Das Outing. Der Zeitpunkt, an dem sich so vieles ändert. Das Davor war ja alles so anders, so nichts, die Zeit nach dem Outing wird anders, besser, schöner. In vielen Fällen ist ein Outing natürlich nicht notwendig, da einem selber und allen anderen schon früh bewusst ist, dass die sexuelle Orientierung also diesen Weg eingeschlagen hat. In manchen Fällen ist die Verbalisierung der sexuellen Orientierung jedoch noch ein gern gesehenes und genommenes Tool, um das Umfeld wissen zu lassen, dass man das eigene Geschlecht anziehend findet und ab jetzt jemand anderes sein wird (oder kann).

 

Ich komme vom Land und bin in einem kleinen Dorf neben einer kleinen Stadt aufgewachsen. Natürlich war mir damals schon klar, dass ich Jungs sehr, nämlich mehr, interessant finde als Mädchen und mich auch zu ihnen hingezogen fühle. Ich konnte meine damaligen Gefühle zum damaligen Zeitpunkt nur nicht richtig einordnen oder anderen Menschen verständlich machen. Das hatte (leider) auch den Grund, da niemand in meinem Bekannten- oder Verwandtenkreis offen homosexuell war und ich deshalb auch so gut wie keinen Bezug dazu hatte. Mit der einsetzenden Pubertät wurde mir es logischerweise immer klarer, dass ich schwul bin, jedoch aufgrund von mangelndem Selbstbewusstsein und Unsicherheiten habe/konnte ich mich und meine sexuelle Orientierung nicht akzeptieren. In einem Ort, in dem niemand schwul ist (zumindest kannte ich damals niemanden), war es für mich klar, dass das etwas ist, was es nicht gibt, ignoriert wird und ich deshalb von mir wegschiebe.


Jamie-Street
© Jamie Street

Mit der Pubertät kam dann auch das Bedürfnis, eine Beziehung zu führen. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich Freundinnen. Aus dem Grund, weil man das halt so macht: Als Junge in dem Ort, in dem ich wohnte, hat man nun mal eine Freundin. Nichts Anderes. Deshalb hatte ich welche, mehrere, hintereinander. Natürlich war das alles eine Art Selbstleugnung, das erkenne ich heute auch. Zum damaligen Zeitpunkt war das leider meine Realität, mit der ich versuchte klarzukommen und die ich nach außen versuchte aufrecht zu erhalten. Meine längste Beziehung zu einer Frau dauerte sogar drei Jahre lang. Drei Jahre, in denen wir auch nur minimalste Körperlichkeiten austauschen, da ich logischerweise zu nichts anderem, zu nicht mehr, bereit war. Sie hatte sich damit abgefunden und die Sache war klar oder einfach zu egal.

 

Während dieser dreijährigen heterosexuellen Beziehung zog ich um. Es verschlug mich wegen dem Studium nach Wien. Weg vom Kleinstadtleben am Land angekommen in der City, wo man so sein kann, wie man möchte und in der Diversität und Akzeptanz in einer anonymisierten Art und Weise herrschen, die ich so vorher nicht kannte. In Wien angekommen öffneten sich mein Herz und meine Augen und ich erkannte mich. Mich selber. Wer ich bin und was beziehungsweise wen ich möchte. Ich beendete meine heterosexuelle Beziehung und habe mich als schwulen Mann akzeptiert. In dieser Zeit folgte natürlich auch das Outing, zuerst bei meiner Familie, dann bei all meinen Freunden. Zu meiner Verwunderung war das viel unspektakulärer als erwartet oder befürchtet. Es war allen egal oder sie dachten es sich sowieso schon längst. Für sie änderte sich nichts. Für mich alles. Endlich.


Warren-Wong
© Warren Wong

Im Endeffekt hatte das alles so seinen Grund, wie das passiert ist, nämlich dass ich mich (zumindest für meine Verhältnisse) relativ spät geoutet habe, unnötigerweise. Sonst wüsste ich nicht, wo ich heute sein würde oder ob ich diese Zeilen texten würde. Es fiel mir früher nun mal schwer, mich als den Menschen zu akzeptieren und zu lieben, der ich auch bin. Nun, einige Jahre nach meinem Umzug in die Großstadt und nach meinem Outing, bin ich derjenige, der ich sein möchte. Ein Mann, der offen mit sich und seiner Sexualität umgehen kann.

 

Outings können so divers wie die Menschen selbst sein. Wichtig dabei ist nur, dass man zu sich steht, egal wann im eigenen Leben die Selbstakzeptanz einsetzt. Es kommt darauf an, dass es irgendwann passiert und man glücklich sein eigenes Leben so leben kann, wie man es möchte.

 

Text Michael Haller
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