Ich bin jetzt Mitte, Ende 20, habe mein Studium abgeschlossen, diverse Praktika absolviert und arbeite nun in einem ganz normalen Job in einer ganz normalen Firma mit ganz normalen Kollegen. Alles ganz normal soweit. Aber irgendwas frisst mich innerlich auf, irgendwas nagt an mir, gibt mir ein unwohles Gefühl. Ich stelle mir Fragen, auf die ich keine Antworten geben kann:

 

Ist das wirklich das, was du für den Rest deines Lebens machen willst?
 
Macht man eigentlich irgendwas überhaupt sein Leben lang?
 
Ich liebe meinen Partner, aber ist unsere Beziehung gut für mich, gut für uns?
 
Was mache ich wohl in fünf Jahren?
 
Was würde ich gerne in fünf Jahren machen?
 
Was mache ich eigentlich gerne?
 
Hätte ich damals nicht lieber was anderes studieren sollen?
 
Bin ich in dem, was ich gerade mache, überhaupt gut genug?
 
Was mache ich gerade überhaupt?
 
Bin ich glücklich?
 
Bin ich unglücklich?
 
Reiche ich aus?
 
Mache ich gerade alles richtig oder alles total falsch?
 
Was ist überhaupt richtig, was ist falsch?

Das, was da in mir hockt, mir immer wieder in den Bauch zwickt, mir fiese Fragen ins Ohr flüstert, mich vom Schlafen abhält, mich einfach nicht in Ruhe lässt, nennt man in der Populärpsychologie auch Quarter Life Crisis. Midlife Crisis kenne ich, klar. Sobald der Begriff auftaucht, habe ich sofort das klischeehafte Bild eines grauhaarigen Mit-50ers im Kopf, der, sein kurzärmliges Hawaii-Hemd zur Hälfte aufgeknöpft, mit Goldkettchen behängt in einer teuren, tiefer gelegten Protz-Karre hockt, begleitet von mehreren Frauen, die circa halb so alt sind wie er. Bis es mit mir soweit ist, habe ich ja noch ein paar Jahre vor mir. Bin ja noch jung, bin ja noch voller Ideale, voller Ideen. Denkste! Auf einmal hat dich die Quarter Life Crisis total im Griff und du beginnst, dein bisheriges Leben, deinen Werdegang, deine Entscheidungen – beruflicher und privater Natur – nochmal zu überdenken. Du zweifelst an allem: An deinem Umfeld, an deinem Alltag, an dir. Du stellst dir ständig die Frage:

Was wäre gewesen, wenn …?

Diese kleine Krise, die sich circa in oder nach dem ersten Viertel des Lebens einschleicht, ist fies, aber gar nicht so abwegig. Schließlich sind viele Mitte 20 mit ihrem Studium, ihrer Ausbildung fertig und steigen in das normal Berufsleben ein. Klare Regeln, strukturierte Abläufe, klare Hierarchien, aber auch ein neuer Umgang miteinander, auf einer anderen Ebene, auf Augenhöhe – man ist nicht mehr der Azubi, der das zu tun hat, was sein Ausbilder ihm sagt. Da muss man sich erstmal reinfinden und lernen, zu bestehen. Und dann kommt die Angst dazu, den Anforderungen, die nun, wo man keinen Welpen- oder Praktikanten-Bonus mehr genießt, an einen gestellt werden, nicht gerecht zu werden, zu versagen. Außerdem haben wir unsere wilde Jugend hinter uns gelassen, sind schon lange keine Teens mehr, sondern gerade noch so Twens. Die jungen Geschwister unserer Freunde haben jetzt einen Führerschein, alle 1999 Geborenen werden dieses Jahr volljährig.

Ich merke selbst, wie ich langsam gesetzter werde – wie aber auch von mir erwartet wird, dass ich gesetzter werde. Die Emotionen, die in der Pubertät noch am Überkochen waren, blubbern nun auf mittlerer Stufe stetig vor sich hin. Ich frage mich nicht mehr, welche Party ich auf keinen Fall verpassen darf. Ich frage mich aber, was ich mir diesen Monat besseren sparen sollte, um die Miete zu zahlen.

Wenn man mich fragt, was diese ominöse Quarter Life Crisis ist, sage ich: When Reality Hits You Hard. So viel neue Verantwortung, so viele Zweifel, so viele Bedenken.

Aber auch hier hilft ja alles nichts: Man muss einfach das beste draus machen! Und wenn man zum Beispiel das Gefühl hat, dass Job oder Partner vielleicht doch nicht das Richtige für einen sind, ist es noch lange nicht zu spät etwas zu verändern. Manchmal ist ein Tapetenwechsel einfach das allerbeste, was einem passieren ist – auch wenn das Abkratzen der alten Tapete unter den Fingernägeln weh tut und man vielleicht das eine oder andere Mal auf dem Tapetenkleister ausrutscht.

 

weeklygrind16