Let´s face it: So ziemlich alles, was wir über die Welt wissen, haben wir aus Filmen, TV-Shows, halbseidenen Magazinen und obskuren YouTube-Dokus. Unser Musikgeschmack besteht aus dem, was Spotify uns vorschlägt, Feminismus ist irgendwas, was Miley Cyrus mit ihrer Zunge macht und LGBT, das ist doch das, was Lady Gaga anzieht, wenn sie auf irgendeinem roten Teppich posiert. Sieht so der Untergang der Zivilisation aus? Wir sagen NEIN! Im Gegenteil…

Pop scheiße finden ist Pop

 

Popkultur ist allgegenwärtig. Sie umfasst sämtliche kulturellen Erzeugnisse und Praktiken, die mithilfe moderner Massenmedien unter die Leute gebracht werden, um hier mal Wikipedia – die globalisierte Pop-Version des guten alten Brockhaus – zu zitieren. Zu wenigen Dingen haben wir ein derart schizophrenes Verhältnis: Mit stolz geschwellter Brust bestellen wir Dostojewskis gesammelte Werke im Netz, prangern die Oberflächlichkeit der Kommerzkultur an und überhören das Klopfen des bedauernswerten DHL-Boten, der zehn Kilo russischer Literatur die Treppen raufgeschleppt hat, weil wir mit Kopfhörern im Downton Abbey Binge-Watching versunken sind. Die Kritik ist so alt wie die Massenkultur selbst, kommt aus zwei völlig unterschiedlichen Denkrichtungen und ist selbst so sehr Teil der Popkultur, dass wir sie vermutlich alle unterschreiben würden, ohne jemals wirklich drüber nachgedacht zu haben.

 

Die konservative Angst vorm Sittenverfall

 

„His kind of music is deplorable, a rancid smelling aphrodisiac. It fosters almost totally negative and destructive reactions in young people.“ Dieses vernichtende, Frank Sinatra zugeschriebene, Urteil über Elvis Presley ist bezeichnend für die ewige, rechtskonservative Kritik an popkulturellen Massenphänomenen. Pop ist eine Gefahr für die guten Sitten. Viel zu viel Sex, viel zu viel Tabubruch und das Ganze auch noch zugeschnitten auf die moralisch gefährdetste aller Zielgruppen: Die Jugend. Schnee von gestern? Man erinnere sich an die Kontroverse über die Erwachsenwerdung von Disneys jüngstem Child Rape-Victim Miley Cyrus. Wenn man als ehemaliger Kinderstar nackt auf einer Abrissbirne reitet und verkündet, dass man sich nicht auf straight oder gay festlegen sollte, hat man auch heute noch konservatives Skandalpotenzial. Wer jetzt meint, man müsse schon ein evangelikaler Spinner aus dem Bible Belt sein, um sich 2017 noch über sowas aufzuregen, hat vielleicht Recht. Aber der Kern der konservativen Popkritik bezieht sich schlicht auf die Annahme, dass die Leute „schlechtes“ Verhalten, welches von der Unterhaltungsindustrie propagiert wird, übernehmen. Spätestens bei der leidigen Killerspiel-Debatte sind auch die Progressiveren unter uns voll dabei.

 

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Die linke Panik vor der Zombiefizierung

 

Die linke, intellektuelle Kritik an der Massenkultur dreht sich seit über einem halben Jahrhundert ebenfalls immer um das gleiche Konzept und ist mit dem etwas sperrigen Begriff der „Kulturindustrie“ ironischerweise selbst sowas wie Pop-Philosophie geworden. Dabei wird beklagt, dass Populärkultur immer ein kommerzielles Produkt ist, dass uns zu hirntoten Konsumzombies macht und nur dazu da ist, einen gesellschaftlichen Systemkreislauf von “Arbeiten, Geld verdienen, Bullshit kaufen” aufrechtzuerhalten. Die Rolle der Popkultur ist hier in erster Linie, uns Konsumenten Bedürfnisse einzureden, die wir eigentlich gar nicht haben und unser gesamtes Streben auf den Erwerb von Waren zu lenken. Gemeinsam haben die linke wie die rechte Kritik, dass die Produkte der Unterhaltungsindustrie seicht und auf Verblödung aus sind, weil sie an die niedrigsten, sensationsgeilsten Instinkte appellieren um schlicht und einfach Quote – und damit Kohle – zu machen.

 

Macht Will & Grace schauen schwul?

 

Jetzt wäre es natürlich Blödsinn, diese traditionsreiche Kritik vollkommen in Abrede zu stellen. Da ist schon was dran, sonst würden wir ja nicht alle irgendwo zustimmen und uns für unsere Twitter und Facebook-Sucht rechtfertigen. Aber was, wenn das Ganze trotzdem – oder gerade deshalb – die Welt zu einer besseren macht? Wenn das mit der Vorbildwirkung stimmt, wir davon aber offenere, tolerantere Menschen werden? Wenn das Streben nach Profit ganz nebenbei engstirnige Tabus beseitigt, weil dem Kapitalismus eben nichts heilig ist? Wer hat eigentlich behauptet, dass Kommerz und Kunst einander ausschließen? Und ist – jetzt mal abgesehen davon, dass das nicht weiter schlimm wäre – irgendjemand schwul geworden, weil er David Bowie gehört oder Will & Grace geschaut hat? Natürlich nicht.

