Lang lebe das Denkverbot! - Fünf moderne Tabus, an denen wir nicht rütteln können oder wollen

Taboo Edition

Lang lebe das Denkverbot! – Fünf moderne Tabus, an denen wir nicht rütteln können oder wollen

Der eigene Dating-Chatverlauf ist eine bizarre Abfolge von Grenzüberschreitungen, die selbst einem Marquis de Sade Respekt abringen würden. Die neue Lieblingsserie ist eine koreanische Torture-Porn-Orgie, die auf der ganzen Welt für ihre überbordende Geschmacklosigkeit gefeiert wird. Rapmusik ist mittlerweile queer as fuck, James Bond hat eine Tochter und in Deutschland wird über ein Tempolimit auf der Autobahn philosophiert. „Gut so!“, denkt sich da das progressive Herz. Tabus sind schließlich dazu da, um von uns gebrochen zu werden. Aber stimmt das auch? Sind wir tatsächlich so tabulos, wie wir gern behaupten? Hier sind fünf aktuelle Denkverbote, an denen wir nicht rütteln können. Oder wollen …

Tabu #1: Rassismus

Als Teil der LGBTQIA+ Community sind wir gewohnt, Tabus als überkommene Regeln zu betrachten, die uns am freien, selbstbestimmten Leben hindern. Wir kennen sie als fast schon schizophrene, kollektive Verdrängungsmechanismen, die nicht selten in unterdrückerischen Sprech-, Denk- und Handlungsverboten gipfeln. Ein Mann mit Kleid? Unmöglich! Zwei Frauen, die öffentlich Händchen halten? Darf nicht sein! Queere Fußballspieler:innen? Gibt es nicht! Was man dabei gerne übersieht: Tabus haben – wertfrei formuliert – eine essenzielle, soziopolitische Funktion: Sie schützen die grundsätzlichen „Abmachungen“, auf denen eine Gesellschaft beruht. Und weil das – zumindest in unserem Fall – bis vor Kurzem die heterosexuelle, männerdominierte Kleinfamilie war, stellte alles Queere eine ernsthafte Bedrohung dieser Ordnung dar. Weil die bloße Existenz von Queerness den Anspruch dieser Ordnung auf ihre vermeintlich naturgegebene Gültigkeit untergräbt, musste sie im Kollektiv unterdrückt, ja, verleugnet werden. Das Abweichen von dieser Norm wurde tabuisiert. Im Umkehrschluss bedeutet das: Werden herrschende Tabus gebrochen, und setzt sich dieser Bruch auch durch, sind die zugrundeliegenden Abmachungen nicht länger gültig – im Falle des heteronormativen Patriarchats eine gute Sache. Es gibt aber auch Themen, bei denen wir die Hüter:innen, wenn nicht gar die Errichter:innen von Tabus sind. Das größte progressive Tabu unserer Gegenwart ist der Rassismus. Rassistisches Handeln, Sprechen und Denken sind für uns ein absolutes No-Go, weil sie die Basis unseres humanistischen Gesellschaftsbildes radikal in Frage stellen: die Gleichheit aller Menschen. Und weil wir aus der Geschichte gelernt haben, dass rassistischem Gedankengut zerstörerische Worte und barbarische Handlungen folgen, ist uns sehr daran gelegen, dieses Tabu auch zu verteidigen. Provokationen von rechts etwa – „Das wird man wohl noch sagen dürfen!“ – muss unbedingt Einhalt geboten werden. Aber die Handlungsmuster, mit denen wir versuchen, diesen bösen Geist zu bannen, sind jene der Tabuisierung. Nur sind die Rollen hier vertauscht.

