Wir waren alle mal jung. Und wenn man jung ist, dann macht man auch mal Dinge, für die man sich ein paar Jahre später schämt, die einem unangenehm sind, die man am liebsten für immer aus dem Gedächtnis verdrängen und nie wieder darüber sprechen möchte. Damit meine ich jetzt nicht „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“-mäßige Plots mit Mord, Intrigen und Totschlag – ich meine das, was man wohl als Jugendsünden bezeichnen würde.

Letzte Woche habe ich beim Aufräumen alte Fotos gefunden. Nachdem ich über die Tatsache, dass man vor ein paar Jahren Fotos ja noch wirklich ausgedruckt hat, kurz schmunzeln musste, versteinerte mein Lächeln. Als ich realisierte, was genau ich da gerade gefunden hatte, wünschte ich mir, die Büchse der Pandora nicht geöffnet zu haben. Fotos aus meiner Jugendzeit. Schlimme Fotos aus meiner Jugendzeit. Zu sehen bin ich mit dunkel gefärbten Haaren, halb verdeckt von einer grau-schwarz karierten Mütze, in einer hautengen Skinny Jeans (ES WAR NICHT ALLES SCHLECHT!!!), welche von einem silbernen Nietengürtel gehalten und von einem weiteren, viel zu großen, schwarz-weiß karierten Nietengürtel verziert wurde. Ein ebenfalls knallenges, schwarzes T-Shirt mit einem weißen Bandlogo verwehrt den Blick auf meinen schlacksigen Körper – heute würde man das wohl Lauch nennen – und an den Handgelenken trage ich diverse Armbänder, wovon ein Großteil mit Nieten besetzt ist. Die schwarze Sweatshirt-Jacke hat Katzenöhrchen an der Kapuze.

Meine mit Kajal betonten Augen gucken unter der mit Haarlack festbetonierten Frisur, falls man das so nennen kann, in die Kamera, welche ich in einem leicht geneigten Winkel in die Luft gehalten habe. Mein Blick ist eine seltsame Mischung aus Traurigkeit und Langeweile – in etwa so langweilig und traurig wie der Fake-Lippenpiercing, den ich auf dem Bild trage. Heute gebe ich das offen zu: Ich war damals ein Emo. Ich habe mich gewungen, die seltsame, geschrieene Musik zu hören, mein SchülerVZ Name war irgendwas mit [[email protected]}.KnUdD3l.core und natürlich hing ich auch mit anderen Emos rum.

Emo war in meiner Jugend eine Subkultur von vielen. Aber es war eben auch die Subkultur, in der die Mädchen es toll fanden, wenn ihre Freunde miteinander rumknutschten. Fand ich natürlich auch toll – und wenn ich aus heutiger Sicht darüber nachdenke, war das vielleicht einer der Gründe, warum ich mich für eben diese Subkultur entschieden habe.

Denn es gab damals ja noch so viele andere: Die Hopper mit ihren viel zu großen Shirts und Hosen, die Rocker mit ihren Lederjacken und Zottelhaaren, die Punks, die Goths, die Kiffer, die Gamer, die Hippies … Wenn ich darüber nachdenke, sind wir damals als laufende Klischees aufgetreten. Aber warum auch nicht? Ich denke, es ist wichtig, dass man – gerade in seiner Jugend, also in der Zeit, in der wir uns ausprobieren, in der wir uns finden – eine Gruppe hat, zu der wir uns zugehörig fühlen, in der wir Halt haben, auf die wir uns verlassen können. Warum man dazu hauptsächlich nietenbesetzte Klamotten tragen muss, weiß ich auch nicht. Vielleicht hat es auch etwas mit Abnabelung zu tun: Ich möchte zum Beispiel nicht wissen, was meine Eltern sich damals gedacht haben müssen, als ihr Sohne rumgelaufen ist wie ein geplatztes Kopfkissen. Aber es war wichtig für mich und ich habe mir nicht reinreden lassen – auch wenn ich das mit Blick auf das Foto vielleicht nochmal hätte überlegen sollen.