Dieser Artikel erschien erstmals in unserer “Dad-Issue”

Sie sind die mit Abstand wichtigste männliche Person im Leben eines jeden Menschen. Egal ob sie ihre Sache gut oder schlecht gemacht haben, egal ob sie an- oder abwesend waren – unser Verständnis des männlichen Geschlechts ist entscheidend davon geprägt, wer unsere Väter waren und sind. Als Sigmund Freud diese Erkenntnis zum ersten Mal formulierte, war das eine Sensation. Heute ist sie ein Gemeinplatz. Die Freud’sche Terminologie ist so sehr in unser Alltagsvokabular übergegangen, dass wir ganz schnell mit der küchenpsychologischen Diagnose der sogenannten Daddy-Issues bei der Hand sind. Dabei ist vieles davon gefährlicher Quatsch und dient der rechten Konterrevolution seit Jahren dazu, ihr sexistisches, homophobes Weltbild zu rechtfertigen. Kein Wunder: Sigmund Freud hatte seine Theorien schließlich zu genau diesem Zweck formuliert. Nur haben wir das längst vergessen…

Was wir meinen, wenn wir „Daddy-Issues“ sagen

 

Wenn wir heute von Daddy-Issues sprechen, dann benutzen wir ausnahmsweise einen Anglizismus, der ursprünglich ein deutsches Wort war: Den „Vaterkomplex“. Dabei handelt es sich um ein psychoanalytisches (kein psychologisches!) Konzept, das eine Entwicklungsstörung bezeichnet, der zufolge die Überwindung der „ödipalen Phase“ eines Kindes nie richtig stattgefunden hat, was sich bei einer erwachsenen Person schließlich als Vaterkomplex manifestiert. Die bis heute gültige Leistung Freuds und seiner Epigonen besteht in der Erkenntnis, dass eine solche frühkindliche Sexualentwicklung überhaupt stattfindet und dass sich diese natürlich an den unmittelbaren, erwachsenen Vorbildern – den Eltern – abarbeitet. So weit so klar. Ein Großteil der daraus gezogenen Schlussfolgerungen ist aber ziemlicher Bullshit, gilt in Fachkreisen seit Jahrzehnten als widerlegt und kann im besten Fall als Kind seiner Zeit verstanden werden. Vor allem der Feminismus und mit ihm die gesamte LGBT-Bewegung läuft mit absolut schlüssigen Argumenten seit Jahrzehnten Sturm gegen diesen reaktionären Schmarrn. Geändert hat das freilich wenig: Die Freud´sche Misogynie und Homophobie ist nach wie vor fester Bestandteil des gefährlichen Halbwissens westlicher Gesellschaften.

 

Halbwissen als reaktionäre Waffe

 

Wenn man „gay daddy-issues“ googelt, stößt man auf drei Arten von Ergebnissen: Schwule Partys mit einschlägigen Thema, private Blogs von Frauen und Männern, die darüber schreiben, wie gut oder schlecht ihre Väter mit deren Outing zurechtgekommen sind und rechte Lifestyle-Seiten, die mit dem Brustton überzeugter Selbstverständlichkeit konstatieren, dass alles, was nicht in ihr weißes, heteronormatives Weltbild passt, die Folge von – erraten – Daddy-Issues ist. Faggots und Dykes: Vaterkomplex! Feministinnen: Vaterkomplex! Die küchenpsychologische Herleitung funktioniert in etwa so: Frauen, die sich die Haare abschneiden und die ihr zugeschriebene soziale Rolle in Frage stellen, tun das, um ihre Väter zu brüskieren, zu denen sie aufgrund psychologischer Fehlentwicklungen ein pathologisch schlechtes Verhältnis haben. Männer, deren Väter „Weicheier“ waren, werden schwul, weil es sie nach einer maskulinen Bezugsperson verlangt, die sie im Vater nicht bekommen konnten. Das Fiese an dieser Form der Argumentation ist, dass sie mit Hilfe von allgemein anerkannten Psychobegriffen die Pathologiekiste aufmacht, um Menschen, die anders ticken als der Hetero-Mainstream, jegliche Form der Selbstbestimmtheit abzuerkennen. Wer in einem solchen Zusammenhang den „Vaterkomplex“ ins Spiel bringt, tut im Grunde nichts anderes als Homosexualität und das Infragestellen von Geschlechteridentitäten als seelische Fehlentwicklung und damit als Krankheit zu bezeichnen. Die Vorstellung einer „cure for gays“ ist wieder auf dem Vormarsch. Im Trump-Amerika genauso wie in den rechten Bewegungen Europas.

