Früher war alles irgendwie ein bisschen besser. Und anders. Und sowieso hat es sich gelohnt, für etwas zu kämpfen. Für etwas aufzustehen. Atomkraft? Nein, danke. Freie Liebe? Ja, bitte! Krieg? Nein, links außen. Ché Guevara, aber bitte richtig. Antiautoritäre Erziehung, und zwar schnell.

Was ist heute? Leider geil, diese neuen Sneakers. Berlin ist ziemlich hip, immer noch, und immer wieder. Ein Trip nach London und New York, das am besten gleich zwei Mal im Jahr. Der neueste Blog wird ausgecheckt, das Macbook steht auf dem Tisch, daneben die Club Mate zusammen mit dem obligatorischen Sartre-Reclamheftchen, die Altbauwohnung voller Klamotten aus dem Second Hand-Laden um die Ecke ist mit dem Fixie-Rad aus Mitte erreichbar.

Wir schwingen uns also jeden Morgen in den Sattel, radeln zum unterbezahlten Praktikum, weil wir „Irgendwas mit Medien“ machen wollen, zahlen 9,90€ für den Tofu-Soja-Spinat-Dinkel-Salat, betrachten die Welt durch eine rosarote Hipsterbrille,und finden uns zurecht im Strudel der unendlichen Möglichkeiten.

Wann hat dieser Wandel der Generation stattgefunden? Wir studieren Literaturwissenschaften, Kunstgeschichte oder Mediengestaltung. Und was, wenn wir dann unsere Bachelorarbeiten abgegeben haben? Dann sind wir doch wieder auf der Suche nach dem nächsten heißen Scheiß. Alle Places to be sind besetzt, also strudeln wir weiter im ewigen Sog der gesellschaftlich anerkannten Masse an Möglichkeiten, die uns entgegenschlägt, und vor der es kein Entkommen gibt. Was ist geblieben? Was wollen wir? Wer sind wir eigentlich, oder wer wollen wir sein? Jagen wir nicht, indem wir immer nur suchen, einem Schatten-Ich nach, das wir uns zusammenbasteln aus Social Media, und den 735 Freunden auf Facebook? Wir klingeln nicht mehr einfach so beim Nachbarn nebenan, um uns zum harmlosen In-den-Bäumen-Klettern zu verabreden. Wir bauen unsere Traumschlösser nicht mehr aus Sand, sondern setzen diese lieber in eine digitale Welt aus Hashtags. Am besten immer mit Filter.

 

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Der unaufhaltsame Fortschritt findet im Plattenladen nebenan statt, weil Vinyl wieder ziemlich in ist, und die Kassetten bekommen ebenfalls ihr Revival. Irgendwo zwischen Jutebeuteln und gescheiterten Existenzen finden wir uns schon zurecht. Weil wir nämlich darauf hoffen, den großen Coup zu landen mit dem, was wir mal machen wollen. Seifenblasenträume zerplatzten irgendwann zwischen Buffalo-Schuhen und dem ersten iPhone. Auch der erste Latte Macchiato schmeckte komisch, jetzt wird er mit Sojamilch getrunken, weil doch sowieso jeder an einer Glutenunverträglichkeit und Laktoseintoleranz leidet. Suchen wir tatsächlich nach etwas, das wir mal unseren Lebensinhalt nennen möchten, oder bleibt das bloß immer das, was wir mal „mit Liebe“ machen möchten? Ehefrau/mann, Kinder, Haus und Garten, das ist alles noch so weit weg, weil wir uns nämlich doch ganz wohl fühlen mit unseren Praktika, den Hospitanzen und dem Langzeitstudium.

Generation Y, so der Name für etwas, das greifbar, und doch irgendwie verschwommen ist, möchte sich nicht festlegen. Generation Null Bock hat aufgehört „null Bock“ zu haben und losgelegt. Mit aller Heftigkeit wurde angefangen zu studieren, zu probieren, zu posten, zu liken, zu taggen. Arschgeweihe wurden ausgetauscht durch Dreiecke und aus den Lautsprechern tönt „Wir sind passiert, bevor wir wussten, was passiert“. Der Freitod findet seinen akzeptierten Platz im Leben, es wird, sich anschreiend, über pseudointellektuelle Themen diskutiert, ist das Kunst oder kann das weg?
 
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Wir leben zu schnell, ja, das wissen wir mittlerweile auch alle. Und doch hören wir nicht auf, zu suchen und nicht zu finden. Weil wir uns diese Komfortzone selbst gebastelt haben, eine Realität aus Neonfarben. Weil es sich nicht mehr lohnt, aufzustehen, da alles sowieso irgendwie passiert, wie wir das wollen. Wir können nämlich fast alles mit einem Klick erledigen. Und doch wird gejammert, Depression und Burnout sind keine Fremdworte mehr, es gehört beinahe schon zum guten Ton, 2324 ungelesene Mails um 9:45Uhr im Posteingang zu haben. Wer das nicht hat, ist eine gescheiterte Existenz. Zynismus vermischt sich mit Sarkasmus und einem bitteren Lächeln, das wir uns abringen. Es hat also ein Wandel stattgefunden. Ganz kurz. Zwischen zwei Schlucken Mate, ehe wir weiter in die Tasten des Macbooks hacken, weil irgendwer irgendwann mal gesagt hat, dass Apple cooler ist als Microsoft. Oder so ähnlich.



Text:
Ann-Kathrin Erler