Chapter 2: One World Nation – Warum eine grenzenlose Welt nicht vollkommen utopisch ist

Die Zeiten scheinen finster für die Idee einer Weltgemeinschaft. Der Nationalismus erlebt gerade eine Renaissance, die Mauern, mit denen wir uns umgeben, sind so hoch wie nie zuvor – und trotzdem sind es gerade die großen Probleme unserer Zeit, die eine bis vor kurzem unerhörte Utopie zumindest denkbar gemacht haben. Fünf Gründe, warum eine Welt ohne Grenzen und Nationen heute näher sein könnte, als wir vielleicht denken.

By Angelika Treiblmayr

#1: Unsere Krisen sind die größte Chance

Angesichts hochgefahrener Grenzkontrollen, egoistischer Maskenexport-Regelungen und rabiater Auftritte populistischer Politiker musste jedem überzeugten Kosmopoliten in den letzten Monaten schon einmal schlecht werden: Die Covid19 Pandemie schien die übelsten nationalistischen Ressentiments zu beflügeln und nicht einmal rhetorisch war so etwas wie länderübergreifende Solidarität zu beobachten. Jeder für sich scheint die Devise unserer jüngsten Vergangenheit gewesen zu sein. Das ist zwar frustrierend, aber die großen Krisen unserer Gegenwart – allen voran der Klimawandel – haben eine vordergründig unangenehme Eigenschaft, die vielleicht die größte Chance für den Fortschritt der menschlichen Zivilisation überhaupt darstellen: Sie sind in einem Ausmaß existenzbedrohend, das wir nicht einfach kleinreden und ignorieren können. Den Luxus des nationalen Süppchenkochens werden wir uns schlicht nicht leisten können. Und bei allem Hang zur Blödheit haben wir Menschen eine Eigenschaft, die uns in den vergangenen 30.000 Jahren vom simplen Primaten zum Herrscher unserer Welt gemacht hat: Wenn’s wirklich eng wird, bilden wir Gemeinschaften und halten zusammen. Die Erfindung der Nation im 19. Jahrhundert war auch nur die Reaktion auf den Kollaps eines Systems, das nicht länger tragbar schien. Die existenziellen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts interessieren sich nicht für nationale Eitelkeiten – Briten sterben genauso an Corona wie Brasilianer – und wenn die Erderwärmung unsere Lebensgrundlagen zerstört, trifft es uns als Menschen, nicht als Österreicher, Inder oder Amerikaner. Das ist, bei aller Düsternis, auch eine einmalige Chance, die es so noch nie gegeben hat.

#2: Eine globalisierte Generation wird gerade erwachsen

Das Wort „Globalisierung“ hat – gerade auch aus dem Mund weltoffener Menschen – meist eine negative Konnotation. Unsere Jeans reisen dreimal um den Globus, bevor sie um 59,90 unsere privilegierten Beine zieren, der Amazonasregenwald wird abgeholzt, damit wir unser Avocadobrot zum Frühstück essen können und wenn wir ein Problem mit unserem Smartphone haben, wählen wir eine Hotline, um uns von einer schlecht bezahlten Servicekraft aus Indien Support zu holen. Auch wenn die Kritik an diesem Zustand – vor allem in ökologischer Hinsicht – durchaus berechtigt ist, vergessen wir die positiven Aspekte dieser einmaligen Weltrevolution. Die mediale Vernetzung unseres Planeten hat erstmals in der Geschichte eine Generation hervorgebracht, die sich ohne großen Aufwand mit Menschen aus aller Herren Länder austauschen und auch organisieren kann. Die Fridays for Future Bewegung etwa mag so manchem als idealistische Jugendträumerei erscheinen, die sich mittelfristig an der harschen Realität der ökonomischen Zwänge aufreiben wird. Viel entscheidender als die konkreten Anliegen dieser Bewegung ist aber, dass sie Menschen hervorgebracht hat, die mit ihren Herzen verstanden haben, dass globale Solidarität und grenzüberschreitende Zusammenarbeit für eine bessere Welt machbar und auch wirksam sind. Die vielgescholtene Generation Social Media ist noch zu jung, um an den Schalthebeln unserer kleinkarierten Welt zu sitzen, weshalb wir uns hüten sollten, die handysüchtigen Kids von heute vorzeitig als egoistische Konsumenten zu verunglimpfen. In nicht allzu ferner Zukunft werden sie aber das Sagen haben und es ist absolut nicht ausgeschlossen, dass eine Welt der nationalen Grenzen uns dann schneller abhandenkommen wird, als wir zu träumen wagen.


“Eine Nation der Menschen ist – vom Standpunkt des Nationalismus gesehen – eigentlich nur ein kleiner Schritt in die endgültig richtige Richtung.”


