Ein Jahr ohne Pride – So reagiert die Community

Der Ausfall der Pride tut uns allen weh. Erstmals wird heuer die Global Pride aber online stattfinden, was zumindest ein kleiner Lichtblick ist. Wir haben uns in der Wiener Community umgehört und Statements von Mr. Fetish, Gerald VDH, Amy Wald und Valentina Vale zur diesjährigen Situation und ihren unvergesslichsten Pride-Momenten gesammelt.

 

MARTIN MAYR (MR. FETISCH AUSTRIA 2019/2020)

 
 

 
 
Die Regenbogenparade war für mich immer schon ein Forum für Aktionismus und Sichtbarkeit. Bei meinen ersten Paraden im Jahr 1999 und 2000 war ich bei der Studierendengruppe Identity:Queer engagiert, und es ist uns gelungen die Beteiligung der Universität Wien samt Sattelschlepper zu organisieren. Das Geilste war bei meiner ersten Pride auf den Boxen vom Truck zu tanzen, während dieser um die Ringstraße fuhr – noch dazu für ein Landei für mich, wo ich doch das erste Jahr in Wien war.
 
Die EuroPride 2019 war für mich was ganz Besonderes, weil ich als aktueller Mr. Fetish Austria den Zug der Fetischgruppe anführen durfte, und weil wir eine besonders große Gruppe mit vielen internationalen Vertretern waren. Dazu kommt, dass in der Leder- und Fetischszene der lokale Mister jeweils den Gastgeber für die internationalen Gäste geben darf, und das war im Jahr der EuroPride eine besondere Ehre. Dass die Fetischgruppe in meiner subjektiven Wahrnehmung immer die schönste Gruppe ist, versteht sich dabei von selbst. Was kann es Schöneres geben als Männer in Leder und Latex?
 
Der Ausfall der Parade im Jahr 2020 ist natürlich bitter für die ganze Community, wobei ja nicht nur die Parade ausfällt, sondern alle Veranstaltungen. Trotzdem ist es wichtig, dass wir in Zukunft wieder auf der Straße sichtbar werden, und in der Zwischenzeit zumindest online und in den Medien Flagge zeigen, denn der Status der Gleichberechtigung ist noch frisch in unserer Gesellschaft und noch nicht langfristig abgesichert. Wenn man die Rückschläge in unmittelbarer Nachbarschaft in Polen und Ungarn sieht, dann ist klar, dass wir uns noch nicht zurücklehnen können. International gibt es für Lesben und Schwulen ohnehin noch sehr viel zu erkämpfen. Da haben wir noch einen weiten Weg vor uns.
 
Wie die Parade online stattfinden wird, weiß ich noch nicht im Detail, aber ich bin überzeugt, dass wir alle verfügbaren Foren nutzen sollten, bis wir wieder auf der Straße Flagge zeigen dürfen. Dass wir den Pride-Monat oder die Pride-Saison als Zeit der Sichtbarkeit und Zeit unserer Gemeinschaft aktiv nutzen ist besonders bedeutsam, wenn die Bars und Discos noch geschlossen sind.
 
 

Amy Wald (MUSIKERIN)

 
 
(C) Franziska Bittermann

 
 
Das Gefühl von einer Regenbogenparade kann man nicht beschreiben, das muss man erleben. Wenn so viele Menschen gemeinsam auf die Straßen ziehen, jede*r willkommen ist und mit offenen Armen aufgenommen wird und sich viele Menschen zum ersten Mal in einem Safe-Space wiederfinden, dann ist das eines der größten Gefühle von Zusammenhalt.   In den letzten zwei Jahren bin ich im Sommer jeweils über zwei Monaten im deutschsprachigen Raum herumgereist und hab an allen möglichen Regenbogenparaden teilgenommen oder hatte Auftritte im Rahmen der Bühnenprogramme, mit Wien als Highlight. Das fällt heuer leider komplett weg und wird dadurch auch finanziell eine große Herausforderung werden.   Die Abhaltung der Global Pride im Internet ist wichtig, weil die Pride vielen Menschen sehr viel Halt, Mut und Selbstbewusstsein geben kann – mir auch. Vor allem jetzt ist es wichtig zu zeigen: “Wir sind hier, wir sind queer und wir sind laut”.   Mein schönster Pride-Moment war, nach der München Parade, während ich ein kleines Konzert gespielt hab als es extrem zu schütten begann. Aus Spaß heraus hab ich gesagt, wir müssen jetzt alle laut den Regen wegsingen. Wie aus dem Nichts brach am Ende des Songs die Sonne zwischen den Wolken hervor und hat den Himmel unfassbar schön gefärbt. Ein krasser Gänsehautmoment bei dem wir uns danach alle in den Armen lagen.  
 
