Echte Männer weinen nicht… oder doch?

Das Patriarchat hinterlässt seine Spuren nicht nur im Alltag von Frauen, sondern auch in der Psyche von Männern. Traditionelle Rollenbilder und sozialer Druck tragen dazu bei, dass psychische Erkrankungen vor allem bei jungen Männern vermehrt auftreten.

Lukas ist 24 Jahre alt und ein Student wie jeder andere. Er teilt dieselben Sorgen wie die meisten seiner Altersgruppe, jedoch ist sein Leiden unsichtbar. Diagnose: wiederkehrende Depression. Keine Krankheit, die für andere auf den ersten Blick erkennbar wäre und auf welche man ebenso Rücksicht nehmen würde wie auf einen körperlich verletzten oder eingeschränkten Menschen. Der junge Mann erinnert sich gut an die Zeit, als alles begann: Der Auslöser war die Trennung von seiner damaligen Freundin, gepaart mit einer Orientierungslosigkeit zu Beginn seines Studiums. Ein übliches Problem Anfang der Zwanziger, würden viele sagen. „Jeder hat einmal einen schlechten Tag“, hört Lukas von einigen Bekannten. Jedoch werden die schlechten Tage häufiger und extremer. Aus einer schlechten Laune entwickelt sich eine Panikattacke nach der anderen, bis der Student einen Psychiater aufsucht und auch mehrere Tage in der Klinik verbringt. „Es fühlt sich so an, als würde der Körper implodieren. Das stresst einen innerlich so sehr, dass man verrückt wird. Man geht nur noch vom Schlimmsten aus, rational denken geht nicht mehr“, beschreibt er den Zustand seiner Ausweglosigkeit.

Lukas ist bei weitem kein Einzelfall. Die WHO ging in Österreich im Jahr 2015 von 400000 Betroffen aus. Im selben Jahr nahmen sich 1.249 Personen das Leben, wovon 960 Männer waren. Darüber hinaus treten depressive Erkrankungen häufiger bei Menschen mit geringem Bildungsgrad, arbeitslosen und arbeitsunfähigen Personen auf, so der Depressionsbericht des Sozialministeriums.

Entgegen der häufigen Annahme, nach der das Geschlecht nur eine biologische Kategorie bezeichnen würde, ist mittlerweile klar, dass dieses auch eine soziale Komponente beinhaltet. Das Umfeld und die Erziehung beeinflussen maßgeblich unser gender, also unsere Geschlechterrolle in der Gesellschaft. Je nach kulturellem und sozialem Hintergrund differiert auch die Erwartungshaltung anderer. Die Frau übernimmt traditionellerweise den Part des sensiblen, überemotionalen Hausmütterchens, welches seine Gefühle öfter zeigt oder gar hormonell bedingt einfach nie im Griff hat. Der Mann hingegen hat stark zu sein und jederzeit volle Leistung zu erbringen. Weinen? Das tun doch nur Babys. Und überhaupt, welche Frau will schon ein Weichei? Hollywoodfilme vermitteln uns das Bild eines hyperpotenten und dominanten Mannes, welcher alles Böse dieser Welt mit Leichtigkeit besiegt. Der Parademann ist muskulös, handwerklich begabt und frei von Ängsten. So ist zumindest der Konsens, oder?

Das deutsche Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie beschreibt die Stereotypen der Geschlechter als „Expressivität“ stellvertretend für Frauen und „Instrumentalität“ für Männer. Frauen wären demnach passiv, nachgiebig, vorsichtig bzw. ängstlich, (emotional) abhängig, Männer hingegen das entsprechende Gegenteil: kraftvoll bis aggressiv, aktiv, abenteuerlustig, unabhängig und so weiter. Die Zuordnung dieser Eigenschaften führt auch zu einer klaren Rollenverteilung innerhalb der Familien und Haushalte. Während bei Frauen klar ist, dass diese für den Nachwuchs und den Haushalt verantwortlich sind, nimmt das männliche Familienoberhaupt die Rolle des Alleinverdieners und -ernährers ein. Psychische Störungen entstehen da, wo gesellschaftliche Stereotypen und persönliche Bedürfnisse besonders divergieren.

Die bekannte Studie „Sex-role stereotypes“ der amerikanischen Psychologin Inge Broverman u. a., die bereits 1968 erschien, zeigte sogar auf, dass zwischen den Geschlechtern hinsichtlich psychischer Gesundheit differenziert wird. Es gäbe demnach also keinen mental gesunden „Unisex-Menschen“. Einer psychisch gesunden Person werden stereotypisch männliche Eigenschaften zugewiesen, einer Frau hingegen jene eines psychisch kranken Mannes. Das bedeutet im Endeffekt also, dass psychische Erkrankungen als „weiblich“ und seelische Gesundheit als „männlich“ klassifiziert werden.

