Wieso hast du auf diese Headline geklickt? Vermutlich, weil das Wort Sex darin vorgekommen ist. Drei Buchstaben, die das Wort bilden, das den Vorgang beschreibt, von dem jede*r besessen ist. Aber was, wenn man einfach keinen Sex haben kann? Unser Autor hat in einer Beziehung gelebt, in der Sex ein Tabu war:

Ach, Beziehungen können so schön sein: Man liebt sich (vielleicht), man unternimmt viel zusammen (vielleicht), man findet sich (vor allem Anfangs noch) sehr attraktiv, man teilt sich ein Bett, die Tüte Chips vor Netflix und tauscht mehr Bakterien miteinander aus als mit jedem anderen Menschen. Heirate bloß nie, hat mir ein betrunkener, über 50 jähriger Mann in der Bim erzählt, denn dann ist dein Sexleben langweiliger als Angela Merkels Garderobe. Hinter Flachwitzen wie diesen scheint ja auch ein Stückchen Wahrheit zu liegen. In der Ehe, da hat man alle ersten Male hinter sich: Den ersten Kuss, den ersten Streit, die erste geteilte Pizza, oder eben das erste Mal Sex miteinander. Nach 30 Jahren Ehe ist dann tatsächlich vielleicht mal die Aufregung im Bett weg – aber deshalb sind wir ja alle noch so jung, und feiern dieses Jahr zum 5. mal unseren 29. Geburtstag. Aber funktioniert eine Beziehung denn überhaupt ohne diese ersten Male? Funktioniert eine Beziehung ohne  Sex? Dieser Frage bin ich (wenn auch unfreiwillig) auf den Grund gegangen:

 

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Ich war nicht freiwillig in diesen Selbstversuch gesteuert, als sich mein Facebook Status plötzlich von Single auf Vergeben änderte. Zwischen 1-2 Bier, 3-4 Treffen und einigen Küssen war es passiert, ich fand mich  in meiner ersten Beziehung wieder – und hatte nicht so eine wirkliche Ahnung, wie das alles ablaufen sollte. Ich war jung, naiv, und vor allem folgendes Szenario von den paar Dates, die ich zuvor mit anderen Typen gewagt hatte, gewohnt: Bierchen trinken, die Frage zu mir oder zu dir? dankend ablehnen, nie wieder von meinem Gegenüber hören. Einfach so Sex, ohne Gefühle für jemanden zu haben, das war mir damals fremd. Mein erstes Mal sollte mit dem Richtigen (an dieser Stelle können sich alle Leser*innen die Zeit nehmen, ein mal kräftig mit den Augen zu rollen) stattfinden. Doch dieses erste Mal blieb aus. Wir schliefen im selben Bett, allerdings nie zu eng, es war, als würde ein riesiges No Homo Schild über uns schweben. Kein Versuch von seiner Seite, nie. Tja, vielleicht ist er auch einfach schüchtern, dachte ich, und beschloss, die Dinge (wortwörtlich) selbst in die Hand zu nehmen. Ich startete Anfangs unschuldige Versuche, die immer freundlich, aber bestimmt ignoriert wurden. Wenn ich meinen Freund auf unsere überwiegend platonische Beziehung ansprach, bekam ich immer Antworten, die wie ein Ausweichmanöver bei 200 km/h wirkten: Diese ganze Beziehung schien auf einen riesigen Unfall zuzusteuern.  Da half es auch nicht zu wissen, dass mein damaliger Freund diese Bettprobleme mit seinem Ex nicht hatte.

 

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Tatsächlich gingen einige Monate ins Land, in denen wir alles machten, was ein Klischee erfüllt: Wir gingen gemeinsam auf Parties, wanderten, fuhren in der Urlaub, und hatten nie Sex. Das Problem dabei: Je mehr Zeit verstrich, desto mehr sank mein Selbstwertgefühl: Bin ich zu unattraktiv? Vögelt er mit jemand anderem? Hat er viel tiefgründigere Probleme, als Sex mit mir? Ich war in der Bredouille: Zwar wollte ich über das Thema reden, und irgendeine Form von Fortschritt erzielen, aber andererseits wusste ich, dass der Druck auf ihn einfach nur größer werden würde. Spoiler Alert: Der Druck war zu groß – ich musste für mein Studium fortziehen, und unter diesen Umständen würde die Beziehung das nicht aushalten. Es gab leider auch nie wirklich eine Aussprache über das Thema. Was ich gelernt habe: Für die meisten von uns ist Sex ein wichtiger Bestandteil einer Beziehung – für mich auf jeden Fall. Aber, wenn der andere sich ziert, sollte man nicht viel mehr als keine Impulse geben, um das Libido in’s rollen zu bringen. Ansonsten ist der Druck vielleicht wirklich zu groß. Und zuletzt: Wir hätten als Kumpels einfach besser zusammengepasst.