Es gibt die folgende Situation immer wieder und nahezu jeder kennt sie natürlich auch. Man spricht mit Freunden über einen jungen Herren, den man gerade kennengelernt hat und es folgt die Frage: „Top oder Bottom?“ Oder, vielleicht noch viel Vertrauter, die zweite Grindr-Nachricht mit dem gleichen Inhalt. Und noch ein weiteres Beispiel, damit auch ja allen klar ist, worum es geht. Thema eines Gespräches ist ein junger Mann und plötzlich meint einer „Der ist aber nur passiv“ und alle anderen reagieren mit großem Aufsehen, denn damit hat niemand gerechnet. In allen Fällen geht es um eine Frage, nämlich die Rolle beim Sex: „Top oder Bottom“ eben. Tatsächlich gibt es einige Wissenschaftler, die versuchen darauf eine Antwort zu finden. So stellte etwa eine Studie aus dem Jahr 2013 der Universität Toronto/Kanada, die in den Archives of Sexual Behavior veröffentlicht wurde, fest, dass sich die Menschen auf stereotype männlich-weiblich Merkmale bei ihrer Beurteilung stützen und diese auch auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften transferieren.

 
Einfacher ausgedrückt: In unserer beschränkten Vorstellung sind eher feminine Jungs immer passiv und eher maskuline Typen eher aktiv.

 
Das faszinierende an der Studie, die 23 Teilnehmer konnten von 200 Männergesichtern – 100 Tops, 100 Bottoms – über 60 Prozent der Tops als solche identifizieren, aber nur knapp 38 Prozent der Bottoms als solche. Erschwerend kam hinzu, dass die abgebildeten Gesichter frei von Verzierungen jeglicher Art waren und auf neutralem Hintergrund in schwarz-weiß gezeigt wurden.

 
Gegenüber Vice erklärte der Autor der Studie, Dr. Nicholas O. Rule, dann auch, dass die Teilnehmer ihre Beurteilung nach „heterosexuell-inspirierten Stereotypen“ abgegeben haben. Und weiter, dass natürlich nur biologische Indikatoren, wie Behaarung oder eine quadratische Kieferform beurteilt wurden (es waren ja Fotos), nicht aber das Verhalten der gezeigten Männer.

 
Und seien wir ehrlich, jeder kennt einen extrem maskulin aussehenden Mann, dessen Herz und Stimme sich beinahe überschlägt, wenn die ersten Takte von „…Baby one more Time“ aus dem Lautsprecher tönen.

 
Der Forscher Trevor Adam Hart untermauert das auch mit der Hypothese, dass Jungs, die feminin sind, von der Gesellschaft und dem heteronormativen Bild eben auch in die weibliche Rolle gedrängt – also aufgrund äußeren Drucks zu Bottoms werden. Das führt dann im Weitern dazu, dass sich die eher weiblichen Männer besonders maskulin verhalten und etwa extrem trainieren oder Ähnliches. Das Ergebnis sind dann die Power-Bottoms.

 
Und wie erkennt man sie nun? Die Tops und Bottoms dieser Welt? Die Antwort darauf ist leider enttäuschend: gar nicht. Und viel wichtiger ist ja sowieso, dass jeder die Position beim Sex findet in der er sich wohlfühlt. Ob nun Bottom, Top oder Versatile ist dabei am Ende vollkommen egal. Entscheidend ist nur, was rauskommt.

 


Text: Stephan Otto