Moderne Technologie trifft prunkvolles Interieur der Volksoper. Britischer Professor trifft 14-jähriges Wunderkind. Gamedesigner trifft Evolutionspsychologe. Mit anderen Worten: Willkommen zu einem typischen Tedx-Event.

Wien, 21. Oktober 2017: Die Schlange vor dem ausverkauften Volkstheater ist lang, als ich um kurz vor neun Uhr eintreffe. Kein Wunder – Tedx ist ein international bekanntes Event, das nicht umsonst durch seine kurzweiligen, aber inspirierenden Clips auf YouTube für unzählige Menschen auf der ganzen Welt attraktiv ist. Das Thema heute: Humanity on the Edge. Der Mensch in Zeiten von exponentiellem Wachstum in Bereichen der Wissenschaft, Wirtschaft – und seine Rolle inmitten von all diesen Veränderungen. Große Themen wie künstliche Intelligenz, Klimawandel und Ungleichheit sollen innerhalb von vier Einheiten den ganzen Tag über besprochen werden – vorgetragen von Vordenkern aus der ganzen Welt, aufgelockert durch künstlerische und sportliche Beiträge sowie kulinarischen Verwöhnpausen. Wie genau hier der Bogen gespannt werden soll und wie all die unterschiedlichen Beiträge zusammenhängen – das gilt es heute herauszufinden.

 

Go viral and use your voice!

 

Wer bin ich in den endlosen Weiten des World Wide Web, wer bin ich im echten Leben? Was steckt hinter dem „Secret of going Viral“? Und sind wir tatsächlich schon so vorhersehbar geworden, dass sich unser Charakter anhand von unserem Gebrauch von Emojis definieren lässt? Diese und viel mehr Denkanstöße werden bereits in der ersten Einheit anhand von kurzen, unterhaltsamen Vorträgen auf der Bühne des Volkstheaters besprochen – unter anderem von bekannten Gesichtern wie Jack Roper, Produzent von dem YouTube-Kanal VSauce3, oder dem Berliner Comedian und Autor Shahak Shapira, der vor allem durch sein #YOLOCAUST-Projekt internationale Bekanntheit erlangte. Sein Tipp: Die eigene Stimme im Internet sinnvoll nutzen und nicht nur als cleveren Marketing-Trick betrachten. Mit dem Erfolgsrezept Idea = Insight + Mechanic könne jeder von uns einen wesentlichen Beitrag leisten – und damit die Aufmerksamkeit auf Probleme im echten Leben lenken. Denn: „Art does not solve problems, art exposes problems“, ist der gebürtige Israeli überzeugt.

 

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Shahak Shapira (c) by Daniel Wellinger

 

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist…

 

… es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt. Das denken sich nicht nur die Ärzte, sondern wohl auch die 14-jährige Schülerin aus Ohio, die versucht, der ganzen Welt einen leistbareren Elektrizitätszugang zu ermöglichen, oder die Interaction Designerin aus Norwegen, die ein besseres Kommunikationsmodell zwischen Technologie und Senior*innen etablieren möchte. Trotz teils großen Altersunterschieden, Professionen ohne jegliche Gemeinsamkeiten und unterschiedlichen Herkünften wird schnell klar, dass all diese Vortragenden auf der Bühne etwas gemeinsam haben: Den Willen, die Welt zum Positiven zu verändern, die sich durch technologische Innovationen zwar in vielen Fällen zu unserem Gunsten verändert – aber so schnell, dass kaum Zeit zum Innehalten und Reflektieren bleibt. Denn das ist die Aufgabe, die sich für uns ergibt, wenn Erfindungen wie Künstliche Intelligenz uns so viel abnehmen: Wie können wir diesen Fortschritt nutzen, wie dadurch die Welt zu einem faireren, toleranteren Ort machen?
Als ich nach einem intensiven, aber in vielen Hinsichten sehr bereicherndem Tag das Volkstheater verlasse und langsam wieder in der echten Welt und den belebten Straßen Wiens ankomme, habe ich das Konzept verstanden: Bei TedxVienna ging es heute nicht bloß darum, sich von interessanten Vorträgen berieseln zu lassen – es geht darum, hinauszugehen und sich von den Vordenkern inspirieren zu lassen. Wer weiß, vielleicht sieht man sich ja bei dem nächsten Event auf der Bühne wieder!


Text: Mona Harfmann

Bild: (c) Daniel Wellinger