Der österreichische Dokumentarfilm „#Single“ begleitet fünf Singles ein Jahr lang bei der Suche nach der großen Liebe im Internet.

Geben Sie es doch zu: Sie lesen diese Zeilen nur, weil Sie das Wort Penis neugierig gemacht hat. Keine Sorge: das ist völlig in Ordnung. Ich wollte Ihnen damit etwas demonstrieren: genauso wie ich Ihre Aufmerksamkeit erregen musste, um diesen Artikel zu lesen, müssen das auch jene Menschen tun, die im Internet herausstechen möchten, wenn sie jemanden kennenlernen wollen – sei es für eine feste Partnerschaft, Sex oder was auch immer.

 

Als ich noch Online-Dating betrieben habe, lautete die häufigste Kontaktaufnahme: „hi“. Zwei simple Buchstaben, die den Anfang von etwas Großartigem bedeuten konnten – oder auf eine herbe Enttäuschung und verschwendete Zeit zusteuerten – was meistens der Fall war. Wenn ich Glück hatte, wurde „hi“ durch ein „wie geht’s?“ erweitert. Meist folgten dann schon die ersten Schwanzfotos/Nacktfotos, unaufgefordert versteht sich. Damals hat mich das nicht weiter gestört. Im Gegenteil. Freudig öffnete ich Fotos, sah mir das beste Stück des Mannes in allen nur erdenklichen Positionen fotografiert an, chattete und verbrachte so unzählige Stunden und Tage vor dem Computer. Oftmals ertappte ich mich dabei in manche Chats regelrecht reinzukippen und ungeduldig zu werden. Auch der Refresh-Button sorgte nicht dafür, dass Chat-Antworten schneller übermittelt wurden. Oftmals trieb es mich zur Weissglut, wenn mein Chatpartner plötzlich offline ging, ohne sich zu verabschieden. Was für eine Unart! Schrieb er noch mit anderen? War ich etwa nicht der Einzige?
 
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Relativ schnell durchschaute ich das System: Es war äußerst unklug und unproduktiv sich auf lediglich einen Chatpartner zu beschränken und zu konzentrieren. Die Redewendung „mehrere Eisen im Feuer haben“ entpuppte sich letzten Endes als die bessere Variante. Ehrlich gesagt fühlte ich mich anfangs schlecht dabei, nicht mehr nur einem Mann meine ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, denn im realen Leben traf ich mich ja auch nicht mit fünf Typen gleichzeitig und sprach mit jedem abwechselnd einen Satz. Doch schon bald fand ich Gefallen daran virtuell mehrgleisig zu fahren. Der Verlust eines Chatpartners war somit leichter zu ertragen und dass ich schön langsam durcheinander kam was ich wem erzählte, war auch nicht weiter tragisch.

 

Die anfängliche Euphorie eine Auswahl an mehreren hundert Männern in meiner Stadt zu haben, erschien auf den ersten Blick immens attraktiv und aufregend, entpuppte sich jedoch schon bald als herbe Enttäuschung. Nur selten kam es zu einem realen Treffen. Immer wieder wurden Treffen im letzten Moment abgesagt, offensichtliche Ausreden genannt und schon bald bemerkte ich, dass ich mich genauso zu verhalten begann. Das kam natürlich nicht plötzlich, sondern war ein Prozess, der langsam und schleichend vonstatten ging. Je länger es dauerte, bis es zu einem realen Treffen kam, desto enttäuschter war ich von meinem Gegenüber – und dieser umgekehrt von mir vermutlich ebenso. Fantasie neigt dazu den Anderen auf ein Podest zu stellen und ihn sich besser vorzustellen, als er in der Realität ist. Man glorifiziert den Anderen und schreibt ihm die Rolle zu, dass er uns glücklich machen wird, alle Sorgen vergessen wären und es letzten Endes all die Mühen wert war sich jahrelang in diversen Dating-Portalen herumgetrieben zu haben – wenn es doch nur zu einem Treffen kommen würde, bei dem bestimmt die Funken sprühen und wir natürlich fix zusammenkommen würden!

 

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Mhm, ja genau. Die Realität holt einen dann doch relativ schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: unser Gegenüber kann diese überzogenen Erwartungen und Anforderungen gar nicht erfüllen. Mit jemandem zu schreiben, sich im Laufe des Chats rasch zu öffnen, sich Dinge zu sagen, die man bei einem ersten Date vermutlich niemals aussprechen und preisgeben würde, waren gar nicht so unüblich. Es war die Distanz und die doch gleichzeitig vorhandene Anonymität, die mich Dinge sagen und preisgeben ließ, die mir bei einem realen Treffen niemals so schnell über die Lippen kommen würden.

 

Vermutlich nimmt jeder Online-Dating anders wahr. Für den einen bedeutet es auf diesem Weg unkompliziert schnellen und halbwegs anonymen, diskreten Sex zu finden. Für jemand Anderen ist es bloß Zeitvertreib, an dem man sich aufgeilen und Pics sammeln kann. Andere wiederum sind anfangs noch mega-euphorisch und übermotiviert, holen sich aber schon bald einen Korb nach dem anderen und Frust stellt sich langsam aber doch ein. Aber für viele stellt Online-Dating ein Ventil der Hoffnung dar auf diesem Weg den Partner fürs Leben zu finden – ganz nach dem Motto „Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“. Hinzu kommt die erschwerende Tatsache, dass etliche Menschen oftmals auch parallel auf mehreren Plattformen vertreten sind, weil es manchmal eben nicht „nur um Sex“ oder „nur um Liebe“ geht.

