Sehnsuchtsort Tinder, Grindr, Okcupid & Co: Jeder kennt die Apps, liebt sie. Hasst sie. Jeder hat sie mal runtergeladen (heimlich), wieder gelöscht – ist doch eigentlich eh Müll… Dann doch wieder neu geladen- Absprung irgendwie doch nicht geschafft. Die perfekte Ergänzung für unsere “Generation Beziehungsunfähig” und Garant für Dating-Profile, die eher an ein mini Instagram-Profil erinnert: Optimierte digitale Ich’s, oberflächliches Swipen, kurzlebige Dates. Fremde, die Fremde bleiben, weil aus der online Welt doch nie Wirklichkeit wird. Doch jetzt kommt da eine Studie um die Ecke, die für die LGBTQIA+ Community genau das Gegenteil behauptet: 80 Prozent der Queers glauben, dass Dating-Apps ihrer Community in positiver Weise zugute gekommen sind… Really?

TINDER KINDER

 

Als Tinder 2012 gelaunched wurde, startete ein neues Dating-Zeitalter. Zwischen allgegenwärtigem Rumscrollen und Posten haben wir gar nicht gemerkt, dass wir schon längst kein Protagonist in unserem digitalen Leben mehr sind. Jahrelang waren Tinder, Grindr & Co das Aushängeschild einer „Hook-Up-App”, doch irgendwie irgendwo irgendwann, hat sich die Gesellschaft damit abgefunden, dass wir jetzt auch Dating auf die digitale Ebene bringen.

 

…Und wer hat das schon zu Beginn verstanden? Die LGBTQIA+ Community. Hier wurden die Möglichkeiten des digitalen Kennenlernens schon 2009 beim Launch von Grindr erkannt. Ergebnis? Eine Studie ergab im Jahr 2017, dass sich 65 Prozent aller gleichgeschlechtlichen Paare in den USA online kennenlernten. So ist Online-Dating seit 2000 die häufigste Art für gleichgeschlechtliche Paare, um sich kennenzulernen.

 

 

MATCH MAKER?

 

Doch wie haben Tinder & Co die Gay Community tatsächlich verändert? (insert grübelndes Emoji hier)

 

Eine neue Umfrage von Tinder selbst hat ergeben, dass 80 Prozent der LGBTQIA+ Personen glauben, dass Dating-Apps der Community in vielerlei Hinsicht geholfen haben. Zum Beispiel sagen 46 Prozent der Befragten, dass man(n) sich durch die Apps mit vielfältigeren Menschen auseinandersetzt. Inwiefern? Dated man offline, trifft man in der Regel nur Menschen, die durch gemeinsame Bekanntenkreise, Hobbies, usw, bereits viele Überschneidungspunkte mit einem selbst haben. Man bleibt also in seiner kleinen sozialen Comfort Zone.

 

Mehr Vielfalt also, ok. Laut der Umfrage fühlen sich 82% LGBTQIA+ Personen in der Gesellschaft durch die App zunehmend akzeptiert und glauben, dass ihre Identität weniger stigmatisiert wird, als noch vor fünf Jahren. Man sei sowohl bei Dates als auch in der Öffentlichkeit offener geworden, und Dating Apps sollen dabei helfen. Vielleicht weil dadurch, nicht nur Zärtlichkeiten, sondern auch Diskurse offener werden?

 

 

38 % der LGBTQIA+ Personen haben sich der Studie nach nie offiziell geoutet, während 40 % der Befragten sogar angaben, dass ein Outing aufgrund angeblicher Normalisierung sowieso an Bedeutung verloren habe.

 

43 % der Queers gaben außerdem an, dass es immer wichtiger wird, dass jeweilige Dating-Partner an Themen interessiert sind, die die Gay Community betreffen. In diesem Zusammenhang wurde noch festgestellt, dass die relevantesten Community Themen aktuell Mobbing, Selbstmord und Transgender-Rechte sind.

 

Die Umfrage ergab auch, dass mehr und mehr (67 % um genau zu sein) LGBTQIA+ Personen öffentliche Zuneigung bei Dates zulassen. 57 % gaben an, dass man gerne Händchen hält und 44% fühlen sich beim Küssen in der Öffentlichkeit wohl.

 

Kommt eine solche Umfrage von Tinder selbst, stellt sich natürlich die Frage, wie ernst man die Ergebnisse tatsächlich nehmen kann. Die Plattform ist seit jeher eine Symbiose von „Wow, endlich eine Möglichkeit, Menschen fern meines eigentlichen Umfeldes zu daten” und einem Online-Shopping Modus á la „Mal schauen was heute so im Angebot ist…” Diese zwei Ansatzpunkte sind grundsätzliches Für und Wieder des Online-Datings. Man verliert sich in Möglichkeiten und Zeit, ist während dem Match parallel schon wieder am swipen.

 

 

Für die Gay Community ist es eine Art safe space, ein Ort, wo kein Outing mehr nötig ist, kein Hin & Her. Klarheit irgendwie. Aber auch nur irgendwie. Durch den ständigen Drang nach Swipes bleibt ein Match oft ein digitales Phänomen und dem Dating wird die ausschlaggebende Elektrizität genommen. Wir finden uns eigentlich in einem Pool voller gehetzter, einsamer Seelen wieder, suchend nach dem einem Match, was aus digital analog macht. Dating-Apps eröffnen die einmalige Möglichkeit, Menschen kennenzulernen, die einem sonst im „realen Leben” niemals begegnet wären. Dennoch sollte man bedenken, dass jeder Nutzer sich aus unterschiedlichen Gründen auf dem digitalen Dating-Spielplatz aufhält und die eigenen Erwartungen demnach nicht allzu hoch geschraubt werden sollten.

 

Autor: Lena Pfeiffer
Quelle: Tinder