Der nach dem Nobelpreis wohl prestigeträchtigste und berühmteste Preis der Welt wird am 9. Februar 2020 bereits zum 92. Mal verliehen. Grund genug also, sich einige der nominierten Filme des qualitativ besten Filmjahres seit langem ein wenig genauer anzusehen und ein paar Prognosen zu wagen.

THE IRISHMAN

 

Frank Sheeran arbeitet viele Jahre als Geldeintreiber und Problemlöser für den Mafiaboss Russell Bufalino. Auf Empfehlung Russels stellt ihn der mit der Cosa Nostra verbandelte Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa als seinen Bodyguard ein. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich erst Respekt, dann eine enge Freundschaft. Je mehr Jahre ins Land ziehen, desto höher steigt Frank auch in der Hierarchie der Mafia auf und desto grausamer werden die Verbrechen, die er verübt. Dann bekommt er den Auftrag, Hoffa zu ermorden…

 

The Irishman erscheint wie ein langer, elegischer Epilog zu Scorseses fiebrigem GOOD FELLAS und dem glamourösen CASINO. Statt Tempo herrscht Ruhe, eine mäandernde Erzählweise ersetzt die sonst übliche Spannungsdramaturgie und schmutzige kleine Morde die Superhelden-Action heutiger Tage.

 

Einzig die mit dreieinhalb Stunden eindeutig zu lange Laufzeit, etwas zu gewerkschaftslastige Passagen sowie die angewandte moderne De-Aging-Technology, die zwar die Gesichter von De Niro, Joe Pesci und Al Pacino wie von Geisterhand auf 30 und 50 Jahre verjüngt, jedoch bei der altersbedingten Körpermotorik der sich allesamt in den 70ern befindenden Herren an ihre Grenzen stößt, mindern den Gesamteindruck.

 

Unser Tipp:
1 Oscar für das beste adaptierte Drehbuch

 


 

JOKER

 

Für den an einer seltenen Lachstörung leidenden Comedian Arthur Fleck geht es im Gotham City der 80er Jahre in allen Bereichen des Lebens bergab. Nachdem der erhoffte berufliche Erfolg ausbleibt und er von seinem sozialen Umfeld nicht beachtet wird, führt sein Weg über dunkle, psychische Abgründe immer weiter hin zum Wahnsinn. In einer sich in der moralischen Abwärtsspirale befindenden Gesellschaft wird er zum Symbol der Anarchie. Eine düster, verstörende Studie über soziale Isolation und psychischen Verfall. Die Hommage an Scorseses Meisterwerk TAXI DRIVER besticht durch seine bedrückende Milieuzeichnung und eine schauspielerische Tour de Force, die ihresgleichen sucht.

 

Die beängstigende Darstellung von Joaquin Phoenix reicht zwar nicht ganz an die Nuanciertheit und Komplexität seiner wohl größten schauspielerischen Leistung in THE MASTER heran, aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau und wird dem wohlverdienten Oscar nicht im Wege stehen. Sein hysterisches Lachen und haltloses Schluchzen liegen in seinem Gesicht übereinander wie die Theatermasken Tragödie und Komödie und sind brillant und ob seiner vollkommenen Auflösung mit der Figur besorgniserregend zugleich.

 

Für 11 Oscars nominiert und bereits mit dem Goldenen Löwen von Venedig ausgezeichnet, bietet Joker zwar eine realistische Erzählung über den Aufstieg von Batman‘s Erzrivalen, zitiert jedoch oft zu sehr von anderen, anstatt eine kreative eigene Filmsprache zu entwickeln.

 

Unser Tipp:
2 Oscars für den grandiosen Hauptdarsteller Joaquin Phoenix und die Musik.

 


 

MARRIAGE STORY

 

Regisseur Charlie und Schauspielerin Nicole waren zehn Jahre lang das Traumpaar der New Yorker Theaterszene, haben sich mittlerweile aber kaum mehr etwas zu sagen – es ist Zeit für die Trennung. Nicole möchte mit dem gemeinsamen Sohn zurück zu ihrer Familie nach Los Angeles.

 

Die Szenen einer Scheidung, die sich so wahrhaftig anfühlen, dass sie eine für den Zuschauer fast unangenehme Intimität entwickeln, sind zum großen Teil den sensationellen Hauptdarstellern Scarlett Johansson und Adam Driver zu verdanken, die sich hier gegenseitig übertreffen. Drehbuch und Regie schaffen es zudem mit kleinen, unaufgeregten Szenen, dass man seine Sympathien gegenüber den beiden im Laufe des Films ändert, am Ende beide versteht und man sich von der Menschlichkeit und Zärtlichkeit des Ganzen schlichtweg überwältigt fühlt.

 

Marriage Story ist aber auch ein kräftiger Seitenhieb auf die Anwaltsindustrie, die auf den Ruinen dessen, was einst Liebe war, ihr eigenes Regelwerk errichtet und im Namen ihrer Mandanten Dinge fordert, die deren Herzen eigentlich gar nicht wollen.

 

Unser Tipp:
Bei schwacher Konkurrenz wäre dies mein persönlicher Favorit für die 5 Königsklassen Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarstellerin und Hauptdarsteller. So jedoch wird sich Laura Dern für ihre Rolle einer raffinierten Anwältin, deren eigener Ehefrust unter der aufgesetzten Freundlichkeit lodert, mit der Auszeichnung als beste Nebendarstellerin begnügen müssen.