 

 

Der österreichische Dokumentarfilm „#Single“ versucht diese unterschiedlichen Facetten der komplexen Welt des Online-Datings zu beleuchten und Einblicke in die Träume und Hoffnungen der fünf Protagonisten zu geben, die alle durchwegs eine fixe Beziehung anstreben. Da gibt es Darko, der, unterstützt von seinem besten Freund, den Mann fürs Leben finden möchte; da ist Veronika, die auch endlich, wie alle ihre Freundinnen, heiraten und Kinder kriegen möchte; Philipp, der nur „poppen“ will, dann aber schon auch „das Gesamtpaket“ anstrebt; da ist Ruth, eine alleinerziehende Mutter, die einfach nur mal neben einem Mann die Sonne auf ihrem Balkon genießen und „nicht mehr alleine sein möchte“; und schließlich Wolfgang, der mit seinen 62 Jahren den zweiten Frühling erleben möchte.

 

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Dokumentarfilmen lastet oftmals das Klischee der Langeweile und Szenen voller Informationsflut, Zahlen und Fakten nach. Diese Gefahr besteht bei „#Single“ nicht. Der Film ist unterhaltsam, informativ und bietet sympathische Protagonisten, mit denen man mitfiebert, ob sie die große Liebe finden werden. War es vor einigen Jahren noch peinlich, wenn man gefragt wurde, wie man sich kennengelernt hat und man „übers Internet“ erwidern musste, so erscheint es mir heutzutage fast schon eine Seltenheit, wenn sich jemand in meinem Freundeskreis nicht übers Internet kennengelernt hat. Ganz offen schickt man sich darüber hinaus Fotos von in Frage kommenden Internet-Dates oder man trifft sich zum Tinder-Wischen mit dem Handy des jeweils Anderen, was durchaus Spaß macht!

Trotz Websites und Apps wie Parship, Elitepartner, Tinder, Gayromeo, Badoo, Lovoo, Hate, Grindr, OK Cupid, Websingles, C-Date, Secret, und wie sie alle heißen, werde ich den Eindruck nicht los, dass sich Dating, egal ob real oder virtuell, in den letzten Jahren grundlegend verändert hat. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man es sich beim Daten noch erlauben konnte, sich Zeit zu lassen und das Gefühl des Wartens auf das nächste Treffen genießen konnte, im Gegensatz zu heute. „Willst was gelten, mach dich selten“ war einer jener Sprüche, nach denen man leben sollte, wenn man etwas Festes anstrebte. Doch in unserer schnelllebigen Zeit habe ich mittlerweile das Gefühl: wenn man sich zu viel Zeit lässt, trifft sich unser Date höchstwahrscheinlich mit wem anderen. Warum? Weil er kann. Online-Dating macht’s möglich. Vorbei sind die Zeiten, wo es unumgänglich schien in Bars gehen zu müssen um jemanden kennenzulernen oder abzuschleppen – heutzutage nimmt man das Handy in die Hand und los geht’s.

 

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„#Single“ nimmt einen auf all diese Wege mit. Man bekommt den Spiegel vorgehalten wie Dating mittlerweile abläuft; was das mit unserer Gesellschaft macht; wie sich unser Dating-Verhalten verändert hat; welcher Konkurrenz man sich zu stellen hat und was man tun muss um aus der Masse rauszustechen; wie es sich anfühlt zurückgewiesen zu werden; welche Euphorie man durchlebt, wenn das erste Treffen tatsächlich stattfindet; das im Anschluss mit einhergehende Hoffen und Bangen wann sich der Andere wieder meldet; dem Bangen ob man nun zusammen ist oder nicht (immerhin will man dem Ganzen ja ein Label aufsetzen); den Unterschied zwischen kostenlosen Dating-Sites und monetären; die Tatsache, dass Computerprogramme Algorithmen verwenden, die bestimmen sollen mit wem man zusammenpasst uvm.
 

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„#Single“ ist kein Film, der ausschließlich für ein Publikum bestehend aus Singles gedacht ist, sondern jeden Menschen ansprechen soll, der sich für die Welt des Online-Datings interessiert und einen Einblick bekommen möchte, wie Kennenlernen heutzutage abläuft. Und bei Menschen, die in Beziehungen leben, wird es vielleicht dazu führen, froh zu sein in einer Partnerschaft zu leben und sich „das da draußen“ nicht antun zu müssen. Denn eines ist gewiss: die Suche nach etwas Seriösem, einer dauerhaften und ernst gemeinten Partnerschaft ist kein Zuckerschlecken. Online-Dating bedeutet vor allem eines: Arbeit. Und das Produkt, das es bestmöglich zu verkaufen gilt, ist man selber.

 

#SINGLE LÄUFT AB DEM 19. MAI IN DEN ÖSTERREICHISCHEN KINOS


Text Alexander Bogner