Tabu #2: Faulheit

Als Klassiker aus dem berüchtigten Kanon der sieben Hauptlaster hat der Unwille zur Leistung nichts von seiner einstigen Schmählichkeit verloren. Ganz im Gegenteil – Faulheit ist in unserer postmodernen Arbeitsgesellschaft die Todsünde schlechthin. In Ermangelung eines allmächtigen Schöpfergottes, der unserem irdischen Dasein Zweck und Richtung spenden könnte, sind wir dazu übergegangen, das eigene menschliche Schaffen zum höchsten und einzigen Sinn des Lebens zu erklären. Wer nichts leistet, hat es schwer, ein gleichberechtigter Teil unserer materialistischen Gemeinschaft zu sein. Vor allem, wenn es keinen Grund, kein Gebrechen, keine systematische Benachteiligung gibt, die eine solche Minderleistung rechtfertigt. Wer nicht arbeiten kann, um den muss man sich kümmern. Wer nicht arbeiten will, der ist – zumindest im sozialen Sinne – schlicht kein Mensch. Und weil das ein unmöglicher Zustand ist, verwenden wir Unmengen Zeit und Energie darauf, diverse Gründe zu identifizieren, warum wir unseren Ansprüchen und jenen der Gesellschaft nicht immer gerecht werden. Um nicht eingestehen zu müssen, dass wir ganz einfach keine Lust haben, pathologisieren wir lieber unsere Gemütszustände. Aus Unlust und Erschöpfung werden gerne einmal Depressionen, Angststörungen, Burnout. Nicht, dass das keine legitimen, seelischen Krankheiten wären, aber deren Ursache ist in sehr vielen Fällen einfach Überlastung. Wir geben lieber unser Recht auf Selbstbestimmung auf – ich will, aber ich kann nicht –, anstatt uns selbst und unser Umfeld mit dem Undenkbaren, mit dem Unsagbaren zu konfrontieren: Ich kann, aber ich will nicht. Weil dieser Unwille zur Leistung, diese eingestandene Faulheit, das Fundament unserer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft untergraben würde. Und auch, wenn immer wieder vom Ende des Kapitalismus geschwärmt wird: So weit sind wir noch lange nicht.


“Nicht zuletzt aufgrund der massiv gestiegenen kulturellen Relevanz der LGBTQIA+ Community und ihrer Themen hat sich unsere Vorstellung von Schönheit in der jüngeren Vergangenheit beträchtlich gewandelt.”


Tabu #3: Hässlichkeit

Es wird viel schwadroniert von Body Positivity, vom Mut zur Hässlichkeit, vom Widerstand gegen die Normschönheit. Mit immer neuen Hashtags prangern wir die Beauty-Obsession des sogenannten Mainstreams an, mit seinen stereotypen, meist sexistischen und fast immer unmenschlichen Idealen. Und zwar durchaus mit Erfolg. Nicht zuletzt aufgrund der massiv gestiegenen kulturellen Relevanz der LGBTQIA+ Community und ihrer Themen hat sich unsere Vorstellung von Schönheit in der jüngeren Vergangenheit beträchtlich gewandelt. Galt jede Form von Queerness bis vor wenigen Jahren noch als freakig, kommt man beim Thema Schönheit heute nicht mehr dran vorbei. Die abgemagerten Models der 90er und 00er Jahre sind weitgehend Geschichte, und auch im Hinblick auf Rassismus hat sich beim Thema Schönheit einiges getan.

Trotzdem hat sich unser kollektives Unbehagen in Bezug auf alles Körperliche nicht wirklich verflüchtigt. Wenn wir etwa von Plus-Size sprechen, haben wir es nach wie vor mit straffen, kerngesunden und in jeder Hinsicht schönen Körpern zu tun. Ostentativ zur Schau gestellte Queerness kompensiert das Abweichen vom heterosexuellen Mainstream in aller Regel mit gestählten Muskeln und lasziver Jugendlichkeit. Alle wissen darum, man kritisiert es auch, aber trotzdem ist da eine unsichtbare Grenze hin zum Hässlichen, die nicht überschritten werden kann. Was wir als schön empfinden, mag zwar einem gewissen Wandel unterworfen sein, aber die Obsession mit dieser Schönheit selbst und die damit verbundene Tabuisierung von Hässlichkeit ist nach wie vor allgegenwärtig. Denn während wir im Zeitalter des entgrenzten Narzissmus zwar gelernt haben, mit afroamerikanischen US-Präsidenten und queeren Hollywoodstars zu leben, ist der Gedanke an unsere eigene Vergänglichkeit so unerträglich wie noch nie. Alter, Krankheit, schlichtweg jede Form von Körperlichkeit, die einen Mangel an Fitness oder einen sonstwie ungesunden Lebenswandel sichtbar macht, empfinden wir als abstoßend. Bei Anderen, aber am meisten bei uns selbst. Weil sie uns daran erinnert, dass wir einmal nicht mehr sein werden, auf dieser Welt. Und weil uns das nicht in den Kram passt, ist Hässlichkeit auch für die progressiven Geister unter uns noch immer ein Tabu, das schwer zu überwinden ist.

