Für mich ist Sport nur Mittel zum Zweck. Ich war früher in der Schule derjenige, der als letzter einem Team zugeteilt wurde – einfach aus dem Grund, dass meine Mitschüler schon wussten, dass sie sich mit mir eine haushohe Niederlage ins Team holen würden. Mein Schweinehund ist nicht etwa ein agiler, kerniger Schäferhund, sondern ein dicker, fetter Mops, der den ganzen Tag nur sabbernd auf dem Sofa liegen möchte.

Nichtsdestotrotz schaffe ich es manchmal den Mops raus zu locken: „Komm! Wir gehen heute mal raus – da gibt’s Hundekuchen und schicke Mopsdamen!“, flüstere ich ihm dann zu und er schleppt sich langsam und quälend vor die Haustür. Doch statt Mopsdamen und Hundekuchen gibt’s dann Proteinriegel und schwitzende Körper in hautenger Sportswear: Ja, ich schleppe mich dann und wann auch ins Fitnessstudio. Und ja, auch ich habe mich für eine Kette entschieden, bei der die monatlichen Beiträge nicht so hoch sind. Das hat den einfachen wie genialen Grund, dass ich dann kein allzu schlechtes Gewissen haben muss, wenn ich mich statt der vorgenommen 16 x monatlich nur ein einziges Mal in den Schweiß-Tempel der verlorenen Träume schleppe. Einerseits, weil ich, wie beschrieben, ziemlich faul bin und Sport definitiv nicht zu meinen Hobbies zählt, andererseits weil ich diese Fitnessstudio-Atmosphäre so sehr verabscheue, dass ich mich manchmal frage, warum ich mich überhaupt dort angemeldet habe. „Diese 25 € wären in Suff viel besser investiert!“, schnaubt mir der Mops dann vom Sofa zu. Aber was soll’s? Man will ja zumindest so tun, als würde man gesund leben.
Kaum in der Umkleidekabine angekommen, möchte ich schon am liebsten auf dem Absatz umdrehen: Muskelbepackte, durchtrainierte Männer – Typ Schrank – stehen vor den riesigen Spiegelflächen in abstrusen Posen und betrachten selbstzufrieden ihre Körper aus allen erdenklichen Winkeln, um dann, sobald der beste Winkeln gefunden wurde, ein Spiegelselfie davon zu schießen. Ich verwette meinen unsportlichen Hintern darauf, dass eben diese Selfies dann mit #nopainnogain, #bodytransformation oder #fitfam auf Instagram landen – und Leuten wie mir, die in etwa so muskelbepackt sind wie ein Laib Brot, ein schlechtes Gewissen machen. In solchen Situationen hilft es immer wieder sich vor Augen zu rufen, wie dämlich das Bild hinter dem Foto doch eigentlich ist.
 

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Aus der Umkleide geht’s dann vorbei am Freihantelbereich – ein Ort, den ich niemals betreten werde. Um ehrlich zu sein, weiß ich nichtmal genau, wie es dort aussieht – ein bisschen wie der verbotene Wald von Harry Potter. Nur dass aus dem verbotenen Freihantelbereich in regelmäßigen Abstände laute, rhythmische Schnaufer und angestrengtes Stöhnen dringen. Entweder werden dort Hardcore Pornos gedreht oder Menschen gequält – alles andere wäre reine Spekulation. Ich für meinen Teil stelle mich dann lieber erstmal auf den Crosstrainer und sehe dabei aus wie ein lustiger Mitvierziger, der gerade Nordic Walking für sich entdeckt hat. Mein Handtuch platziere ich übrigens immer geschickt über dem LED-Display des Geräts, damit meine Mitsportler nicht sehen, wie lächerlich niedrig ich das Ding eingestellt habe. Nach anstrengenden zehn Minuten und knapp einem Liter Schweiß schleiche ich mich unauffällig vorbei an den Fitness-Tracker-Trägern und Prioteinshake-Trinkern und platziere mich möglichst unbemerkt auf diversen Geräten. Ich vergewissere mich zunächst, dass niemand mich beobachtet und verstelle dann die Gewichte von 75 KG auf 20 KG und blockiere das Gerät dann für knapp zehn Minuten – schließlich sind die Generationspausen ernst zu nehmen. Wichtig: Auf keinen Fall vergessen, das Gewicht nach Verlassen des Geräts wieder hochzustellen.
Nach vier bis fünf Geräten ist dann aber auch erstmal Schluss für diesen Monat und ich schlittere auf einer Schicht aus Schweiß und verlorener Würde nochmal zu den Cardio-Geräten, betrachte sie kurz und beschließe dann, dass der Heimweg ja eigentlich Cardio genug sei „Bis zum nächsten Mal!“, rufe ich dem Trainer hinter dem Empfangspult zu. Er nickt mir zu und wir beide wissen, dass wir uns mindestens vier Wochen nicht sehen werden. Vor dem Studio angekommen binde ich den Mops los, kaufe ihm einen Hundekuchen und mir ein Bier und wir gehen schweigend nach Hause.