Ist es nun wirklich so, dass die Häufigkeit und Art von psychischen Erkrankungen zwischen den Geschlechtern dermaßen voneinander abweichen? Grundsätzlich gibt es keine epidemiologischen Daten, welche aussagen würden, dass Männer häufiger psychisch erkranken. Jedoch bestehen Unterschiede hinsichtlich der Krankheitsart. Während Frauen häufiger unter psychosomatischen und vegetativen Beschwerden sowie Depressionen und Angststörungen leiden, sind Männer öfter suizidal und suchtkrank. Neuere Daten zeigen außerdem, dass Depressionen bei jungen Männern zunehmen. Forschungsergebnissen zufolge gibt es einen starken Zusammenhang zwischen psychischen Krankheiten und geschlechterspezifischen Rollen. Risikofaktoren für Männer sind unter anderem (länger andauernde) Arbeitslosigkeit und auch Konflikte in der Partnerschaft oder gar eine Trennung bzw. Scheidung. In diesen Punkten weisen Männer im Vergleich zu Frauen eine erhöhte psychische Morbidität und Mortalität auf.

Doch obwohl, wie bereits erwähnt, Überlegenheit, Dominanz und soziale Anerkennung als die „klassischen“ männlichen Ideale gelten, befindet sich nur ein geringer Anteil der männlichen Gesellschaft tatsächlich in dieser sozialen Position. Die meisten Männer leben in einem inneren Konflikt zwischen eigener Unsicherheit und dem propagierten Idealbild, welcher nicht selten mittels aggressiven Verhaltens oder erhöhter Risikobereitschaft ausgetragen wird.

Das stereotypische Mannsein wird Betroffenen dann zum Verhängnis, wenn es darum geht, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Von Männern wird erwartet, Gefahren und Sorgen problemlos zu bewältigen. Potenzielle Ängste werden einfach unter den Teppich gekehrt. Besonders ältere Generationen haben damit zu kämpfen, wie Lukas bestätigt: „Mein Papa konnte nie damit umgehen. Er hat mir gesagt, dass ich mich einfach zusammenreißen soll. Ich weiß, dass er es nicht so gemeint hat, und es tat ihm später leid.“

Gefühle der Schwäche – also „weibliche“ Emotionen – werden unterdrückt, wodurch eine gewisse seelische Barrikade entsteht. Die daraus resultierende Bewältigungsstrategie ist häufig exzessiver Alkohol- und Drogenkonsum, Ausübung von Gewalt bis hin zum Selbstmord. Dass Depressionen in letzter Zeit bei jungen Männern häufiger auftreten, könnte durch Identitätskrisen im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Wandel der Geschlechterrollen bedingt sein.

Depression ist zwar eine Krankheit, aber keine unheilbare. Was hilft betroffenen Personen also bei der Genesung? In Lukasʼ Fall sollten eine Dauermedikation mit Antidepressiva und für Notfälle – wie etwa Panikattacken – Beruhigungsmittel die Lösung sein. Zweitere haben jedoch den gefährlichen Nebeneffekt, sehr schnell abhängig zu machen. Dies musste auch Lukas erfahren, als er immer häufiger zu den Benzodiazepinen griff, die ihm verschrieben wurden. „Man rutscht ziemlich schnell rein, wenn man sich unwohl fühlt. Man denkt, es wird schon nicht so schlimm sein“, gibt er zu. Eineinhalb Monate schluckt er nahezu täglich die „Gute-Laune-Pille“, welche seine Probleme gefühlt verschwinden ließ, bis er seine Abhängigkeit realisierte.

Medikamente sind allerdings nur die halbe Miete. Eine gute Psychotherapie und ein unterstützendes Umfeld halfen Lukas beispielsweise, wieder in ein geregeltes Leben zu finden. Eine Alltagsroutine sei außerdem ein wichtiger Faktor gewesen, sein psychisches Leiden und immer wieder auftretende Suizidgedanken in den Griff zu bekommen. Entspannte Abende mit Freunden, Ruhe und kein bzw. wenig Alkohol sind für den Studenten in solchen Situationen auch heute noch wichtig. Ja, und nicht zu vergessen: auch Männer dürfen weinen!

Header: Tom Pumford on Unsplash


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