Oh Boy, diese Highlights in deinen Haaren waren schon in den 90ern uncool!“, denke ich mir so im Vorbeilaufen – und schäme mich innerlich kurz für den bloßen Gedanken. Der Typ hat mir überhaupt nichts getan, ich kenne ihn gar nicht.
 
Ich stehe im Supermarkt an der Kasse, vor mir ein Typ in knallengen Jeans: „Die Hose würde ich bei den Schenkeln lieber im Schrank lassen.“, denke ich mir – und schäme mich wieder. Allerdings nur einen kurzen Moment, denn dann bin ich an der Reihe. Mir fällt auf, dass der Kassierer lange, gemachte Fingernägel trägt: „Süß, halt gar nicht mein Typ, zu feminin für mich, aber was soll’s!“ Diesmal schäme ich mich nicht. Sollte ich aber.
 
Denn was ist eigentlich nur los mit mir? Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich wildfremde Menschen in meinem Kopf bewerte, verurteile, in Schubladen stecke – obwohl ich ganz genau weiß, dass sowas echt daneben ist. Blonde Strähnchen sagen nichts über den Coolness-Faktor einer Person aus, das Gewicht sagt absolut gar nichts über den Charakter einer Person aus und gemachte Nägel bedeuten keineswegs, dass jemand feminin ist – und selbst wenn, ist feminin zu sein definitiv keine negative Eigenschaft. Es fällt mir jedoch leicht, anderen Menschen in meinem Kopf Eigenschaften anzudichten, sie zu verurteilen, denn das bleibt ja alles bei mir. Und dabei bezeichne ich mich als sehr weltoffen, verurteile jede Form von Rassismus, Antisemitismus oder Sexismus. Ich würde diese Gedanken nie, nie, niemals aussprechen. Aber warum denke ich sie überhaupt?
 
Und geht es nur mir so? Nein. Ich behaupte einfach mal, dass so gut wie jeder schonmal ähnliche Gedanken gedacht hat. Ich habe mit Freunden, mit Bekannten darüber gesprochen, sie gefragt, ob es ihnen auch so geht, ob sie manchmal auch so denken. Und nach einigem Rumdrucksen hat jeder Einzelne es bejaht. Fast täglich dichten wir anderen Menschen in unserem Kopf irgendwelche Eigenschaften auf Grund ihrer äußeren Erscheinung, ihrer Gestik, Mimik, ihrer Körperhaltung an. Freunde erzählen manchmal, dass ihnen auf den üblichen Dating Apps auch mal Kommentare wie „Treffen gerne, aber nur, wenn du deine Hose anlässt. Typen in Rock gehen gar nicht!“ entgegen gepfeffert werden. In der vermeintlichen Anonymität des Internets sind fiese Kommentare ja bekanntlich sowieso einfacher als face-to-face, aber im Grunde werden die Vorurteile einfach nur verschriftlicht. Und das kann ganz schön weh tun. Keiner von uns hat das Recht, andere Personen auf Grund ihrer Erscheinung einfach so zu verurteilen.
 
Und klar, ich weiß, dass man niemandem irgendwelche Gedanken verbieten kann, aber wäre es nicht viel schöner mit positiven Gedanken durch die Welt zu gehen? Man soll ja schließlich auch glücklicher werden, wenn man bewusst versucht öfter zu lächeln.
 

Ich fange jetzt damit an, die negativen Gedanken umzudrehen, positiver durch die Welt zu laufen. Das ist ein Lernprozess, ganz klar. Aber „Oh Boy, hübsches Lächeln!“, „Was sind das für lange Beine, Respekt!“ oder „Die türkisen Nägel passen perfekt zur Augenfarbe!“ klingt deutlich netter. Der Mensch ist ja bekanntlich ein Gewöhnungstier. Und wir sollten uns definitiv mehr Positivität angewöhnen.