Liebe Brüder und Schwestern, die ihr verkatert auf euren Sofas liegt, weil gestern auch nur ein Samstag wie jeder andere war, hört mich an: Die meisten von uns sind mit der Gewissheit erwachsen geworden, dass die Deutungshoheit der Leidensgeschichte Jesu bei unseren homophoben Großeltern, heuchlerischen Pfaffen und Vladimir Putin liegt, weshalb wir selbst uns nie um eine andere Interpretation dieses abendländischen Gründungsmythos bemüht haben. Warum auch? Dabei wäre es gerade jetzt an der Zeit, sich die Geschichte, egal ob Legende oder historische Tatsache, als Lehrstück für Gesellschaft und Aktivismus zur Brust zu nehmen. Ich wage heute, am heiligsten Tag im Kirchenjahr, ebendies, weil es gerade zur politischen Lage passt.

Fassen wir die Eckdaten der Story kurz zusammen: Ein einfacher Handwerker kommt nach mehreren Auseinandersetzungen mit seiner inneren Stimme zum Schluss, dass das gesellschaftliche System den Menschen nicht gerecht wird. Er erzählt in seinem Umfeld von Nächstenliebe und Verteilungsgerechtigkeit. Leider kritisiert er auch die religiöse Führung und das bestehende Herrschaftssystem, die sich miteinander arrangiert haben. Aus Mangel an Beweisen für ein echtes Vergehen wird er öffentlich lächerlich gemacht, bis davon aufgehetzte Bürger anfangen, sich gegen ihn zu wenden. Der gesellschaftliche Druck führt dazu, dass sich seine eigene Gefolgschaft von ihm abwendet. Auf sich allein gestellt und von allen verraten ist es für die politische Führung nun ein Leichtes, in aus dem Weg zu räumen. Der Rest ist Karfreitag. Brrrr.

 

Die theologische Deutung spricht nun von einem Erlöser menschlicher Sünden, einem Sohn Gottes und stilisiert ihn zum Vorbild einer ganzen Glaubensrichtung. Das klingt seltsam? Nur, weil Jahrhunderte der Theokratie den Kern der Geschichte verwässert haben. Die Figur des Jesus Christus war kein frommer Gläubiger, sondern ein Systemkritiker und Revoluzzer. Wer das System verändern will, hat es seit jeher schwer und wird am Ende von seinen eigenen Leuten verraten. Das ist die Steilvorlage für 99% aller Querdenker, die meist lange vor einer tatsächlichen Revolution beseitigt werden. Ironischerweise müsste die Kirche in jenen Weltgegenden, wo sie noch immer mächtig ist (etwa in Putins Reich) nichts mehr fürchten als die Rückkehr ihres eigenen Heilands.

 

Wäre Jesus Christus heute geboren, er wäre wohl ein populärer Aktivist. Ein Scharfmacher gegen heuchlerischen Glauben und konservative Law-and-Order Politik. Er würde im Internet vor Millionen von Followern die Scheinmoral und den Finanzkapitalismus auseinandernehmen. Auf der Straße würde er für Frieden, Black-Lifes-Matter und das bedingungslose Grundeinkommen demonstrieren.

 

Schnell hätten ihn Kirche und Politik auf der Abschussliste und würde ihn als Kommunisten oder blauäugigen Gutmenschen diffamieren. In sozialen Medien würden ihm Bots und besorgte Bürger eine Tracht Prügel oder Schlimmeres an den Hals wünschen. Sollte die Polizei bei ihm zu Hause Reste von Partydrogen finden, wäre die Häme wohl groß. Schnell wäre er im gesellschaftlichen Abseits und seine letzten Verteidiger als unbelehrbare Esoteriker abgestempelt.

 

Und hier können wir alle vom Neuen Testament – egal ob fiktiv oder real – lernen. Anstatt sich gegen jene Menschen instrumentalisieren zu lassen, die berechtigte Systemkritik ins Feld führen und sich für Verteilungsgerechtigkeit stark machen, sollte man genau in diesen mutigen Zeitgenossen einen Funken Hoffnung sehen. Ihnen gehört unsere Unterstützung. Und somit ist die Auferstehungsgeschichte natürlich ein Fingerzeig: „Haltet Ausschau, neue Helden werden kommen, die sich selbstlos in die Bresche werfen.“ Sie kommen nicht mit wehendem Umhang vom Himmel herab, sie haben keine Engel als Eskorte sondern sind einfache Menschen, die das Herz am rechten Fleck haben und denen eine innere Stimme sagt: „Irgendetwas stimmt hier nicht.“ Es sind die Edward Snowdan’s, Julian Assange’s, Ute Bock’s, Klaus Schwertner’s und viele mehr. Sie gehören unterstützt. Egal welchen Glauben wir haben. Ihnen gehört unsere Solidarität und unsere Stimme. Jesus lebt. Wenn schon nicht als Gottheit, dann zumindest als Rebell.

 

Text Julian Wiehl