Sie ist fester Bestandteil der Popkultur, wie wir sie kennen, aber möchte es eigentlich gar nicht sein. Ihre Message ist klar politisch motiviert, die Musik nur Mittel zum Zweck. Scheiß auf Geld, Preise oder Fame – M.I.A. möchte wirklich etwas bewirken mit ihrer Musik. Warum sie es mit ihrer kritischen Meinung – konträr zu den Oberflächlichkeiten so mancher Popsternchen – trotzdem ins Herz der Musikindustrie geschafft hat, erfahrt ihr hier:

Es war im Jahr 2007, als M.I.A. mit ihrem Hit Paper Planes plötzlich auf allen großen Bühnen dieser Welt zu Gast war: Ein guter Mix aus eingängigem Text, tanzbarem Beat, sowie Rap- und Gesangselementen machte sich da in den weltweiten Charts breit. Ohne den tieferen Sinn hinter Mathangi Arulpragasams (M.I.A.’s bürgerlicher Name) Hit zu hinterfragen, wurden auf der ganzen Welt plötzlich Texte rezitiert, welche die Stimmen geflüchteter Menschen repräsentieren sollten.

 
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M.I.A. selbst ist gemeinsam mit ihrer Mutter im Alter von 10 Jahren vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka geflüchtet, und landete zuerst in einer Flüchtlingsunterkunft. Noch bevor sie mit ihrer Gesangskarriere startete, bekam sie die Möglichkeit, Regie für das Musikvideo Mad Dog God Dam der Band Elastica zu führen, und lernte die Queerpunk Sängerin Peaches kennen. Von Beginn an drehte es sich in ihrer Musik vor allem um Eines: Politische Ungerechtigkeit fernab der westlichen Welt.

Diese Message ist auch spätestens nach ihrem Musikvideo zu Borders (bei dem sie selbst Regie führte) endgültig in den Ohren  – und auch Köpfen – ihrer Fans angekommen: Wir sehen sie singend auf einem Boot, das überladen mit Kriegsflüchtlingen ist. Auch in den Lyrics zu Borders führt uns die Sängerin die Perversion der first-world-problems vor Augen: Wieso machen wir uns so einen Kopf über Instagram Likes und Red Carpet Looks, aber nicht über die Millionen von Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten müssen?

 

 

M.I.A. selbst sieht sich nicht als Musikerin, sondern vielmehr als Künstlerin – Musik ist für sie nur das Mittel zum Zweck. Wenige Künstler*innen bringen ihre Message so direkt und ehrlich an die Massen, und fast niemand wurde auch so offen dafür kritisiert. Immer wieder wurden Album-Artworks oder Lyrics von ihr zensiert, ihr berühmter Mittelfinger an die amerikanische Gesellschaft beim Super-Bowl 2012 sollte die Künstlerin knapp 17 Mio. US-Dollar kosten, und sogar als Befürworterin von Terrorismus wurde M.I.A. bezeichnet. Die 42 jährige, die sich einen Auftritt selbst im 9. Schwangerschaftsmonat nicht ausreden lies, sieht sich selbst hingegen abseits dieser Kontroversen der Popkultur. Sie distanziert sich immer wieder von der Musikindustrie, und mischt dennoch lautstark mit.

 
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Dass eben die Musik oft nur Nebensache ist, zeigt auch ihr Interesse für andere audiovisuelle Medien. Ganze 6 Jahre arbeitete sie mit Regisseur Stephen Loveridge an der Dokumentation MATANGI / MAYA / M.I.A., die auf dem Sundance Film Festival 2018 endlich ihre Premiere feierte. Die Stimmung zwischen Regisseur und Künstlerin schien schon von Beginn an angespannt, denn 5 Jahre lang wurde die Premiere des Films immer wieder nach hinten verschoben. Und auch nach der Premiere war die Künstlerin nicht gerade zufrieden mit Stephen Loveridges Werk. “He took all of my cool out. […] It’s not the film that I would have made” erzählt M.I.A. Billboard nach der Premiere. M.I.A. scheint in ihrer politischen Meinung gefestigt – im künstlerischen Ausdruck ebendieser ist sie aber immer wieder sprunghaft.

 

 

Vielleicht ist es gerade dieser sprunghafte Charakter, der M.I.A. nie irrelevant macht – sie kreiert Neues, nie Dagewesenes, und provoziert mit einer schonungslosen Offenheit, ohne dabei plakativ zu wirken. M.I.A. ist der Strudel im ewigen Strom der Popkultur, und gerade deshalb sollten wir noch viel öfter den Hut vor Mathangi Arulpragasam ziehen.

 

 


Text: Alex Baur