Gut aussehend, erfolgreich, gesund und das Leben fest im Griff. Und das zu jedem Zeitpunkt. So müssen wir uns der Welt präsentieren. Sei es in persönlichen Gesprächen, Networking Events, Social Media oder eben auch auf Dating Plattformen. Doch die Liebe, die wir uns dadurch erhoffen, werden wir so nie erhalten. Es ist höchste Zeit, die Menschlichkeit vor die Karriere und die Ehrlichkeit vor die inszenierte Schönheit zu stellen.

Wir sehen uns alle als komplexe Wesen, allein auf dieser Reise durch unsere verschiedenen Lebensabschnitte. Wir alle haben unsere Probleme, seien es bestimmte Komplexe bei unserem Aussehen oder unsere merkwürdigen Ticks und Denkweisen. Und dabei wollen wir doch alle nur verstanden werden. Wollen jemanden kennen lernen, der über all unsere Makel hinwegsieht – Nein, jemanden, der nicht nur drüber hinwegsieht, sondern uns genau für diese Makel liebt und uns versteht!
 
Doch wie soll jemand unsere Makel verstehen, wenn wir sie wie eine tödliche Krankheit zu verstecken versuchen. Unsere Tinder und Grindr Profile sind mittlerweile so dreidimensional wie eine Visitenkarte und neben unserem Fünfjahres-Plan und des Abenteuers entlang der Karriereleiter wollen wir nichts mehr von uns preisgeben.
 

Zugegeben, es ist riskant, diese Gedankenbarriere, diese unsichtbare Mauer abzubauen, welche uns davor beschützt verletzt zu werden. Beleidigung und Erniedrigung sind für viele der Grund, ihr wahres Selbst zu verstecken. Allerdings wird man auf diese Weise nie gleichgesinnte finden, Menschen die es auch riskieren, für ihre wirkliche Persönlichkeit verletzt zu werden. Dabei gibt es Nichts, das anziehender ist, als Menschlichkeit. Und was gibt es menschlicheres als Fehler zu machen, sich zu irren und falsch zu liegen.

 
Jedes Jahr sortieren wir unsere Tinder Matches aus, suchen uns die schönsten und erfolgreichsten potenziellen Partner aus und verabreden uns. Wir tragen unsere schönsten Klamotten, machen uns hübscher als wir es je im Alltag wären und setzen ein Gesicht auf, auf das Werbeagenturen neidisch wären. Auf dem Date reden wir dann über unseren Job, Dinge die uns nicht interessieren und versuchen uns am besten in Szene zu setzen. Es ist wie ein reziprokes Theater. Zwei Schauspieler, die sich gegenseitig etwas vorspielen. Und kein Publikum, dass sich für jemanden wirklich interessiert.
 
Doch immer wieder kommt die Frage? Wenn man schon von Ehrlichkeit und Realness spricht, was genau meint man damit? Wer und was bin ich? Man muss kein Philosoph sein, um manchmal in diese Fragen hineinzurutschen. Und doch ist es wichtig, dass wir uns sie immer wieder stellen! Wir sollten aufhören, unsere Persönlichkeit als Status mit verschiedenen Konstanten zu sehen. Viel wichtiger, wäre es, die Dynamik der menschlichen Psyche zu akzeptieren. Ja, manchmal sitzen wir bei Treffen mit den Freunden ruhig in der Ecke. Ja, manchmal wissen wir nicht, was wir auf einen Kommentar eines Mitarbeiters zynisches antworten können und denken tagelang darüber nach. Doch das ist nur menschlich. Es ist höchste Zeit, genau diese Menschlichkeit wieder zu embracen.
 
Jeder hat so seine gewissen Vorlieben und nirgends kann man diese so klar definieren wie in einem Tinderprofil. Allerdings läuft man damit auch Gefahr Menschen nur auf ihre körperlichen und sexuellen Merkmale zu reduzieren. Wir sind allerdings auch zu feige, für unsere Präferenzen einzustehen und einfach mal ehrlich zu sein. Und anstatt jeden zu ignorieren, der unserem Erachten nach nichts für uns ist, sollten wir ihn nicht ignorieren sondern einfach “Sorry, nicht mein Typ” oder “Sorry, Nichts für mich” schreiben.
 

Also wenn ihr das nächste Mal durch eure Matches stöbert und ihr die typische Nachricht “Hey, wie geht’s dir?” bekommt, antwortet doch mal wie es euch wirklich geht. Man weiß nie, wohin einen ein “Richtig beschissener Tag heute” führen kann.

 
Via Attitude


Autor: Alexander Jud