Ich bin es gewohnt: Ich quäle mich wochentags gegen 08:00 Uhr aus dem Bett, kratze die Zahnbürste durch das, was ich mein Gesicht nennen, kippe binnen kürzester Zeit zwei bis drei Tassen Espresso in meinen Kopf und bin dann auch eigentlich schon wieder fast zu spät dran. Ich schmeiße mich auf’s Rad, boxe mich durch den Berliner Verkehr – und alle Berliner wissen: Als Radfahrer in der Hauptstadt führt man dauerhaft Krieg, sowohl gegen andere Verkehrsteilnehmer als auch gegen Pflastersteine – und komme auf Arbeit an. Und dann arbeite ich. Und dann kämpfe ich mich wieder zurück durch die sehr entspannte Rush Hour, werde von mindestens zwei Autofahrern beschimpft, komme zu Hause an, esse, trinke, schlafe. Und täglich grüßt das Murmeltier.
 
Okay, vielleicht übertreibe ich etwas – ganz so langweilig ist mein Leben nicht und da passiert noch einiges mehr, aber ich muss zugeben: Ich begebe mich relativ selten aus meiner Comfort Zone. Denn ich mag Gewohnheiten eigentlich ganz gerne, die haben immer sowas verlässliches, sind was zum Festhalten, wenn vielleicht mal irgendeine Säule im Leben ins Straucheln gerät. Und das ist jetzt auch bloß nicht als Appell zu verstehen, sofort den Job zu kündigen, sich die Kleidung vom Leib zu reißen und einer Hippie-Kommune anzuschließen. Worauf ich eigentlich hinaus möchte:

Wir sollten mehr reisen – und weniger nachdenken. Buchen, Koffer packen und los geht’s.

Ich finde es immer wieder unglaublich, wie gut ein paar Tage Alltagsflucht tun. Wie gut es tut, mal etwas anderes zu sehen. Mal mit anderen, fremden Menschen zu sprechen – die dann meist gar nicht mehr fremd sind. Mal nicht jede Stunde in die Mails zu gucken, denn es könnte ja irgendwas wichtiges reinkommen. Mal einfach abzuschalten und an irgendwas anderes zu denken, fernab von unserer Heimat.
 
Das hört sich alles ziemlich schön an, ist aber – wie ich am eigenen Leib erfahren habe – gar nicht so einfach. Denn dann bist du auf einmal woanders und deine Gedanken hängen trotzdem noch zu Hause. Vielleicht, weil sie nicht ins Handgepäck der Billig-Airline gepasst haben. Vielleicht aber auch, weil wir einfach mal wieder lernen müssen zu chillen. Ich habe das Gefühl, meine Generation – die Gen Y oder die Millenials, wie freshe Start-Upper wohl sagen würden – scheint vorrangig aus Workaholics zu bestehen, die sich mehr durch ihre Arbeit als durch irgendwas anderes definieren. Zähle ich mich selbst dazu. Und durch diesen Fokus ist einigen von uns die Fähigkeit mal abzuschalten, irgendwie abhanden gekommen.
 
Nicht gut. Lasst uns wieder chillen lernen.