Ich neige dazu, mich selbst als queeren Hetero zu bezeichnen: Ich trage gerne Nagellack und Schminke und finde nichts abturnender als Heteronormativität. Meine prägenden Jahre und sozialen Kontakte kommen vielfach aus Schwulenszenen, auch wenn ich mich in ihnen nie ganz aufgehoben fühlte. Zwar sehe ich mich weiterhin als bisexuell an und lebe dies auch aus, finde aber mehr und mehr über mich heraus, dass ich tendenziell eher heterosexuell gepolt bin: Das heißt ich finde mich öfters vom anderen Geschlecht angezogen als von meinem eigenen (ich bleibe mal in dieser Binarität).

 

Heterosexualität als Peinlichkeit?

 

In den progressiven Blasen, in denen ich mich bewege, kommt es mir fast verstohlen vor, mich als Hetero zu erkennen zu geben. Wie vereine ich es, als weißer, privilegierter Mann eher auf Frauen zu stehen mit dem tiefen Wunsch die heteronormativen, binären Pfeiler, auf denen sich unsere zerstörerische Kultur errichtet hat, weiter abzutragen? Bin ich unwillens zum Feind übergelaufen? Mir scheint es fast peinlich, aber doch: ich bin heterosexuell (großteils). Ein queerer Hetero zu sein bedeutet für mich also folgendes: Zu affirmieren, dass das ganze Universum queer ist und jeder Mensch zumindest bi. Die sexuelle Orientierung, die sich immer wieder verändern und entfalten kann, ist also zufällig – egal ob ich mich als homo-, trans-, inter- oder eben heterosexuell identifiziere, ist das immer queer.

 

Wenn wir queer als Kategorie von hetero unterscheiden, riskieren wir dabei, eine Norm zu reproduzieren, die queer eigentlich unterlaufen und auflösen will.

 

 

Queere Heteros wissen das von sich und bejahen es. Sie setzen die eigene sexuelle Orientierung nicht mehr als richtige Norm, von der alles andere eine Abweichung wäre, sondern erkennen, dass ihre eigene Sexualität eine von vielen gleichwertigen Umgängen mit einem wunderbar queeren Universum ist.

 

Queer-Bashing oder eher Awareness schaffen?

 

Ich bin mir dessen bewusst, dass ich mich hier auf einem sehr schwierigen diskursiven Feld bewege. Leicht kann man mir cultural appropriation und ästhetisches Handpflücken aus der Position eines extrem Privilegierten vorwerfen: „For someone who is homosexual and queer, a straight person identifying as queer can feel like choosing to appropriate the good bits, the cultural and political cache, the clothes and the sound of gay culture, without the laugh riot of gay-bashing, teen shame, adult shame, shame-shame, and the internalized homophobia of lived gay experience.” (Dora Mortimer) Ich verstehe die Problematik der Queer Heterosexuality und habe nicht die Absicht, die Diskriminierungen, die queeren Personen widerfahren, zu schmälern oder zu leugnen. Ehrlich gesagt kommen mir die oben angeführten negativen Seiten der Queerness alle bekannt vor. Als geschminkter Mann in der U-Bahn begegnen einem Shaming und weirde Blicke, die Leute folgen einem nicht ins Bett oder in den Darkroom und begnügen sich mit dem ersten Eindruck, der bei mir sehr oft jener eines „Queers“ ist.

 

 

Sexualität als Spektrum

 

Die internalisierte Homophobie ist auch für Straight Leaning Queers ein Problem, so lange sie sich nicht hinter der verlogenen Heteronormativität verstecken. Ich fühle mich auch zu Männern hingezogen und möchte diesem nachgehen, diesen essenziell bisexuellen Teil in mir bejahen können. Dagegen stellt sich so einiges in meiner Erziehung, die man langsam abbauen muss. Wenn man Sexualität nicht heteronormativ als reproduktive Aktivität mit klaren Ziel (Baby) zwischen zwei binären Parts begreift, dann ist sie immer ein Prozess: Sie kann über die Jahre von mehr Gay Leaning, über asexuelle Phasen hin zu Bi- oder gar Heterosexualität führen, ohne jemals ihren definitiven Charakter erreicht zu haben. Queer verstandene Sexualität folgt dem sich stets auf der Erde wandelnden, multiplen Begehren ohne je eine straighte Form einzunehmen.

 

Text Miles Prader