Morgens früh aufstehen, mit einem leichten Schädel vom Vorabend – vielleicht hätten zwei Glas Wein gereicht. Dann nochmal schnell zum Sport, die bieten ja morgens immer diesen Yoga-Kurs an, soll ein super Start in den Tag sein. Dann noch schnell unter die Dusche springen und jetzt aber los zur Uni, in der Bahn dann zwischen dem heutigen Uni-Text, Facebook- und Instagram-App hin- und herspringen – da sag nochmal jemand, Männer seien nicht Multitasking-fähig.

Genau pünktlich zu Seminar #1 kommen, in der letzten Reihe Platz nehmen und während das tausendste langweilige Referat der Kommilitonen vorne abgespult wird erstmal alle Mails checken, beantworten und den Kalender updaten. Zwischendurch nicht vergessen ab und zu interessiert nach vorne zu gucken, bejahend zu nicken oder fragend den Kopf schief zu legen. 90 Minuten später sind dann erstmal alle Anfragen beantwortet und das Seminar überstanden. In der Mittagspause dann den Text für Magazin XY schreiben, der ja heute Abend Deadline hat, während man sich irgendwas Essbares ins Gesicht drückt. Dann ist auch schon Zeit für Seminar #2, welches ich etwas aufmerksamer verfolge, was aber auch daran liegt, dass ich den Text nicht gelesen habe und das irgendwie überspielen muss.

Nach dem Seminar dann noch ein kurzes Redaktionsmeeting eine Straße weiter, den in der Mittagspause angefangenen Text nochmal gegenlesen, abschicken, neue Mails abarbeiten und kurz nach Hause, umziehen und mal eben auf die Uhr schauen: 21:00 Uhr. Achja, es gibt ja noch dieses Privatleben, von dem alle immer sprechen … Also zum zweiten Mal heute irgendwas zu Essen ins Gesicht drücken – Müsli geht auch abends, oder? Dann mal ab ins Social Life: Bar, Bier, Bett – sofern ich letzteres überhaupt finde, denn für’s Wohnung-Aufräumen war in den letzten Wochen keine Zeit bzw. wenn dann mal Zeit da war, war keine Lust da. Morgen ist ja ein neuer Tag.

Das war der Auszug aus dem Leben eines Redakteurs. Die anderen Tage der Woche sehen ähnlich aus. Natürlich bin ich mir dessen bewusst, dass einige Menschen um 04:00 Uhr nachts aufstehen und dann den ganzen Tag im Schichtbetrieb in einer Fabrik zu ackern. Oder dass einige Menschen in irgendwelchen Finanzbetrieben sich die Nächte mit Transaktionen, die mir viel zu kompliziert wären, um die Ohren schlagen. Da dürfte ich mich also gar nicht beschweren, oder? Ich finde: Ich darf mich beschweren. Vielleicht ist es gar nicht der Workload, der mich so unter Stress setzt, sondern das ständige Hin- und Herspringen und das krampfhafte Festhalten an einem Konstrukt, das man als Work-Life-Balance bezeichnet. Man hat kaum Zeit sich auf eine Sache zu fokussieren, weil der nächste Termin, die nächste Deadline, das nächste Projekt immer schon mit tippenden Fingern am Tisch sitzt und genervt auf die Armbanduhr schaut.

Das Klischee des lang schlafenden, total verpeilten Studenten ist veraltet, heutzutage ist das tägliche Pensum meiner Meinung nach enorm, denn nur studieren reicht ja nicht – man muss den CV schon parallel irgendwie anfüllen, schließlich will man ja auch irgendwann mal einen guten Job.

Das Perverse: Man ist irgendwie in diesem Rhythmus gefangen, man gewöhnt sich daran und hält ihn irgendwann für normal – schließlich sang ja auch schon Misses Lifestyle Of The Rich And Famous, Frau Spears, im Jahr 2013: „You Better Work, Bitch!“ Und auch Gay-Ikone RuPaul wusste bereits 1992 im Song „Supermodel“ wo der Hase lang läuft: „You Better Work“!
Ich beobachte es bei mir: Wenn ich dann tatsächlich mal eine kurze Phase der Ruhe habe, werde ich einfach nicht ruhig – ich habe das Gefühl, irgendwas machen zu müssen oder irgendwas vergessen zu haben, nicht erledigt zu haben.
Ernsthaft: Wie macht ihr das? Wie geht ihr mit Stress um? Oder stelle ich mich einfach nur an? You wanna live fancy? Live in a big mansion?