 

Ödipus, das klingt so geil und heißt nicht viel

 

Die progressive Reaktion auf solche chauvinistischen Feststellungen ist meist, dass da eben eine Theorie missbraucht wird, um ein hässliches, patriarchalisches Weltbild zu untermauern. Will man aber weiter argumentieren, wird’s ganz schnell ganz schwierig. Man beweise mal das Gegenteil. Klingt doch schlüssig, diese Vatersache und ja, bei Freud steht das auch so in etwa. Wir sind selbst so verliebt in unseren alltäglichen Ödipus- bzw. Elektrakomplex, wir werfen so gern mit diesen Wörtern um uns, dass wir uns nicht vorstellen können, das Konzept der Daddy-Issues per se in Frage zu stellen. Der Grund dafür ist gleichzeitig jener, weshalb das Ganze so ein Unfug ist: Man kann so ziemlich ALLES mit der Unterstellung eines Vaterkomplexes erklären. Weil es sich dabei eben nicht um ein pathologisches Phänomen handelt, sondern um ein soziales.

 
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Ein Komplex ist keine Krankheit

 

Eine der Hauptantriebskräfte für die Entwicklung psychoanalytischer Theorien war die Suche nach Erklärungen für „abnorme“ Verhaltensweisen. Dabei wurde und wird im Dunstkreis des psychologischen Halbwissens das Abnormale gerne mit dem Geisteskranken gleichgesetzt. Allerdings gibt es einen guten Grund für die Unterscheidung dieser beiden Wörter: Letzteres bezeichnet ein medizinisches Phänomen (Schizophrenie zum Beispiel) und ist ein Fall für die Psychiatrie. Ersteres bedeutet lediglich eine Abweichung von der (gesellschaftlichen) Norm und steht somit immer in Bezug zu den jeweils herrschenden Verhältnissen. Die Methode der Psychoanalyse selbst verfolgt das Ziel, jene Phänomene, die sie mit Theorien wie dem Vaterkomplex zu beschreiben versucht, im Zuge einer Art von Therapie zu bewältigen. Auf Deutsch: Das nicht konforme Verhalten in ein der Norm entsprechendes zu überführen. Entwickelt wurde das zu einer Zeit, als man etwa davon ausging, dass der weibliche Orgasmus eine Form der Hysterie war, die es zu „heilen“ galt. Begreift man ein weibliches Lustempfinden als abnormal wird man auf der Suche nach der zugrundeliegenden „Fehlentwicklung“ in der frühen Kindheit vermutlich fündig. Aber eben immer nur in Bezug auf den gerade herrschenden gesellschaftlichen Mainstream.

 

Vaterkomplex als Symptom gesellschaftlicher Zustände

 

Die Krux an der Sache mit dem Vaterkomplex – genau wie an zahlreichen anderen psychoanalytischen Konzepten – ist die Tatsache, dass er mit vermeintlich letztgültigen Begriffen operiert, die in Wahrheit kulturell bedingt und stetem Wandel unterworfen sind. Der berüchtigte Penisneid etwa geht davon aus, dass jungen Mädchen die Abwesenheit des männlichen Geschlechtsteils im zarten Alter von fünf Jahren „schmerzlich“ bewusst wird. Während es zweifelsfrei richtig ist, dass das Erkennen dieses biologischen Unterschieds ein entwicklungstechnisches Faktum ist, kommt man mit der Annahme, dass es sich um eine Form des Neids und damit um ein Gefühl der Minderwertigkeit handelt ganz schnell in Teufels Küche. Es setzt nämlich eine sozial determinierte Ungleichheit der Geschlechterverhältnisse voraus. Und was noch viel schlimmer ist: Anstatt diese Form des Vaterkomplexes als Symptom für gesellschaftliche Zustände zu begreifen, wird er umgekehrt gerne als deren psychopathologische Bestätigung gewertet. Und das ist reaktionärer Schmarrn.

 

Sugar Daddy-Issues

 

Bei all den haarsträubenden Ansichten, welche die Erfinder des, uns so ans Herz gewachsenen, Begriffs der Daddy-Issues gepflegt haben, waren sie doch keine Idioten. Den Entwicklern der Psychoanalyse war das Relative ihrer Theorie durchaus bewusst. Solange das auch für uns, die solche Zuschreibungen benutzen, gilt, kann man natürlich damit kokettieren. Phänomene wie Sugardaddy/Sugarbaby Arrangements bieten sich dafür etwa an. Egal ob schwul oder hetero. Und man kann die Tatsache, dass man im Grunde genommen seinen Körper verkauft, wenn man sich für regelmäßigen Sex und gelegentliche Kinobesuche von einem älteren Herrn das Studium finanzieren lässt ganz wunderbar mit eingebildeten oder tatsächlich vorhandenen Daddy-Issues rechtfertigen. Das klingt dann weniger berechnend. Funktioniert auch in die andere Richtung: Hält man sich in reiferen Jahren das eine oder andere Sugarbaby, kann man immer sagen, dass man einem jungen Hüpfer gerne das geben würde, was man vom eigenen Vater nie bekommen hat. Oder dass man eben das weitergeben möchte, was man selber so großzügig von seinem Erzeuger erfahren hat. Ganz egal. Daddy-Issues erklären so ziemlich alles, was man erklären will. Progressive, wie auch reaktionäre Haltungen. Also bitte nicht zu ernst nehmen.


Text: Klemens Gindl

Bilder: Kidizin Sane