Chapter 2: Fünf Gründe, warum es großartig ist, queer zu sein

Für alle, die im Zuge der Corona-Pandemie ein wenig das Gefühl für Zeit und Raum verloren haben: Auch im Jahr 2020 folgt auf den Mai der Juni und damit ist – trotz weltweiten Verbots von Großveranstaltungen – wieder Pride Month! Der globale Ausfall unserer Regenbogensause ist dabei nicht einfach nur eine abgesagte Party, sondern eine mittlere Katastrophe! Es ist die Pride, die uns und unsere Mitmenschen daran erinnert, dass Queer Life nicht nur lebenslanger Kampf gegen Diskriminierung und Gewalt bedeutet, sondern einfach auch verdammt großartig ist …

#1 Queerness macht einen frei von Konventionen

Es ist dieser eine Moment, wenn alle Hemmungen fallen und man auf einem LKW stehend sich die Seele aus dem Leib singt, während andere halb nackt am Straßenrand abtanzen, der einem das Gefühl geben kann, dass das Leben grenzenlose Möglichkeiten bietet. Dass man einfach tun und lassen kann, worauf man Lust hat, ohne von anderen dafür beurteilt zu werden. Klar, denkt man sich erst, das ist gerade eine geile Party, man ist nicht allein, sondern eingebettet in eine Community und darum ist das eben möglich, hier und jetzt. Aber so manchen von uns ist es spätestens hier gedämmert, dass das nicht nur einmal im Jahr so sein muss, sondern dass man da was mitgenommen hat, nämlich für’s Leben. Weil man da vielleicht zum ersten Mal erkannt hat, dass Queerness nicht nur Probleme macht, sondern auch ein irrsinniges Privileg sein kann. Selbstverständlich ist das Außenseitertum nicht immer angenehm, im Gegenteil bedeutet es, ständig Gefahr zu laufen, Opfer von Gewalt, Diskriminierung, Armut und Unterdrückung zu werden. Aber es macht einen auch frei. Frei von den unausgesprochenen Zwängen, denen man als Teil des heterosexuellen Mainstreams permanent ausgesetzt ist. Von idiotischen Männlichkeitsmodellen über starre Beziehungsmuster hin zu lähmenden Kleiderordnungen und ökonomischen Imperativen. Lustigerweise ist es gerade diese Freiheit der Außenseiter, die von unserer westlichen Mainstreamkultur als bestimmendes Merkmal Queeren Lifestyles entdeckt, beneidet und zusehends übernommen wird. Hat man uns bis vor nicht allzu langer Zeit – im besten Fall – für unser Anderssein bedauert, stößt man neuerdings auf offene Bewunderung und sogar Neid. Völlig zu Recht, würden wir meinen!

#2 Queerness bedeutet fantastischen Sex

Wenn wir unseren Heterofreunden erzählen, wie unser durchschnittliches Sexleben so abläuft, ernten wir zumeist Erstaunen und – in vielen Fällen – blanken Neid. So einfach geht das? So unkompliziert? So abenteuerlustig und experimentell? Da sieht man dann, wie es hinter den Augen des Gegenübers rattert und man kann förmlich dessen Gedanken lesen: Warum geht das bei mir nicht einfach auch so? Der Grund ist, dass es wahrscheinlich wenige Dinge gibt, die so sehr von Konventionen dominiert werden wie Sex. Ohne hier jetzt einen McKinsey Report 2.0 aufzumachen, ist die körperliche Liebe in der Heterokultur überladen mit (un)ausgesprochenen Regeln und Verpflichtungen. Angefangen bei Geschlechterstereotypen, die vorgeben, wie man sich beim Vögeln zu verhalten hat, über Gefahr einer potenziellen Zeugung von Nachkommen bis hin zum quälenden – und im Falle einer Familiengründung nach wie vor stark ausgeprägten – Imperativ der Monogamie. Als heterosexueller Mensch ist es verdammt schwer, sich ein Stück weit von diesen sozialen Zwängen zu befreien. Als LGBTQIA ist man auch in Sachen Sex von vornherein außerhalb der Norm, weshalb all diese Regeln und Einschränkungen nicht wirklich gelten. Die sexuelle Freiheit der Queer-Culture ist für die Normalos in der Regel unerreichbar. Hinzu kommt, dass man als Mann nun mal am besten weiß, was Männer mögen und als Frau, die Sex mit Frauen hat ist das natürlich ebenso. Viele von uns, die es in der Vergangenheit auch mal mit straight versucht haben, können davon ein Liedchen singen. Die teils überbordende Promiskuität innerhalb unserer queeren Community hat aber auch ihre Schattenseiten, zumal sie oft als Distinktionsmittel gebraucht wird – Das „wer hat am öftesten und am meisten und mit den verrücktesten“ kann auf Dauer ziemlich mühsam sein. Trotzdem kann man in den meisten Fällen aber sagen: Queerer Sex ist einfach großartig! Da können einem die Heteros eigentlich fast leidtun.