 

GERALD VDH (MUSIKER)

 
 
© Anna Breit

 
 
Ich habe die Parade oft kritisiert, weil sie meiner Ansicht nach zu einem kommerziellen Schlagerfest geworden ist. Auf dem Großteil aller Wägen läuft Müll. Dafür sind politische Inhalte kaum sichtbar. Ich finde das nicht repräsentativ für die LGBTIQ+ Community in Österreich. Wir haben letztes Jahr bewiesen, dass es auch anders geht und einen MEAT MARKET Truck mit (echtem) Techno gemacht. Es hat funktioniert. In Zukunft wünsche ich mir: Weniger Helene Fischer, mehr Underground, mehr Message. Als bei der Europride in Wien auf unserem Track mein Set begonnen habe, war das einer der schönsten Momente ever.   Am Wochenende der Parade hätten wir zwei Events, im Werk und in der Gellen Forelle, geplant. Ich weine. Hart. Wichtiger ist: Österreich braucht die Pride. Unser Kanzler spricht sich noch immer offen gegen die Ehe für alle aus. Es gibt in vielen Bereichen noch keinen Schutz gegen Diskriminierung. Es gibt viel zu tun.   Momentan wird alles ins Internet verlegt. Vieles geht dabei unter. Die Pride soll, meiner Ansicht nach, eine aktionistische Veranstaltung sein, die in einer provokanten, politischen und radikalen Paraden-Demo gipfelt. Wir werden schon virtuell aktiv werden. Aber ein Ersatz kann das nicht sein.

 
 

Valentina Vale (Bloggerin)

 
 
© Franziska Bittermann

 
 
Freiheit, Sicherheit, Lebensenergie und pure Liebe – das ist für mich die Pride. Die Menschen sind stolz zu zeigen wer sie sind und der ganze Tag ist geprägt von purer Akzeptanz! Ein unbeschreiblich schönes Gefühl, von so viel positiver Energie umgeben zu sein.
 
Meine Partnerin, Amy Wald und ich hätten wie letztes Jahr mehrere österreichische und deutsche CSDs besucht. Amy hätte einige Konzerte gespielt und wir hätten die Möglichkeit gehabt, viele unserer Follower persönlich zu sehen, ähnlich wie auf der Straßenmusiktour letztes Jahr. Die Pride Season ist einfach eine ganz besondere Zeit im Jahr.
 
Die Gesellschaft hat noch nicht das Level an Toleranz erreicht um jeden Menschen zu akzeptieren. Für viele queere Menschen ist die Pride die einzige Zeit im Jahr, in der sie sie selbst sein dürfen und das ist etwas auf dass sie das ganze Jahr warten. Diese Tage stehen für Visibility queerer Menschen und wir kämpfen für mehr Toleranz. Wir müssen das Beste aus der derzeitigen Situation machen und da ist eine Pride im Internet eine tolle Alternative, um viele Menschen zu erreichen, vielleicht sogar mehr als sonst.
 
Es ist mir fast peinlich, aber letztes Jahr war ich zum Ersten Mal auf einer Regenbogenparade. Schlussendlich habe ich den Sommer mit insgesamt 9 CSDs abgeschlossen. Ich habe mich in jeder Stadt so willkommen und nicht verurteilt gefühlt, die Liebe Fremden gegenüber ist an diesem Tag einzigartig und ich laufe bei jeder Parade mit Gänsehaut und Tränen in den Augen.
 
 
Headerfotos: Anna Breit, Mr. Fetish, Franziska Bittermann – Kollage: Vangardist