#3: Grenzen sind kein Naturgesetz

Der Homo Sapiens ist ein soziales Wesen. Von Geburt an sind wir Teil einer Gemeinschaft – sei es die Familie, der Stamm, das Dorf oder eben die Nation. Es ist die Fähigkeit, Communities zu bilden, die uns zur erfolgreichsten Spezies dieses Planeten gemacht hat. Bei allem Unglück, dass die Idee einer Nation in den vergangenen 200 Jahren über uns gebracht hat, sollte man nicht übersehen, was für eine weltbewegende und konstruktive Macht diese Kulturtechnik auch war und ist. Millionen Menschen, die einander nie begegnet sind, haben in hochkomplexer Zusammenarbeit eine vernetzte Welt geschaffen, die zwar noch immer ungerecht ist, aber in vielen Aspekten auch erstaunlich gut funktioniert. Die Voraussetzung dafür war jener entwicklungshistorische Quantensprung, den wir heute als Nationalismus bezeichnen. Anders als frühere Formen der Community basiert die Idee der Nation auf der Fähigkeit, eine Gemeinschaft zu abstrahieren. Einander völlig fremde Menschen haben gelernt, sich aufgrund bestimmter Gemeinsamkeiten wie Sprache und Kultur (was immer das heißen mag) als Teil eines Ganzen zu respektieren. Und auch wenn diese imaginierte Gemeinschaft anfällig für rassistische Verirrungen ist und sich bislang nur über „das andere“, die „out-group“ definieren kann, ist dieser Gedanke grundsätzlich auf die gesamte Menschheit ausdehnbar. Eben weil die Nation kein Naturgesetz – wie uns etwa der Nationalsozialismus glauben machen wollte – sondern eine Idee ist, sind die Kriterien für eine Zugehörigkeit verhandelbar. Eine Nation der Menschen ist – vom Standpunkt des Nationalismus gesehen – eigentlich nur ein kleiner Schritt in die endgültig richtige Richtung.

By Angelika Treiblmayr

#4: Rassismus, Sexismus und Homophobie sind out

Aufs erste Hinhören klingt diese Behauptung mehr als abenteuerlich. Fast täglich werden wir in den News, wie auch im Alltag, mit rassistischen Verbrechen (Polizeigewalt), sexistischen Untergriffen (#Metoo) und homophoben Zwischenfällen (LGBT-Free Zones in Polen) konfrontiert. Man wird zwischen medial transportierten Berichten von xenophoben Travel Bans und tausenden Toten im Mittelmeer das Gefühl nicht los, die Welt wäre ein zunehmend hoffnungsloser Fall was Freiheit, Gleichheit und internationale Solidarität betrifft. Dabei ist gerade die Tatsache, dass wir permanent davon hören, lesen und darüber diskutieren ein ziemlich sicheres Anzeichen dafür, dass die Welt, wie wir sie kennen, sich zum besseren entwickelt. Wenn in europäischen Hauptstädten die Leute auf die Straße gehen, um sich mit der US-amerikanischen #Blacklivesmatter-Bewegung zu solidarisieren, wird einem bewusst, dass Rassismus ein weltweites als Problem verhandeltes Thema geworden ist. Vor zwanzig Jahren noch hätten es die viel diskutierten Vorfälle von Polizeigewalt in den USA nicht mit einer derartigen Prominenz in die globalen Medien geschafft wie heute. Eine alle Grenzen überschreitende Kampagne wie #Metoo ist weniger ein Zeichen von zunehmendem Sexismus als von einer abnehmenden Toleranz gegenüber dieser Form des Chauvinismus. Mit einem Fünkchen Optimismus kann man feststellen, dass wir zum ersten Mal in unserer Menschheitsgeschichte einen globalen, öffentlichen Diskurs zu jenen Problemen haben, die für die Grenzen in unseren Köpfen wie auf der Landkarte verantwortlich sind. Eine andere Welt ist erstmals wirklich denkbar.

#5: Es gibt einen Prototyp: Die LGBTQIA Community

Wenn uns Jahrhunderte der Diskriminierung und Unterdrückung eines gelehrt haben, dann ist das globale Solidarität. Als LGBTQIAs haben wir in den vergangenen 50 Jahren eine Community geschaffen, die ungeachtet nationaler Zugehörigkeit, Hautfarbe, Wohlstand oder Geschlecht zusammensteht. Als Teil der Community findet man – überhaupt mithilfe digitaler Medien – in buchstäblich jeder Stadt dieses Planeten Freunde. Das Pflegen von Beziehungen jenseits ethnischer Zugehörigkeitskriterien und über alle Grenzen hinweg gehört für uns zum gelebten Alltag, den die wenigsten in Frage stellen würden. Unser Menschsein ist das gemeinsame Interesse, das uns verbindet und für das wir auch gemeinsam Kämpfen. Jede Pride – sei es in New York oder in Kapstadt – ist ein genuin grenzenloses, internationales Ereignis, das zeigt: Eine bessere Welt ist möglich. Die Grenzen sind nicht auf der Landkarte, sondern in unseren Köpfen. Und die können überwunden werden. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen nach Selbstbeweihräucherung, aber die Sache mit dem Stolz ist nun mal das Geheimnis unseres Erfolgs. Und ja, auch wir sind meilenweit davon entfernt, ohne Vorurteile und Diskriminierung miteinander umzugehen – etwa in Bezug auf Bodyshaming oder die noch immer weit verbreitete Ablehnung asiatisch aussehender Männer auf diversen Dating-Plattformen. Aber wir arbeiten daran, dass sich das ändert. Und das können wir als Menschen im Allgemeinen auch. Wenn es dann irgendwann einmal soweit ist, mit der One World Nation, hätten wir übrigens eine gute Idee für eine passende Nationalflagge: Sie hätte Streifen in den Farben des Regenbogens.


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