 

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Gay-Kultur als Pop-Pionier

 

Jede Art von Kunst – auch und gerade kommerzielle – muss sich an gesellschaftlichen Tabus reiben, wenn sie Erfolg haben will. Nicht zu sehr, das verschreckt die Masse, aber immer ein wenig. Es ist kein Zufall, dass eine überdurchschnittliche Anzahl von Pop-Ikonen nicht straight waren. Von Oscar Wilde über Judy Garland bis Freddy Mercury, Charly Sheen und Miley Cyrus, um nur ein paar zu nennen. Zum einen verschafft die Gegenkultur immer kreative Freiheit, zum anderen verschiebt sie permanent vermeintliche moralische Grenzen. Weniger, weil sie einen Weltveränderungs-Anspruch hat, sondern weil sich Kontroverse immer gut verkauft. Wir alle wollen Dinge hören, sehen, lesen, die unsere eigenen Vorstellungen brechen. Egal ob wir das gut finden oder ob uns das empört. Und mit der Zeit erodiert das gesellschaftliche Zwangsvorstellungen. Die Leute haben Elvis, die Beatles, Madonna und Lady Gaga geliebt, eben weil sie sich über gesellschaftliche Grenzen hinweggesetzt haben. Damit wurden Dinge populär und alltäglich, die vorher undenkbar waren. Unsere Welt wäre ein ziemlich langweiliger, globaler Gottesstaat, hätte Elivs´ „perverser“ Hüftschwung nicht den verklemmten Nachkriegsmief beseitigt, hätte Judy Garland nicht von den Qualitäten des Regenbogen gesungen und hätte Cindy Lauper uns nicht erklärt, dass Girls auch einfach nur Fun wollen, und zwar nach eigenem Gutdünken. 

 

Wie Kennedy den Hut abgeschafft hat

 

Die sexuelle Revolution wäre ohne Rock´n Roll nicht denkbar gewesen. Pille hin oder her. Kennedy war der erste Präsident, der sich extensiv im Fernsehen vermarktet hat. Weil er als Stilikone auf das Tragen eines Hutes verzichtete, laufen die westlichen Männer seither barhäuptig durch die Welt. Gay Marriage ist heute in weiten Teilen Europas und selbst in den erzkonservativen USA Realität. Obamas Vize-Präsident selbst hat diese Zivilisationsleistung weniger seinem eigenen politischen Handeln als vielmehr der TV-Sitcom Will & Grace zugesprochen. Popkultur verändert die Welt. Nicht weil sie es will, sondern weil sich gebrochene Tabus gut verkaufen und die Konsumenten – wir alle – stets nach Neuem verlangen und sich an den Aufreger von gestern gewöhnt haben. Wer sehen will, wie weit wir gekommen sind, braucht nur auf Netflix zu schauen und sich Mad Men reinzuziehen. Wenig hat so sehr zu einem allgemeinen Bewusstsein für Gender-Equality beigetragen wie diese Serie. Außerdem lässt gerade die globalisierte Popkultur die Welt zusammenrücken. Die Kolumbianerin Shakira macht kommerzielle Musik nach US-Amerikanischem Vorbild und philippinische Kids wackeln dazu mit ihren halbwüchsigen Ärschen auf YouTube und wir ziehen uns das in Europa rein.

 

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Tatort ist peinlich und Sex mit Minderjährigen noch immer nicht ok

 

Der Witz an der Sache ist, dass Popkultur gerade deshalb progressiv wirkt, weil sie kommerziell ist, und nicht, weil das ihre Agenda ist. Damit ein Produkt auf dem Markt Erfolg hat, muss es gefallen. Dass die Nummer gerne schief geht, wenn man das ganze gut meint und pädagogisch von oben herab angeht, kann man jeden Sonntag im deutschen Fernsehen bewundern. Anders als in Amerika werden beim allwöchentlichen Tatort soziale Probleme nicht mit der Waffe, sondern mit gutem Zureden gelöst. So weit, so richtig. Aber wie peinlich und offensichtlich naiv da versucht wird, den Leuten die Welt zu erklären, kann man gar nicht oft genug unterstreichen. Da lachen ja die Hühner. Kaufen würde das vermutlich niemand. Aber das ist ja auch nicht der Anspruch. Dass die Menschen im Übrigen ganz gut unterscheiden können, welche Tabus mit gutem Grund existieren und welche nicht, egal was die Popkultur so hergibt, zeigt einer der erfolgreichsten Romane des 20. Jahrhunderts: Lolita. Nabokovs Geschichte einer erotischen Beziehung zwischen einem 40 Jährigen Autor und einer 12 Jährigen Schülerin war einer der größten Popkultur-Skandale überhaupt. Das Buch ist heute ein Klassiker, Sex mit Minderjährigen ist aber auch im Jahr 2017 noch Tabu. So viel zu Sittenverfall und Massenverblödung.

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Text: Klemens Gindl