Schließt das Männlich-Sein ein parallel dazu stattfindendes Weiblich-Sein aus?

Kurz vorab: Wir leben im Jahr 2016, nicht in der Steinzeit. Damals waren Männer die Jäger, Frauen die Sammler. Klare Aufgabenverteilung mit einem ebenso klaren Ziel: Überleben. Jeder hatte eine Rolle zu übernehmen. So hat man mir das zumindest in der Schule beigebracht.

Ich behaupte jetzt aber einfach mal: Dieses Model ist veraltet. Und zwar in etwa so veraltet wie UGG Boots oder StudiVZ. Last Season, aus, vorbei. Es gefällt mir einfach nicht, dass man als Mann in unserer heutigen Gesellschaft noch immer ein vermeintliches Bild erfüllen soll, dem ich persönlich beispielsweise nicht entspreche und nicht entsprechen möchte.

“Wann ist ein Mann ein Mann?”, um es mit Herbert-ich-versteh-kein-Wort-Grönemeyer zu sagen.

Was ist männlich? Es scheint, als schließe Männlich-Sein ein parallel dazu stattfindendes Weiblich-Sein aus, als wäre das dringlichst zu vermeiden. Denn ein Mann ist ein Beschützer. Ein Mann liebt Fußball und Bier. Und er hat ein breites Kreuz, putzt samstags sein Auto, bringt die Kohle ran und kann nicht kochen. Er hört Rap- oder Rockmusik, kann mit dem Namen Frauke Ludowig nichts anfangen, würde schon ganz gerne mal mit Gigi Hadid, kann nicht mehr denken, sobald er Brüste sieht. Ein Mann kann körperlich arbeiten, ist stark, zeigt keine oder nur kaum Gefühle und kann auch nicht über eben diese sprechen. Ein Mann klärt seine Probleme für sich, heult sich auf keinen Fall bei Freunden aus. Und wenn ein Mann als Baby zur Welt kommt, dann muss er in Blau eingekleidet werden.
Das alles – und noch viel mehr – gilt als männlich. Das darf man alles als Mann.
Kurze Anmerkung: Ja, das ist ein sehr überzeichnetes Bild, das mit Klischees spielt. Doch leider decken sich diese Klischees immer wieder mit Erwartungen, die an eine männliche Person gestellt werden.

Was man auf keinen Fall darf: Enge Jeans tragen, in der Öffentlichkeit Gefühle zulassen und zeigen, sich Hilfe holen, wenn man sie braucht. Man darf keine Schwäche zeigen, kein Make-Up tragen, Lady Gaga nicht gut finden, Röcke tragen, Pink tragen, Ballett tanzen, Freundschaften und Umgang mit starken Frauen pflegen…

 

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Das nervt mich. Ich verstehe nicht, warum ich mir dumme Sprüche à la “Gibt’s die Hose noch enger, du Schwuchtel?” geben muss. Warum ich die judging Blicke anderer in meinem Rücken spüren muss, weil ich mich für ein pinkes Shirt entschieden habe. Warum man sich zusammenreißen muss, wenn manchmal alles zum Heulen ist.

Wenn man als Mann einen Rock tragen möchte: Do it! Ernsthaft. Sieht an mit echt lächerlich aus, aber ein guter Freund von mir wurde quasi zum Rock-Tragen geboren.

Es ist doch mehr als absurd, dass Männlich kein Weiblich darf. Als wäre das etwas schlechtes, das es tunlichst zu vermeiden gilt. Bullshit.

Ich schreibe diesen Text aus der Sicht eines schwulen Mannes. Ich weiß, dass es auch als Frau diese Problematik um die Weiblichkeit gibt. Dass Pink oder 90-60-90 als weiblich gelten und Rammstein oder kurze Haare als männlich. Ich kann nur nicht aus eigenen Erfahrungen sprechen.

Wir sollten uns einfach mal überlegen, ob es 2016 noch immer ein Ding ist, wenn ein Typ in Rock durch die Fußgängerzone läuft, Make-Up trägt oder Madonna feiert.

Schreibt uns doch eure Erfahrungen, die ihr in Zusammenhang mit dem Nicht-Erfüllen von Rollenbildern gemacht habt in die Kommentare.