Tabu #4: Sexualität

Wie bitte? Sex ist in unserer schönen neuen Welt doch allgegenwärtig. Von Tabu kann hier wirklich keine Rede mehr sein. Oder? Die Antwort ist ein bisschen diffizil: Ja, wir umgeben uns mit Sex und Sexualität in vielen möglichen Erscheinungsformen. Ja, wir haben eine ganze Reihe sexualmoralischer Tabus überwunden. Gerade das LGBTQIA+ Movement hat viel zur Normalisierung von Sex in unserer Gesellschaft beigetragen. Aber in ihrer Gesamtheit betrachtet, ist unsere Sexualität noch immer weit entfernt von einer Enttabuisierung. Wir haben zwar das sozial akzeptierte Spielfeld stark erweitert, aber es gibt nach wie vor Bereiche, in deren Zusammenhang man nicht einmal darüber sprechen darf. Sex im Alter ist da so ein Beispiel. Wir wollen das nicht sehen und nicht hören und auf keinen Fall darüber sprechen. In Kombination mit unserem Konzept von Kindheit und Jugend nimmt das sogar extreme Formen an: Wer eine sexuelle Handlung mit einer als minderjährig geltenden Person vornimmt, den trifft die gesellschaftliche Verachtung härter als jeden kaltblütigen Mörder. Und auch, wenn wir im Allgemeinen stolz auf unsere erworbene Promiskuität sind – sobald diese im Kontext von längerfristigen Partnerschaften stattfindet, schweigen wir sie tot wie eh und je. Ausnahmen bestätigen hier im Übrigen die Regel. Die Wahrheit ist: Unsere kollektive Überaffirmation alles Sexuellen ist eher ein Hinweis darauf, dass entsprechende Tabus noch immer höchst präsent sind. Warum das so ist? Vermutlich, weil Sex neben seiner kulturellen Bedeutung immer noch an Fortpflanzung geknüpft ist. Solange die Verantwortung für Nachkommen und für Familie bei den Erzeugern liegt, wird sich unser Verhältnis zu allem sexuellen nicht vollständig entspannen. Ob wir diese elterliche Verantwortung  aufgeben wollen, ist eine gesellschaftliche Frage, keine biologische (mehr). Es dürfte aber selbst unter den sexpositivsten Ludern unter uns nur eine kleine Minderheit sein, die das Konzept von Mama und Papa vollständig über Bord werfen würden. Schließlich haben die meisten von uns Huxleys „Schöne neue Welt“ schon in der Schule gelesen. Und die gilt bekanntlich nicht wirklich als Utopie.

Tabu #5: Tod

Wer kennt das nicht? Die Oma sagt, sie wird’s wohl nicht mehr lange machen, und die Antwort aller Anwesenden ist immer: „Aber nein, du hast noch ganz viel Zeit vor dir und überhaupt bist du doch fit wie dieser Turnschuh da. Es geht aufwärts mit dir, sieht man doch.“ Alle wissen, das ist Unsinn, aber bevor man mit besagter Oma übers Sterben spricht, übt man sich lieber in Verdrängung. Weniger der Sterbenden zuliebe als sich selbst. Das Resultat ist eine an sich aufgeklärte und im Grunde solidarische Gesellschaft, in der jeder Mensch für sich alleine sterben muss. Weggesperrt in Altersheimen, Krankenhäusern oder in den eigenen vier Wänden. Im Unterschied zu vielen anderen Tabus ist jenes, mit dem wir den Tod belegen, ein recht junges Phänomen. Hat man bis ins frühe 20. Jahrhundert dem Tod in seiner schauerlichen Gravitas noch exzessiv gehuldigt – man denke nur an die berüchtigte Obsession der alten Wiener:innen mit der „schönen Leich“ –, verliert man heute nur mit größtem Widerwillen das eine oder andere Sterbenswörtchen darüber. Ähnlich wie bei der Hässlichkeit tabuisieren wir hier einen simplen Fact of Life, weil er schlicht nicht in unser radikal-materialistisches Weltbild passt. Wenn nach dem Leben nur das Nichts wartet, muss man sich mit der ganzen Kraft der Negation ans Diesseits klammern. Das ist fast schon pathologisch, und im Unterschied zu manch anderen Tabus hilft uns dieses nur in einer Hinsicht: bei der Aufrechterhaltung einer narzisstischen Wahnvorstellung vom ewigen Leben. Aber nicht im Jenseits, sondern hier, auf dieser Welt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

CREDITS

Photography
Vlad Stefan | @vladsto

Model
Julian Behrenbeck | @bodyandsoulvienna

Make Up
Flora Jakob | @fleurmeup

Wearing
Manufaktur Herzblut | @manufakturherzblut



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