Fluidity Edition

AUS HART WIRD FLÜSSIG

Warum die Welt mehr Fluidity braucht

Ein Text von Felix Jung aus Berlin

Der politische Diskurs um Fluidity boomt. Geschlecht, Identität und Sexualität – ist plötzlich alles up for discussion?! “Und wann wusstest du, dass du queer bist?”, lautet die Frage, die einem schwulen Mann wie mir so gerne auf Hauspartys gestellt wird, während die Gäste auf den zusammengewürfelten Stühlen in der Küche sitzen. Trotz der leicht übergriffigen Untertöne beantworte ich die Frage in letzter Zeit gerne. Denn sie steht für vieles, was gerade in der Welt los ist …

Queer im Krabbelstall

Ich war drei, als mir die anderen Jungs im Kindergarten sagten, dass ich eigentlich ein Mädchen sei. Ich war weder in Mädchenklamotten gekleidet, noch hatte ich eine besonders hohe Stimme. Es war lediglich ein … Vibe, um es mit gegenwärtigem Vokabular auszudrücken. Bis heute faszinieren mich diese Beleidigungen, die beim näheren Hinschauen keine sind. Schmunzelnd muss ich an unsere ohnehin androgynen Kindergesichter zurückdenken, daran, dass meine queer Energy, meine Fluidity schon in diesem Alter, gerade erst dem Krabbelstall entstiegen, von anderen Kids sofort gespürt wurde. Daran, dass sie schon genug über die Welt wussten, um mich auszuschließen. Damals war ich seltsam und anders. Heute würde man vielleicht sagen: fluid. Doch was ist Fluidity überhaupt?

Bestätigen Ausnahmen die Regel?

Der Glaube, dass es nur zwei Geschlechter gibt, besteht in der westlichen Welt seit Jahrhunderten. Mann, Frau, Hierarchie. Die kleine Emily wird hübsch und irgendwann mal eine liebevolle Mutter. Lukas wird stark, klug und durchsetzungsfähig. Lange schaute man bei den 1,7 Prozent der Weltbevölkerung weg, die intersex sind, also körperlich nicht eindeutig den Kategorien “männlich” oder “weiblich” zugeordnet werden können. Mehr und mehr findet neuerdings aber die Akzeptanz von geschlechtlicher Fluidität in Bezug auf die Identität Anklang. Geschlecht, also der Körper, Organe, Chromosomen und Hormone, wird konzeptionell ergänzt durch Gender. Das ist der soziokulturelle Aspekt von Geschlecht, der nicht immer deckungsgleich mit dem Körperlichen ist. Kulturelle Normen, wie Kleidung, Frisur, die Art zu sprechen, bilden unsere Genderidentität. Je mehr man sich damit auseinandersetzt, desto absurder wirken die starren Stereotype, die unsere Kultur noch immer prägen. Männer sind die Starken. Bis sie eine Erkältung haben. Frauen sind fürsorglich. Bis sie Karriere machen. Bestätigen Ausnahmen die Regel oder sind die Regeln derart ausnahmeanfällig, dass man sie überdenken sollte?

Eine neue Sprache finden

Das Internet jedenfalls ist voll von neuen Begriffen, mit denen die ehemaligen Grauzonen und unbenannten Aspekte der Persönlichkeit im sozialen Gefüge der Welt einen Namen bekommen. Genderqueer, Genderfuck, trans, non-binary, agender und viele mehr. Doch sind dies nicht nur weitere Labels, die wiederum neue Stereotype mit sich bringen?

Schaut man sich die Entwicklung der feministischen und queeren Bewegung der letzten Jahrzehnte an, wird klar, dass die Diversifizierung der Begriffe rund um Geschlecht, Gender und Sexualität ein Zwischenstadium darstellt. Denker:innen wie Judith Butler haben den klassischen Feminismus mit anderen kritischen Denkansätzen rund um sexuelle Identität, Klasse, Race oder Ableismus erweitert. Auch der Begriff des Feminismus als solcher wird also weicher, breiter und fluider.

Ein neues Stadium von Zivilisation?

Beeinflusst sind die feministischen Strömungen auch von der Philosophie, maßgeblich vom Postmodernismus sowie vom Poststrukturalismus. Nicht nur werden als universal wahr geglaubte Konzepte hinterfragt, auseinandergenommen und erweitert, auch die Sprache selbst wird stärker als konstitutiv für die Realität wahrgenommen: Fluidity erhält nicht nur ihr eigenes Vokabular, schlicht weil sie existiert. Die Nutzung der neuen Wörter bewirkt wiederum eine Veränderung der Wahrnehmung der Menschen. Viele sagen, dass diese ausgebreiteten, neuen Konzepte die Vorstufe zu einem neuen Stadium unserer Zivilisation waren, in dem Geschlecht schlicht keine Rolle mehr spielt. 

Own your Fluidity

Das bringt mich zurück zur Geschichte aus dem Kindergarten. Zwanzig Jahre dauerte es, meine geschlechtlich ambivalente Energie akzeptieren und lieben zu lernen, sodass ich heute sagen würde: “Ja, vielleicht bin ich nicht nur ein Mann, sondern auch ein bisschen Frau oder am liebsten irgendwas komplett außerhalb dieser Kategorien!” Und obwohl ich meinen ehemaligen Kameraden aus dem Kindergarten heute inhaltlich zustimme, ist meine fluide Identität noch immer ein Problem. Weil sie nicht als abwertender Kommentar an mich gerichtet ist, sondern direkt aus meinem Mund kommt. Die Ownership des eigenen Aus-der-Norm-Fallens wird in konservativen Kreisen nicht gern gesehen und oft als Indoktrinierung diffamiert – und das von vielen Seiten. Selbst ältere queere Menschen, die in ihrer Jugend für ihre Rechte kämpfen mussten, sind neuen Entwicklungen innerhalb der Community gegenüber kritisch eingestellt. “Ich habe ja meine Rechte, und alles andere geht mir zu weit”, lässt sich zwischen den Zeilen hören und lesen, wenn man auch Populist:innen wie Alice Weidel bedenkt, die zwar offen zu ihrer Queerness stehen, den Begriff selbst oder jegliche Art von nicht salonfähiger Queerness jedoch ablehnen. Solche Rhetoriken haben letztlich die Spaltung der Queer Community zur Aufgabe. Zukünftig wird es also darum gehen, trotz zunehmender Fluidity, trotz des Aufbrechens und Neu-Zusammenfügens unserer Glaubenssätze und unseres Handelns, uns nicht gesellschaftlich auseinanderbringen zu lassen. Denn unsere Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen: Immer neue Denkanstöße und Gespräche auf Hauspartys stehen uns bevor. Es wird weitergehen. Wie die Schriftstellerin Shellen Lubin schon sagte: “Knowledge is fluid, not finite.”


CREDITS

Editor
Felix Jung (he/him) / Instagram: @jungwiefelix

Creative Direction
Julian Behrenbeck (he/him) / Instagram: @julianbehrenbeck

Photography
Vlad Dobre / Instagram: @vladdobre

3D Illustration
No Worries Just Shapes / Instagram: @noworriesjustshapes

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