Bleistiftreste auf der Handfläche. Ein Ensemble an Farbspritzern auf dem Kleid. Die Arbeit bleibt auf dem Canvas, doch der Arbeitsprozess an der Künstlerin hängen. Talitha Tvarocska hat eindeutig keine Angst davor, sich die Hände schmutzig zu machen. Aber schmutzig ist ihre Arbeit nicht nur im Arbeitsprozess, denn auch das Endergebnis mag für manchen als “dreckig” gelten. “Twaka” macht innerhalb ihrer Kunst als auch im gesprochenen Wort keinen Halt vor allerlei Tabus rund um Pornographie, Suizid und allen anderen heiklen Themen unserer Gesellschaft. Da Talitha maßgeblich an der POP Print-Issue beteiligt war, wollten wir natürlich auch mehr über sie erfahren. Und so haben wir sie rund um ihre Philosophie, ihren Alltag und natürliche ihre Kunst ausgefragt!

I. Wie würdest du deinen Beruf / deine Kunst selber beschreiben?
In erster Linie sehr abwechslungsreich! Ich bin ja gelernte Grafik-und Designerin, arbeite aber vor allem in malerischen und illustrativen Bereich. Wir leben in einer Zeit der kontinuierlichen Veränderung und der Momentaufnahmen, Reizüberflutung und -sättigung sind für KünstlerInnen ein enormer Druck. Aber hier eröffnet sich die Freiheit, diese Challenge anzunehmen, neue Techniken zu entwickeln, Menschen mitzureißen, neues auszuprobieren und vor allem miteinander zu kombinieren. Egal ob Plattendesign für Musikerinnen (zuletzt Voodoo Jürgens), spannende Illustrations-Projekte wie für euch von Vangardist oder meine Ausstellungen vorzubereiten, neue Lichtinstallationen zu kreieren und meine knalligen Arbeiten neu zu präsentieren. Mittlerweile kann ich sagen, das meine Kunst eine „NEON-abstract-surrealism-art“ geworden ist, welche Malerei & Illustration vereint.
 
 
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II. Wie würdest du deinen Stil beschreiben und was hat dich dazu bewegt ihn dir anzueignen und zu verwenden? Was macht deinen Stil besonders?
Das besondere an meiner Technik ist das Schichten, Lasieren (teils über Monate hinweg) und Kombinieren verschiedener Farben und Materialen. Egal ob Collage, Malerei oder Illustration, ich weiß nicht ob du das kennst, aber wenn ich mich auf eine Fläche, einen Gegenstand bzw. auf das „vor“ mir konzentriere, so sehe ich keine weiße Tür oder einen braunen Holzboden. Stattdessen erlebe ich, wie hunderter von Pixel leicht schwingend rieseln und aus mindestens zehn Farbstufen und -nuancen zusammen gesetzt tanzen.
 
 
III. Woher nimmst du die Inspiration für deine Projekte? Wer oder was inspiriert dich?
Die Masterfrage! Haha! Ich liebe es ja junge beziehungsweise unbekannte Künstler zu entdecken und auch zu fördern. Inspirationen seit der Kindheit sind unter anderem Arnulf Rainer, Rudolf Schwarzkogler und Salvadore Dali. Man kann sagen, die „Wiener Gruppe“ und später der „Wiener Aktionismus“ waren seit jeher die prägendsten Einflüsse meiner Arbeiten. Nicht zu vergessen sind Künstlerinnen wie VALIE EXPORT, Pipilotti Rist und Mara Mattuschka, welche mit feministische Power die Kunstszene geprägt haben. Oder Leigh Bowery, welcher mit schriller Extravaganz gestrahlt hat!
 
 
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IV. Mit welchen Mitteln arbeitest du um dich künstlerisch auszudrücken?
Ich setze mir hier keine Grenzen und arbeite malerisch auf Leinwand bis Styropor, illustrativ analog bis digital, Installationen bis inklusive lebenden Maden, photographisch als auch konzeptuell-textlich. Hauptsächlich analog, aber natürlich auch medienübergreifend und digital. Farben bestehen hauptsächlich aus Acryl, Ölpastellen, Spraylacken, Edding, Bunt- und Bleistiften.
 
