Die Liebe in Zeiten von COVID-19: Von Scheidungen, dem Finden und einem Nachruf

Werner und Karl lebten als einander Unbekannte mit ihren Ehefrauen und erzogen die Kinder nach der Scheidung alleine. Kurz vor ihren Fünfzigern lernen sie sich kennen und lieben. Anfang Mai verstirbt Karl an den Folgen einer schweren Krankheit – kurz nachdem die beiden einander heirateten. Eine Liebesgeschichte mit Nachruf.

“Wir haben uns das erste Mal im Leben gesehen; an diesem Tag sind wir uns näher gekommen und von da an zusammengeblieben”, ist der erste Satz von Witwer Werner Winkelmeier, wenn er von der besonderen Verbindung zu seinem kürzlich verstorbenen Ehemann Karl Gietler spricht. Manche Geschichten sind so schön, dass sie nur vom Leben geschrieben werden können. Das hier ist die von zwei Männern, die sich gefunden und geliebt haben. Sie waren 48 und 49 Jahre alt, als sie sich kennenlernten. Von da an traten sie nie wieder von ihren Seiten – bis der Tod sie schied.

Karl Gietler war engagiert. Er gründete das Firmennetzwerk di.to. (different.together.) für mehr Toleranz und Akzeptanz am Arbeitsplatz in der REWE-Group. Er war Unterstützer beim weißen Ring und bei Rainbows zur Hilfe von Kindern in stürmischen Zeiten. Vor rund einem Jahr war er plötzlich geplagt von Rückenschmerzen. “Das sind eh nur die Bandscheiben”, denkt sich der damals 58-Jährige und verschiebt wegen Projekten in Privat- und Arbeitsleben den Arztbesuch immer weiter hinaus.

Ein Gemälde von Karl Gietler.

Nach der Europride Vienna im Juni 2019 wird Gietler dann untersucht. Komplett – bis auf die Blase. Alles scheint zu passen. Die Schmerzen bleiben. Im Herbst bei seinem Urologen wegen endgültigem Untersuchungstermin dann die routinemäßige Blutabnahme. Zwei Stunden später ruft der Facharzt bei Gietler an und teilt ihm mit, dass er sich auf schnellstem Weg ins Hanusch-Krankenhaus begeben soll, er steht kurz vor einem Nierenversagen – ab da wendet sich das Blatt dramatisch.

Der behandelnde Arzt vom Hanusch-Krankenhaus ruft zwei Stunden später bei Gietler an und bestellt ihn sofort wieder in die Klinik – er stehe kurz vor einem Nierenversagen. Dann die niederschmetternde Diagnose: Blasenkrebs. Zwei langwierige Operationen später scheint es wieder aufwärts zu gehen. Sein Lebensgefährte Werner Winkelmeier unterstützt ihn stets dabei. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus schmieden die beiden wieder ihre gemeinsamen Pläne.

Karl Gietler (links) und Werner Winkelmeier.

Mit der Corona-Isolation beginnt sich der Zustand von Gietler dann Anfang März zu verschlechtern. Aber Werner Winkelmeier sieht es positiv: “Wir haben in den letzten zwei Monaten 24 Stunden des Tages beieinander verbracht und konnten uns so nochmal richtig nahe sein.” Sie wollten die Krankheit gemeinsam besiegen und ihren Hochzeitstermin wahrnehmen, der dieser Tage angesetzt gewesen wäre.

“Als Karl nach Ostern wieder ins Spital kam, dachten ich nicht daran, dass er sterben wird. Wir haben den Termin trotzdem noch verschieben können und am 6. Mai unseren Traum der Hochzeit gemeinsam im Hanusch-Krankenhaus gelebt”, erinnert sich der Witwer Winkelmeier.

Alle Fotos zur Verfügung gestellt von Werner Winkelmeier.