HOLLYWOOD intim und indiskret – eine Serienreview

Was wäre wenn? Die neue Netflix-Miniserie HOLLYWOOD schreibt die Geschichte der mächtigen Filmmaschinerie aus einem neuen Blickwinkel neu. Aber funktioniert das tatsächlich oder bleibt im Endeffekt doch nur der schale Geschmack des Wunschdenkens?

 
Nachdem bereits Quentin Tarantino mit ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD die Zeitgeschichte in der ihm eigenen revisionistischen Art nach seinen Wunschvorstellungen umschrieb, stellt Ryan Murphy (AMERICAN HORROR STORY) im Rahmen der neuen Netflix-Miniserie HOLLYWOOD noch kühnere Hypothesen auf, die die Filmgeschichte sowie unsere gesamte Gesellschaft bereits vor Jahrzehnten nachhaltig verändert hätten: Wie sähe die (Film-)Welt aus, wären bereits 1948 Frauen an den Hebeln der Macht gewesen, wäre People of Color die Möglichkeit gegeben worden, Drehbücher zu schreiben und Hauptrollen in A-Produktionen zu übernehmen und dafür sogar noch mit einem Oscar ausgezeichnet zu werden? Was, wenn man bereits damals offen seine Homosexualität hätte ausleben können?
 
Angesiedelt in Hollywoods „Goldener Ära“, den 1940er Jahren, fokussiert sich die Serie auf mehrere junge Leute, die in der Traumfabrik Karriere machen möchten und dabei aufgrund ihrer sozialen Herkunft, Hautfarbe oder Sexualität große Herausforderungen überwinden müssen. Dabei begegnen sie auch realen historischen Persönlichkeiten wie Eleanor Roosevelt und damaligen Filmgrößen wie der ersten afroamerikanischen Oscar-Preisträgerin Hattie McDaniel, Anna May Wong, die als erster sino-amerikanischer Filmstar in den Vereinigten Staaten gilt, sowie Vivien Leigh.
 
Murphy entwirft in schönsten Technicolor-Farben, einer opulenten Ausstattung und mit alten Schlagern eine Geschichte von Glamour und Sex, von jungen Wilden und alten Ressentiments, echten Stars und fiktiven Sternchen, mischt ungemein unterhaltsam historisch belegte Fakten mit frei Erfundenem und sprengt die gesellschaftlichen Ketten aus Rassismus, Intoleranz, Doppelmoral und Homophobie, Jahrzehnte bevor dies alles wirklich geschah.
 
Dies funktioniert zwar nicht immer (so ist die erste Hälfte der 7-teiligen Miniserie um einiges durchdachter konzipiert und intelligenter aufgebaut als das vorhersehbare, allzu schnell abgespulte Zuckerwatte-Ende, das wie eine Readers-Digest-Ausgabe von „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“ anmutet), doch dafür werden diese kleinen Schwächen durch das fabelhafte Spiel aller Beteiligten, allen voran Jim Parsons (THE BIG BANG THEORY) als reptilienhafte Ausgeburt an Boshaftigkeit, mehr als wettgemacht.
 
Man mag vielleicht einwenden, dass HOLLYWOOD im Grunde genauso oberflächlich ist, wie Hollywood selbst. Doch Ryan Murphy hat sich ganz bewusst dazu entschieden, die Traumfabrik als genau das darzustellen, was sie ungeachtet ihrer tiefen menschlichen Abgründe, Perversionen und ihres faschistoiden Kommerzdenkens in den Herzen eines jeden Filmliebhabers trotzdem immer bleiben wird: Eine idealisierte Wunschvorstellung, in der jegliche Vorbehalte bezwungen werden, wenn man nur an sich glaubt.
 
Text: Peter Sodoma
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