Terror in Bratislava: Der Tag danach

Am Mittwochabend erschoss ein 19-jähriger Rechtsextremist zwei Menschen und verletzte eine weitere vor einer bekannten LGBTQIA+ Bar in Bratislava. Am Donnerstag überschlugen sich die Ereignisse im Nachbarstaat. Wir haben alle Entwicklungen für dich zusammengefasst.

Die Tat

Die Tepláreň-Bar ist ein bekannter Treffpunkt für LGBTQIA+ Personen in der slowakischen Hauptstadt und liegt in einer ruhigen Gasse in der Altstadt unterhalb der Burg. Der Täter, Juraj K., lauerte, so Zeug:innen, seinen Opfern mit einer Waffe mit Laservisier 30min lang auf. Er schoss schließlich auf zwei Männer und eine Frau, die aus der Bar traten. Die beiden Männer starben auf der Stelle, die Frau wurde mit schweren Verletzungen in eine Klinik gebracht. Danach floh der Täter. Die Polizei setzte ein Großaufgebot an Personal, Hundeführer:innen, Hubschraubern und Booten ein. Juraj K. setzte auf der Flucht via Twitter einen Post ab, in dem er sich zur Tat bekannte und jede Reue von sich wies. Die Polizei fand ihn am Donnerstagmorgen schließlich tot auf – offenbar richtete er sich selbst.

Die Opfer

Die drei Opfer des Anschlags sind ein Angestellter und Kund:innen des Lokals. Matúš, ein Chinesisch- und Sinologiestudent der Universität in Bratislava, arbeitete neben seinem Studium für die Bar Tepláreň. Er starb gemeinsam mit seinem Freund Juraj V., einem Philosophiestudent und Verkäufer im Nebenjob. Die Universität Bratislava legte ein Kondolenzbesuch öffentlich aus. Über die verletzte Frau ist nicht viel bekannt. In einigen Medien wird sie ebenfalls als Mitarbeiterin beschrieben, offenbar widersprach der Barbesitzer dem aber. Sie schwebt nicht in Lebensgefahr.

Der Täter

Der Angreifer ist der 19-jährige Juraj K. Er wuchs offenbar in einem rechtsextremen Umfeld auf. Sein Vater kandidierte früher auf Lokalebene für die neonazistische Kleinpartei Vlast’. Juraj K. besuchte in Bratislava ein Gymnasium für Hochbegabte. Er verfasste vor seinem Tod ein 65-seitiges Skriptum, in dem er faschistische Thesen aufstellte, sich auf rassistische und nationalsozialistische Vorbilder bezog und mehrere Anschlagsziele formulierte. In dem Schriftstück wirft er besonders dem Judentum und der LGBTQIA+ Community vor, an den Problemen der Welt Schuld zu sein. Weiters leugnete er darin den Holocaust und rief zu Hassverbrechen auf. Juraj K. besuchte und fotografierte mehrere Anschlagsziele: zum einen die Tepláreň-Bar aber auch das Wohngebäude des Ministerpräsidenten der Slowakei, Eduard Heger. Auf Twitter äußerte sich Juraj K. wiederholt antisemitisch und queerphob. Der Account, auf dem er auch noch während der Flucht postet, wurde erst am Donnerstagmorgen von Twitter gelöscht.

Die Folgen

Der Terroranschlag sorgt für große innenpolitische Unruhe im Land und Diskussion über Hatespeech in der Politik. Das Land, das nächstes Jahr seinen 30. Unabhängigkeitstag feiert, wird von einer rechtskonservativen Koalition angeleitet. Der Ministerpräsident Eduard Heger, selbst erst seit anderthalb Jahren nach dem Rücktritt seines Vorgängers im Amt, äußerte sich recht zügig am Donnerstag zum Anschlag, verurteilte diesen, nannte aber die Sexualität und Identität der Opfer eine “Lebensweise”. Nach lauter Kritik entschuldigte er sich dann später am Abend. Er wird heute um 17:00 Uhr am Gedenkmarsch für die Opfer in Bratislava teilnehmen. Man muss hierbei beachten, dass sein Koalitionspartner Sme rodina eine rechtspopulistische und offen queerphobe Partei ist. Slowakische Tageszeitungen kritisieren, dass vor allem Regierungspolitiker:innen keine Distanz zu früheren queerphoben Aussagen suchen und nur allgemein kondolieren, ohne die LGBTQIA+ Community beim Namen zu nennen.

Die Präsidentin der Slowakei, Zuzana Čaputová, wurde am Donnerstagmorgen bereits deutlicher auf Twitter. In einem Statement schrieb die linksliberale Staatschefin, dass “aus Worten Waffen werden können” und dass “Hass tötet”. Weiters forderte sie Politiker:innen dazu auf, die eigenen Worte stets zu überprüfen, bevor sie ausgesprochen werden, bevor “es zu spät” sei. Sie besuchte am gleichen Tag den Tatort, wo sie auf den Besitzer der Bar traf, der in ihren Armen in Tränen ausbrach.

Der Besitzer der Bar, Roman Samotný, kritisierte die slowakische Politik stark. Im slowakischen Nationalrat hatte es in letzter Zeit wiederholt queerphobe Initiativen gegeben. Er berichtete auch von zahlreichen Angriffen auf die Bar in der Vergangenheit durch Sachbeschädigung und Beleidigung. Er kündigte zudem an, die Tepláreň-Bar schließen zu wollen.

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