 
V. Im Zeitalter der Digitalisierung noch Kunst auf Papier zu bringen, wirkt doch sehr archaisch. Warum greifst du dennoch auf analoge Mittel zurück?
Mich haben schon immer Haptik und Gerüche fasziniert, mit allen Sinnen zu arbeiten ist unersetzbar.Dreckige Finger vom Arbeiten zu haben, geben mir mehr Glücksgefühl als manikürte Nägel. Deshalb gestalte ich wenn möglich selbst Grafikprojekte und gerade Illustrationen größtenteils analog. So setze ich Techniken wie Überkleben und Collagieren von diversen Papieren oder Siebdrucken ein, sticke über Gemaltes, zeichne mit verschiedenen Farben und Stiften. Dies kann man auch anhand meines schulischen Werdegang sehen. Ich habe auf der Herbststraße „Kunst“ belegt und vor allem durch meinen Schwerpunkt Textil mit Siebdrucken, Sticktechniken aber auch Webtechniken gearbeitet und habe auch damals schon, außer Stoff und Wolle mit Plastik, Neon und Draht gearbeitet und kombiniert. Durch das Kolleg an der Graphischen Leyserstraße und die darauf anschließende Meisterklasse für Kommunikationsdesign habe ich gelernt, Design, Originaldruckgrafik, Typographie, Illustration und Malerei (aber auch digitale Bearbeitung) als eine gemeinsame Palette an Möglichkeiten zu sehen. Das ganze habe ich durch mein Philosophie-Studium zusätzlich ergänzt.
 
 
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VII. Auf deiner Website steht du hättest einen „Hang zum Skurrilen, Trash-igen, Pornographischen und Morbiden“. Wieso das? Woher kommt dieser Hang dazu?
Schon als kleines Kind hatte ich eine Schwäche für Horrorgeschichten und Knochen. Durch Tabu-Themen wie psychische Erkrankungen, Suizid und menschliche Abgründe anzusprechen und zu brechen, war seit jeher mein Anliegen. (Immer mit dem Kopf durch die Wand!) Wenn ich meine Vorbilder betrachte, dann waren es immer jene, die diese Botschaften hervorgebracht bzw. in einem Absurdum neu definiert haben. Das Sexuelle und Pornographische ist durch meine offene Lebensauffassung das Grundlegendste. Während meiner Ausbildungszeit habe ich einige Jahre nebenbei in einem Sex-Shop gejobbt. Ich habe diese Zeit sehr positiv in Erinnerung. Es kamen Frauen/ Männer, alt/ jung , hetero-/homo-/transsexuell, Studenten, Business-Leute, Hausfrauen, Witwer, KundInnen aller Religionen und Alters. Ich habe mit Prostituierten und Dominas gesprochen, Jugendberatung für 18-jährige Pärchen gegeben oder für manche einsame Seele ein Ohr gehabt.
 
 
IX. „Inhaltlich werden vor allem feministische und Sexualität bezogene als auch suizidale Thematiken erarbeitet. Aufklärend, aneckend und provozierend soll die Kunst politische Arbeit leisten.“ Wieso genau interessieren dich diese Themen? Wie versuchst du diese Thematiken zu erarbeiten? 
Wie schon erwähnt sind das die essenziellen Grundbedürfnisse und Probleme der Menschen und gleichzeitig die Schambehaftesten. Sexualität ist ein sehr kontroverser Begriff und wird leider oftmals falsch interpretiert und birgt ein weites Spektrum an künstlerisch ausarbeitbaren Möglichkeiten und Botschaften. Feminismus bedeutet für mich in erster Linie Gleichberechtigung, Menschsein und Freiheit. Suizidgedanken und -potential ist ein nach wie vor unterschätztes Tabu-Thema der heutigen Gesellschaft und daher wichtiges Thema meiner Werke. Aneckend und provozierend, schrill und trash-ig versuche ich Leute anzuhalten und mitzureißen. Sterile Kunst ist wohl das Letzte, was man über mich und meine Arbeiten sagen kann. Ich benutze bewusst Stilelemente und Worte welche manchen Unbehagen verleiht. Wenn ich Worte wie „Brunzen“ oder „Futlapperl“ benutze, dann sage ich das schon sehr bewusst und sehe im richtigen Kontext kein Problem. Meine Freunde sagen, ich habe eine „Goschn“ wie Charles Bukowski und „mein Stil ähnelt Egon Schiele auf MDMA“.
 