 


 

ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD

 

Der alternde TV-Darsteller Rick Dalton und sein Stunt-Double Cliff Booth finden im Hollywood des Jahres 1969 nicht mehr die Anerkennung, die sie gern hätten. Leider ist es nicht nur die Zeit der Hippies, sondern auch die des Serienmörders Charles Manson und seiner Sekte …

 

Quentin Tarantinos Schwanengesang auf das Good Old Hollywood seiner Jugend besticht, wie stets, durch seine Dialoge. Während diese in seinen stärksten Werken jedoch dem Spannungsaufbau dienen und in Gewaltorgien gipfeln, versanden sie in diesem etwas zu langsam erzählten Hangout-Movie meist im Nirgendwo. Doch selbst ein durchschnittlicher Tarantino ist immer noch besser als so manches beste Werk von anderen und durch seine naiv revisionistische Weltsicht, dass man mit den Mitteln des Films selbst den tragischen Verlauf der Zeitgeschichte zu einem glücklichen Ende führen kann, muss man ihn einfach ins Herz schließen.

 

Unser Tipp:
2 Oscars für das Beste Original-Drehbuch von Quentin Tarantino und für einen mit seiner Coolness den ganzen Film tragenden Brad Pitt als Bester Nebendarsteller.

 


 

PARASITE

 

Familie Kim ist buchstäblich ganz unten angekommen: Vater, Mutter, Sohn und Tochter hausen in einem Kellerloch, kriechen für kostenloses W-LAN in jeden Winkel und sind sich für keinen Aushilfsjob zu schade. Erst als der jüngste Sohn eine Anstellung als Nachhilfelehrer in der todschicken Villa der Familie Park antritt, wendet sich das Blatt: Mit findigen Tricksereien gelingt es ihnen, die bisherigen Bediensteten der Familie Park nach und nach loszuwerden. Bald schon sind die Kims unverzichtbar für ihre neuen Herrschaften.

 

Parasite ist Krankheitsbild und Metapher zugleich: Die Familie Park wird von der Familie Kim befallen, sie ist der Wirt, auf dem sich die Erreger ausbreiten. Doch bald wird zunehmend fragwürdiger, wer hier Wirt und wer Parasit ist.

 

Bis zu seinem blutigen Ende ist Parasite von bitter-schwarzem Humor durchdrungen. Das ist dann zwar nicht mehr ganz so fein komponiert wie in der konzentrierteren ersten Hälfte und manchmal sogar arg brachial konstruiert, doch so unglaublich unterhaltsam und scharf wie in Parasite wurde das Thema soziale Spaltung und Klassenkampf selten thematisiert.

 

Unser Tipp:
2 Oscars für den besten internationalen Film sowie für Schnitt

 


 

1917

 

Im Weltkriegsjahr 1917 werden zwei Soldaten mit einem ebenso dringlichen wie gefährlichen Auftrag bedacht: Sie sollen das zerbombte Niemandsland zwischen den deutschen und den britischen Schützengräben durchqueren und eine Nachricht an ein anderes britisches Bataillon überbringen. Wenn die beiden jungen Rekruten es nicht rechtzeitig schaffen, werden mehr als 1.500 britische Soldaten aufgrund eines deutschen Hinterhalts sinnlos ihr Leben verlieren – darunter auch der ältere Bruder des einen.

 

Dieser simple Plot ist der Auslöser für ein in der Filmgeschichte bislang einzigartiges Seherlebnis: Konzipiert und realisiert als zweistündige Plansequenz, also einer einzigen langen Einstellung ohne Schnitt, entwickelt sich ein Bilderstrom, bei dem der Zuschauer von den beiden Soldaten buchstäblich mitgerissen wird und sie auf ihrer gefährlichen Mission durch einen Hieronymus-Bosch-gleichen Parcours der Hölle begleitet (Tipp für ein Seherlebnis nach dem Motto „Mittendrin statt nur dabei“: IMAX 6. Reihe Mitte).

 

Was 1917 aber über ein geglücktes technisches Experiment hinaushebt und ihn schon jetzt zu einem Meilenstein der Filmgeschichte macht, ist sein klares, geschlossenes dramaturgisches Konzept, in dem Zeit und Handlung eine Einheit bilden, sowie das Spiel von George MacKay, dessen unverbrauchtes, wie aus einer anderen Epoche stammendes Gesicht Angst, Wut und menschlichen Überlebenswillen in einer fast dokumentarischen Authentizität widerspiegelt.

 

Unser Tipp:
5 Oscars für Bester Film, Regie, Kamera, Ausstattung und Ton

 



 

.. and the winners could be:

 

Best Picture:
“1917”

 

Actor in a Leading Role:
Joaquin Phoenix – “Joker”

 

Actress in a Leading Role:
Renée Zellweger – “Judy”

 

Actor in a Supporting Role:
Brad Pitt – “Once Upon A Time…In Hollywood”

 

Actress in a Supporting Role:
Laura Dern – “Marriage Story”

 

Directing:
Sam Mendes – “1917”

 

Original Screenplay:
Quentin Tarantino – “Once Upon A Time…In Hollywood”

 

Adapted Screenplay:
Seven Zaillian – “The Irishman“

 

Best Animated Feature Film:
“Toy Story 4”

 

Best International Feature Film:
“Parasite” – Südkorea

 

Best Original Song:
(I’m Gonna) Love Me Again – “Rocketman”

 

Best Original Score:
“Joker”

 

Sound Mixing:
“1917”

 

Sound Effects Editing:
“Ford vs. Ferrari”

 

Cinematography:
“1917”

 

Editing:
“Parasite”

 

Production Design:
“1917”

 

Costume Design:
“Little Women”

 

Make-up and Hairstyling:
“Judy”

 

Visual Effects:
“Avengers: Endgame”

 

Header Ahmet Yalçınkaya / Unsplash
Text Peter Sodoma