Zugegeben: Ich bin ihnen auch verfallen, den Sad Boys. Wer mit dem Begriff nichts anfangen kann: Das Urban Dictionary beschreibt den typischen Sadboy als jemanden, der Anglerhut trägt, Arizona Green Tea trinkt, die Musik des schwedischen Rappers Yung Lean hört und allgemein etwas depressiv ist.

Man findet sie in Bars, auf Friedhöfen, generell überall, wo schöne, alte Gebäude stehen, und auf Instagram. Ihre Bilder schwarz-weiß, die Seele mindestens genauso dunkel wie die Ringe unter ihren Augen, die Arme und der Hals und manchmal auch das Gesicht verziert mit Tattoos – meist Skizzen, besonders gern Stick-And-Poke, und natürlich hat jedes eine Geschichte –, die Stimme verraucht, der Blick schweift melancholisch oder traurig – im besten Falle beides – in die Ferne, die Klamotten gerne Vintage, auf den Ohren Vorzeige-Sadboy Yung Lean oder auch mal Lana del Rey – aber nur die langsame Lieder mit den deepen Lyrics –, in der Hand ein Bier oder irgendwas stärkeres – aber in keinem Fall ein fancy Cocktail oder so, keep it oldschool –, und die Gespräche philosophisch, deep, existenziell und immer von einem Hauch Melancholie durchzogen.

Klingt vielleicht erstmal nicht so interessant und man mag sich fragen, was daran attraktiv sein soll, aber ich muss sagen: In Kombination funktioniert das doch sehr gut, die Sad Boys kommen an. Warum?

Ich glaube, in einer Welt, in der uns Perfektion in so gut wie allen Medien, auf allen Kanälen, vorgegaukelt, versprochen wird, sehnen wir uns nach einem Gegenpol:

In der Fernseh-Werbung sitzen perfekte Familien jeden morgen zusammen, um lachend gemeinsam in eine Scheibe Brot zu beißen, die mit einer gewissen Nuss-Nougat-Creme beschmiert ist; auf Instagram zeigen Influencer wie perfekt sie morgens doch aussehen #iwokeuplikethis; auf der Straße lächeln uns Fitness-Models von Plakaten mit ihren perfekten Körpern an und wollen uns Abos verkaufen; die Lebensläufe der anderen sind irgendwie immer viel voller als der eigene … Da ist doch ein bisschen Wind aus der entgegengesetzten Richtung mal ganz angenehm. Und hier kommen die Sadboys. Sie laufen in abgerockten Klamotten rum, gucken traurig statt ein weißes Zahnpasta-Lächeln zu präsentieren, sprechen über traurige Dinge – kurz: Sie servieren uns eine gehörige Portion Weltschmerz. Wie ehrlich, wie authentisch das wirklich ist, sei einmal dahin gestellt. Denn natürlich hat sich um die Sadboys eine Art Trend, ein Hype entwickelt – und seien wir mal ehrlich: Auch ihre Instagram-Feeds sind genau überlegt, die Posts oft gut inszeniert. Da ist natürlich eine Menge Oberflächlichkeit, auch wenn die traurigen Blicke etwas anderes sagen. Aber für mich – und wahrscheinlich auch für andere – suggerieren sie Verletzlichkeit. Und wer offen verletzlich ist, der ist auch ehrlich, versteckt sich hinter keiner Fassade, so zumindest die Vermutung. Und das scheint irgendwie einen gewissen Reiz auf uns zu haben.

Dass ich hier von dem Klischee-Bild des Sadboys spreche, sollte wohl klar sein. Es ist in keinster Weise mein Anliegen, mich über depressive Menschen lustig zu machen oder dieser Krankheit die Ernsthaftigkeit zu nehmen.