sich um – und merkt, dass Hamburg ein anderes Tempo hat. Kein langsames, sondern ein bewusstes.
Die Art von Tempo, die dir sagt: „Du musst hier nichts darstellen. Du darfst einfach sein.“

Nach einem Lunch im Emil’s ging es hinaus in die Speicherstadt. Die Backsteinarchitektur, die Fleete, die Bögen und Brücken – alles wirkt wie eine riesige, lebendige Filmkulisse, nur ohne Kitsch. Unter den alten Lagerhäusern schwingt immer noch die Geschichte von Handel und Hafen, aber zwischen diesen Ziegelwänden spürt man heute etwas anderes: Kultur, Wandel, eine neue Erzählung.
Wir gingen weiter in die HafenCity, und die Luft veränderte sich. Mehr Raum, mehr Licht, mehr Glas. Moderne Architektur, die nicht protzt, sondern glänzt. Die Elbphilharmonie steht dort wie ein Versprechen an die Zukunft.

Oben auf der Plaza, mit einem Blick über das Wasser, der kaum enden wollte, wurde mir bewusst, dass diese Stadt gleichzeitig geerdet und frei ist. Eine Kombination, die man selten findet.

Der Abend brachte ein neues Kapitel. Die NDR Bigband spielte im Großen Saal – kraftvoll, dynamisch, manchmal experimentell, aber immer präzise. Eine Musik, die Grenzen streift, sie aber nicht unbedingt bricht, sondern in etwas Neues verwandelt. Hamburg kann Jazz sein, aber auch Avantgarde, und es kann beides gleichzeitig.

Der zweite Tag begann mit Glitzer – wortwörtlich. Die Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe war eines der Highlights dieser Reise. „Glitzer“ klang zunächst verspielt, leicht, bunt. Doch sobald wir durch die Türen traten, wurde klar, dass es um weit mehr geht.
Chastity Belt, die Drag-Künstlerin, die uns durch die Räume führte, sprach mit Humor, aber auch mit einer fast akademischen Schärfe über Glitzer als Symbol politischer Emanzipation.
Glitzer war hier kein Accessoire. Kein Party-Moment. Sondern ein Code. Ein Funken, der sagt: „Ich bin sichtbar, auch wenn du mich nicht sehen willst.“
Es war eine Ausstellung über Körper, die sich nicht verstecken. Über Identitäten, die Funkeln als Verteidigung einsetzen. Über Protest, der in Glimmer gehüllt sein kann.
Ich habe lange nicht mehr erlebt, dass ein Museum so klar zeigt, wie eng Kunst und Aktivismus verbunden sein können.

Nach dem Mittagessen in der Destille, einem Ort, der gleichzeitig modern und bodenständig wirkt, führte uns der Weg nach St. Georg.
Dieses Viertel fühlte sich sofort wie ein Zuhause an.
Es war nicht nur ein Spaziergang.
Es war ein Eintauchen in ein alltägliches, queeres Hamburg.
Das Café Gnosa, das seit Jahrzehnten Torten und Community serviert, war voller Geschichten.
Das Lagerhaus, ein Mix aus Design, kleinen Schätzen und japanischem Streetfood, zeigte die kreative Ader des Viertels.
Und Mutterland, mit seinen regionalen Spezialitäten, fühlte sich an wie eine Mischung aus Delikatessenladen und urbanem Wohnzimmer.
St. Georg wirkt nicht wie „die queere Szene“ – es wirkt wie ein Viertel, in dem queeres Leben eine Selbstverständlichkeit ist. Und vielleicht ist genau diese Selbstverständlichkeit das Wertvollste.

Am Nachmittag ging es nach St. Pauli. Ein Stadtteil, der nicht einfach existiert – er lebt.
St. Pauli hat eine rauere Energie, eine offenere Kante, eine unmittelbare Ehrlichkeit. Die Straßen hier erzählen nicht nur Geschichten, sie tragen sie. Zwischen den Theatern, Bars, bunten Lichtern und alten Kneipen liegt eine Vergangenheit, die von Arbeiterkultur, Migration, Subkultur und queeren Bewegungen geprägt ist.
Es ist ein Ort, der sich niemals anbiedert. St. Pauli ist, was St. Pauli ist – und das macht es besonders.

Das Abendessen im Freudenhaus war eine perfekte Mischung aus Humor, Tradition und einem kleinen Funken Erotik, der dem Viertel innewohnt. Danach wechselte die Stimmung in den Saal des Operettenhauses, wo das Musical „& Julia“ auf uns wartete.
Was dort passierte, war ein Feuerwerk. Farben, Stimmen, Humor, queere Codes, Popmusik, eine starke Frauenfigur – all das verschmolz zu einem Abend, der sich weniger wie ein Musical und mehr wie ein kollektiver Herzschlag anfühlte.
Der Blick hinter die Kulissen im Anschluss öffnete eine intime Seite dieser Produktion. Gespräche, Nähe, ein Gefühl von echtem Austausch.
Und wie so oft in Hamburg endete der Abend in Bars, die man nur hier findet – der WunderBar und dem Toom Peerstall. Beide queer, beide lebendig, beide voller Menschen, die tanzen, lachen und einfach leben.

Der dritte Tag begann früh und mit einem kleinen Schock.
Ein Lufthansa-Streik legte den Flugverkehr lahm – und plötzlich war klar, dass niemand von uns wie geplant zurückfliegen würde. Es war dieser Moment, in dem alle kurz still wurden. Nicht panisch, aber konzentriert. Die Art von Moment, in dem man merkt, dass Pläne manchmal nichts wert sind. Aber Organisation umso mehr.
Innerhalb kurzer Zeit stand fest: Wir fahren mit dem Zug.
Drei Umstiege. Acht Stunden. Ein langer Weg zurück nach Wien.
Doch bevor die Reise begann, schenkte Hamburg mir noch einen letzten Vormittag.
Ich ging allein durch die Straßen, vorbei an den Fleeten, durch Gassen, die langsam wach wurden, entlang des Hafens, wo die Schiffe bewegungslos im Wasser lagen. Es war ein stilles Hamburg, eines, das man in geführten Programmen nie sieht.
Ein Hamburg, in dem ich gehen, atmen, nachdenken konnte.

Als wir später im Zug saßen, immer wieder die Landschaft wechselnd, die Uhrzeit vergessend und nur mit dem Gefühl unterwegs zu sein, wurde mir klar, dass die Stadt etwas in mir hinterlassen hatte. Nicht etwas Lautes, Spektakuläres, sondern etwas Echtes.

Wenn ich heute an Hamburg denke, denke ich an ein Gefühl von Freiheit.
An Backsteine und Glitzer.
An Drag und Jazz.
An Wind und Wasser.
An Menschen, die dich ansehen, als wäre deine Existenz eine Selbstverständlichkeit.
An eine Stadt, die queere Geschichten nicht als Besonderheit ausstellt, sondern als Teil ihres Herzschlags versteht.

Hamburg ist kein Ort, den man besucht.
Hamburg ist ein Ort, der bleibt.
Auch wenn man längst wieder woanders ist.

Yavuz Kurtulmus

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