 
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X. Für viele unserer Leser ist der Alltag einer Künstlerin oft fern ihrer Lebensvorstellung. Daher wollen wir ihnen einen Zugang verschaffen. Wie würdest du selbst deinen Alltag beschreiben?
Ziemlich stressig, dafür herrlich abwechslungsreich. Ich arbeite Teilzeit als Grafikerin. Nachmittag bis Abend, sieben Tage die Woche heißt es, an die „freischaffenden“ Projekte heranzutreten. Das bedeutet Atelier-Betrieb, Veranstaltungen und Vernissagen besuchen, der aktive Austausch mit anderen Künstleri_nnen und Kulturschaffenden. Dazwischen kommen Grafikprojekte oder Illustrationsaufträge und Projekte, wo man schon mal die eine oder andere Nacht durcharbeitet und am nächsten Tag trotzdem 100% geben muss.
Politisch bin ich als Beiratsmitglied des Vereins „NutzerInnen Beirats für Leerstand“ tätig. Das beinhaltet gemeinsames Ausarbeiten von Informationen, Texten, Profilen und dergleichen mit meinen Kolleginnen, leite den grafischen Sektor und veranstalten zweimal im Jahr ein NutzerInnen-Treffen zum informativen Austausch.
Zusammen mit Andrew Stix, Gert Resinger, Christina Noelle, Kim Okura und Aures Sellaoui kuratiere ich einmal im Monat das ART AFTER DARK Kunsthappening in der Art Galerie „fuenf vor zwoelf“, bei der jeweils zwei KünstlerInnen ausgestellt werden. Wir leben die Kunst und hoffen, dass man das spürt! #diebestenkuenstlerderstadt
2016 habe ich das Künstler_innen Kollektiv „Unrat“ ins Leben gerufen. Es beinhaltet Kunstformen und -stile wie Malerei, Photographie, Performance, Videoinstallationen, Maskenbildner-Kunst, Sprach-/ Dichtkunst oder auch Musik, alles ist im Kollektiv vertreten. Zusammengefasst beschreibt sich UNRAT als identitätssuchend, feministisch, kritisch hinterfragend, surreal und provokativ.
Nächste Ausstellung im Amerlinghaus
 
Hier sind paar Eindrücke vom letzten ART AFTER DARK vom 18. Mai
 
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XIII. Du hast doch für unsere POP Issue Illustrationen gemacht. Gab es einen Grund, warum du dies genau für die POP Issue gemacht hast? Was war der Reiz für dich an der Sache?
Ja auf jeden Fall! Pop ist schrill, exzentrisch, mitreißend und gemeinschaftlich ansteckend. Sowohl in der Kunst durch Duchamp oder Andy Warhol bzw. in der Musik durch Bowie bis Madonna sehe ich die treibende Kraft und rieche den Duft von Freiheit. Man muss kein Pop-Fan sein, um Pop zu lieben oder dadurch nicht inspiriert worden zu sein. Zumal Pop ein sehr weit interpretierbarer Begriff ist und viele Facetten aufweist.
Gute Stories, welche ich mitleben kann, illustrieren zu können, ist der Garant für ein großartiges Projekt. Ich liebe gesellschaftskritische und aufklärerische Geschichten, ich bin ja auch eine Revoluzzerin und yeah – feiern wir den Pop! Nehmen wir Bowie, er ist einer der populärsten und erfolgreichsten Musiker unsere Zeit gewesen. Über 2–3 Generationen hat er Menschen bewegt, hat sich immer wieder neu definiert und hat es immer wieder geschafft, Neues zu kreieren. Musikalisch aber auch sexuell ein Revolutionär.
 
 
VIII. Was möchtest du mit deiner Arbeit / deiner Kunst erreichen? Hast du eine größere Message / Philosophie neben der Selbstexpression?
Zusammengefasst möchte ich Menschen das Spüren und Fühlen zurück geben. Kunst hat die Möglichkeit und Freiheit, über das Leben, die Menschen, die Probleme und Sehnsüchte zu sprechen und darüber zu diskutieren und kritisieren. Das bedeutet frei zu sein und sich keinem Tabu zu unterwerfen, sondern seine Stimme zu erheben und der Kunst ihre politische Stimme zurück zu geben.
 
 
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Wenn ihr noch mehr über Talitha Tvarocska erfahren wollt, dann schaut doch einfach auf ihrer Website vorbei oder folgt ihr auf Facebook oder Instagram!


Autor: Alexander Jud