Wie schön das doch ist, sich an Weihnachten beschenken zu lassen, anderen eine Freude zu machen, auf den Sommerbody zu scheißen ( nicht, dass ich jemals einen Sommerbody gehabt hätte) und sich mit Weihnachtsleckereien vollzustopfen. Endlich wieder in die Heimat fahren, um lange Abende mit der Familie und Verwandtschaft zu verbringen, die man nur ein Mal im Jahr sieht. Doch ganz so idyllisch ist das Zusammentreffen dann wohl doch nicht immer – zumindest bei meiner Familie gerate ich von Zeit zu Zeit an meine persönliche Grenzen.

Fact 1: Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht.

 

Versteht mich nicht falsch: Ich mag meine Familie wirklich gern. Aber wenn ich die große Verwandtschaft, die sich jährlich am 24.12. in unserem geschmückten Wohnzimmer versammelt, einmal genauer unter die Lupe nehme, frage ich mich manchmal, wie wir überhaupt aus dem gleichen Genpool stammen können. Es ist kein ungefährliches Unterfangen, die Verwandtschaft zu sich nach Hause einzuladen: Meine Mutter stimmt sich persönlich auf  die Weihnachtszeit eigentlich nur mit Sätzen wie “Also wenn meine Schwiegermutter dieses Weihnachten wieder aufkreuzt brauchen wir unbedingt neue Sofas” oder “Dieses Jahr schmücke ich den Baum selbst, sonst schaut das wieder so schrecklich aus” ein.

 

Fact 2: Wir brauchen einen Schlachtplan.

 

Warum meine Mutter sich dennoch jedes Jahr die Mühe macht, 20 Leute mit ähnlicher DNA in einem Raum zu versammeln, muss man wohl nicht verstehen. Da werden die gekauften Plätzchen noch ganz schnell in eine Box “hausgemachter” Lebkuchen gemischt, der Defibrillator für den schon etwas in die Jahre gekommenen Teil der Verwandtschaft zurechtgelegt und mit einem kleinen Nikolausmützchen verziert, und der Großteil des Schnapsregals leergeräumt (denn man kann ja nie wissen, welche Familiengeheimnisse sonst unter Alkoholeinfluss an die Oberfläche kommen). Doch nicht nur meine Mutter hat an Heiligabend zu kämpfen: Auch ich und meine Geschwister bleiben nicht verschont. Wir sind – wenn es nach meiner Mutter geht – nämlich auch Gastgeber, und knobeln schon im Vorhinein aus, wer von uns welchen Teil der Verwandtschaft abklappern wird. Nachdem unser Schlachtplan steht, trinken wir drei erst Mal selbst einen Schnaps, und teilen uns auf:

 

Fact 3: Das Fremdbild ist wichtiger als das authentische Ich.

 

Da haben wir zum Beispiel meine Tante Gisela, die mir jedes Jahr wieder nach dem ersten Satz (“Mensch, bist du schon wieder gewachsen?” – “Nein, seit 2011 nicht mehr.“) die alles entscheidende Frage stellt: “Na, hast du denn mittlerweile schon eine Freundin?“. Was soll ich da als schwuler Mann darauf antworten? Muss ich ihr wirklich den dritten Herzinfarkt bescheren, nur um ehrlich zu ihr zu sein? Aber wer weiß, vielleicht würde sie ja auch total gelassen reagieren? Dennoch folgt – wie jedes Jahr – dasselbe Spiel: Einige große Schlucke am Glühwein meinerseits und ein freundlich, aber bestimmtes “Nein, ich habe wohl einfach noch nicht die Richtige kennengelernt.” Im anschließenden fünfminütigen Monolog von Tante Gisela, dass sie sich das einfach nicht vorstellen kann, denn ich sei doch ein fescher, junger Mann, der auch noch studiert, leere ich dann die restliche Tasse Glühwein. Dass sich mein normales Umfeld von meinem durchschnittlichen Aussehen und Germanistikstudium nicht so beeindrucken lässt, enthalte ich ihr in dieser Konversation gerne.

 

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Fact 4: Hörgeräte halten Fit.

 

Etwas angeschwipst von meinem mehr oder weniger anregenden Austausch mit Tante Gisela geht es dann weiter zu meinem liebsten Teil der Verwandtschaft: Hier kann ich eigentlich sagen, was ich möchte, denn bei zu vielen Hörgeräten auf engem Raum scheinen die Dinger einfach nicht mehr zu funktionieren. Also mache ich zahlreiche Gymnastikübungen, indem ich meinen Großeltern und Großtanten durch die wildesten Gestikulationen von meiner neuen Wohnung in Wien und meinem Studium erzähle. Meistens höre ich dann noch mal in voller Länge die Jugendgeschichten meines Opas aus Wien, die sich zwar von Jahr zu Jahr immer ein bisschen ändern, aber tatsächlich unterhaltsam sind. Und eines muss man diesem Teil der Verwandtschaft lassen: Trinkfest sind sie allemal. So wird jeder Tropfen Schnaps, den meine Mutter trotz großer Achtsamkeit nicht versteckt hat, genüsslich getrunken, bis die Großeltern und Großtanten selig auf der Couch schlummern.

 

Fact 5:  Wir sitzen doch alle im selben Boot.

 

Ich habe also meine Runde durch gefühlte 10 Generationen gemacht, und treffe nun wieder auf meine beiden Schwestern: Wir müssen aussehen wie drei Kriegsheimkehrer. Ich merke schnell, dass ich diese Jahr eigentlich recht gut davongekommen bin. Während meine eine Schwester gefragt wurde, ob sie denn schwanger sei (“Na, einen Bauch hast du schon bekommen! Vielleicht weißt du’s ja einfach noch nicht!”), durfte sich meine andere Schwester anhören, dass sie doch eigentlich einen viel tolleren Beruf ausüben könnte (“Also ich kann mir auch schöneres Vorstellen, als jeden Tag fremden Menschen im Mund rumzulangen.”), hatte ich rückblickend betrachtet eigentlich einen ganz netten Abend. Und wenn ich mich so umblicke, kommt mir das erste Mal der Gedanke, dass ich wohl nicht der Einzige bin, der solche Familientreffen anstrengend findet. Aber irgendwo zwischen dem schnarchenden Opa, der betrunkenen Tante Gisela und meiner Mutter, die hastig den Schnaps wieder in den Schrank räumt, fühlt es sich ganz schön wohlig nach Zuhause an.

 

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