Zeitgeist

James Bond und No Time To Die – Die Vangardist-Filmkritik

Das Wichtigste vorweg: „Keine Zeit zu sterben“ ist kein schlechter Bond. Er ist nur anders als ihn sich der eingefleischte Fan erwartet hat und es scheint ganz so, dass es ihm wie seinem großen Vorbild, „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“, ergehen wird: Von den Fans mit Ablehnung zum Zeitpunkt seiner Entstehung aufgenommen, nur um nach einigem zeitlichen Abstand als einer der besten Beiträge in die Bond-Annalen einzugehen. 

Bond ist tot, lang lebe Bond

Die spätestens beim Abspann einsetzende Irritierung ob des soeben Erlebten, ist nicht zu leugnen: „Keine Zeit zu sterben“ hinterlässt unmittelbar nach Sichtung den Eindruck einer überaus wuchtigen, überlangen und streckenweise etwas befremdlichen Mischung aus Horrorfilm, Psychothriller, Drama, Actionfilm und Rührstück.

Dass zu viele Oscars den Brei verderben können, zeigen zudem Rami Malek und Christoph Waltz als zwei der farblosesten Bösewichter der Bondgeschichte. Und dass liebevollen Huldigungen des klassischen Bond-Kanons, immer wieder Szenen von dessen vollkommener Dekonstruktion folgen, die in ihrer Radikalität einem Sakrileg und einer Heldenzertrümmerung gleichkommen, macht es auch nicht leichter, den Film sofort zu mögen. 

Rami Malek als Lyutsifer Safin: farblos (Screenshot: Trailer)

Das Ende einer Ära

Und doch besitzt „Keine Zeit zu sterben“ eine nur mit dem von ihm laufend zitierten „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ vergleichbare atmosphärische Dichte und innere Geschlossenheit. Auch fühlt er sich mit seinen Aston-Martin-Auftritten, einem tauchenden Speed-Flugzeug sowie einer an Dr. No erinnernden Giftinsel, bondiger an, als manch anderer, älterer Beitrag, wie z.B. „Leben und sterben lassen“ oder „Der Mann mit dem goldenen Colt“. Er bietet zudem hervorragende Action, zu der neben einer haarsträubenden Motorradfahrt mit anschließender Aston-Martin-Verfolgungsjagd, ein spektakulärer Einbruch mit Entführung aus einem Labor, ein fulminanter Kampf auf Kuba sowie eine Land-Rover-Verfolgungsjagd ebenso zählen, wie schöne Anspielungen auf alte Zeiten, etwa der Beginn der Titelsequenz aus „Dr. No“, das musikalische Leitmotiv aus „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ und einer Gemäldegalerie früherer „M“s.

Um sich das Wohlwollen der Fans auf Anhieb zu sichern und es sich leichter zu machen, hätte man einen gesamten Handlungsstrang herausnehmen und ihn dadurch gleichzeitig um 40 Minuten auf eine übliche Normallaufzeit kürzen können. Doch die Ziele waren kühnere: Das mit „Casino Royale“ eingeläutete, der Figur menschliche Tiefe und dem modernen Zeitgeist angepasste Craig-Universum, diese mutige durch Konstruktion, Variierung und Dekonstruktion geprägte Versuchsanordnung, sollte zu einem würdigen Abschluss gebracht werden. Dies ist, aller dramaturgischen und logischen Mängel zum Trotz, gelungen. 

Auch “Keine Zeit zu sterben” verzichtet nicht auf klassische Agententechnik (Screenshot: Trailer)

Ein Abschied auf Zeit

Dass James Bond in neuer, vielleicht leichterer und humorvolleren Form zurückkehrt, dass garantiert das am Ende des Abspanns gesetzte „James Bond will return“. Dem Ende des Craig-Bond-Universums soll jedoch der von „M“ in „Skyfall“ zitierte Auszug aus Lord Alfred Tennysons Gedicht „Ullysses“ als Epilog gestellt sein:

Sind wir auch länger nicht die Kraft, 
die Erd‘ und Himmel einst bewegte,
so sind wir dennoch was wir sind; 
Helden mit Herzen von gleichem Schlag,
geschwächt von Zeit
und von dem Schicksal;
doch stark im Willen
zu ringen, zu suchen, zu finden.
Und nie zu weichen.

Header: Logo des Films, Screenshot: Trailer

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