“Menschen wie wir sind grundsätzlich darauf gepolt, Normen zu hinterfragen, weil sie uns in der Regel nicht nützen, sondern schaden.”


#3 Queerness denkt outside the box

Es gibt vermutlich einen Grund, warum so viele große Künstler, Wissenschaftler und Visionäre in der Kulturgeschichte der Menschheit das waren, was wir heute als queer bezeichnen würden. Von Leonardo Da Vinci über Albert Einstein bis zu David Bowie war es seit jeher den Außenseitern gegeben, einen besonders scharfen Blick auf die herrschende Mainstreamkultur zu haben. Große Dinge werden immer von Menschen vollbracht, die – um hier ein inflationär gebrauchtes Sprachbild zu bemühen – in der Lage sind, outside the box zu denken. Aus seinem eigenen Umfeld, aus seiner eigenen Haut herauszutreten und Zustände, Konventionen und Weltbilder zu hinterfragen, ist unendlich schwierig, weil sie einem in der Regel als natürliche Gegebenheiten erscheinen. Wenn man aber von vornherein outside the box zu leben hatte, weil man etwa aufgrund seiner sexuellen Orientierung nicht dazugehört, zur herrschenden Normalität, dann ist der Weg zu einer disruptiven Sichtweise auf den Status Quo erheblich kürzer. Menschen wie wir sind grundsätzlich darauf gepolt, Normen zu hinterfragen, weil sie uns in der Regel nicht nützen, sondern schaden. Dadurch erscheinen einem viele Dinge, die aus Sicht der Mainstreamkultur als unumstößliche Naturgesetze gelten, als das, was sie tatsächlich IMMER sind: Konstrukte, von Menschen gemacht. Es ist dieser Blick, diese Außenperspektive, die man als kreativer Kopf, als genialer Wissenschaftler, Musiker, Autor oder Künstler auf die Gesellschaft haben muss, um wirklich großartiges zu leisten. Als LGBTQIAs haben wir die gezwungenermaßen. Das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke, die ungemein beglückend sein kann, wenn man sie in sich erkennt.

#4 Queerness macht empathisch

Unsere Erfahrungen als Individuen außerhalb der Norm haben uns meistens von Jugend auf gelehrt, mit Homophobie, Ausgrenzung und Ablehnung vonseiten unserer Mitmenschen umzugehen. Sofern man daran nicht zerbrochen ist, hat es einen stark gemacht, die mannigfachen Ungerechtigkeiten dieser Welt besser zu ertragen und sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Aber ein Erwachsenwerden unter dem Eindruck solcher Zumutungen hat noch einen anderen Effekt: Die alltägliche Konfrontation mit Homophobie hat uns für alle möglichen Formen von Diskriminierung sensibilisiert, für die wir unter anderen Umständen wahrscheinlich blind gewesen wären. Unsere Queerness hat – ganz ironiefrei – das Potenzial, uns zu besseren Menschen zu machen. Als weißer, biologisch männlicher Westeuropäer wird man vermutlich niemals wissen, wie es ist, eine Frau zu sein, eine dunkle Hautfarbe zu haben oder gar mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung zu leben. Aber eine gelebte Queerness hat einen vermutlich schon des Öfteren in Situationen gebracht, die solche Erfahrungen zumindest erahnen lassen. Das versetzt uns in die Lage, auf solche Missstände aufmerksam zu machen, sie zu bekämpfen und im eigenen Umgang mit der Welt zu vermeiden. Die Fähigkeit, sich in die jeweiligen Bedrängnisse anderer Menschen einfühlen zu können und dabei das systematische, große Ganze im Blick zu haben, ist eine Gabe, die nicht nur glücklich macht, sondern im wahrsten Sinne des Wortes die Welt zum Besseren verändern kann. Wenn das mal keine Superpower ist.


“LGBTQIA sein bedeutet, Teil dieser globalen Community zu sein, und das ist ziemlich großartig.”


#5 Queerness bedeutet globale Community

Wir sind als LGBTQIAs zwar Teil einer Minderheit, aber wir sind nicht allein. Im Gegenteil! Jahrhunderte des Außenseitertums haben unter uns ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit gestiftet, das nicht nur Halt in schwierigen Zeiten gibt, sondern einen fast zwangsläufig mit aufregenden, großartigen und inspirierenden Menschen in Verbindung bringt. Menschen etwa, die im Laufe ihres Lebens für sich und andere neu definiert haben, was es bedeuten kann, eine Frau zu sein, ein Mann, oder auch nichts von beidem. Menschen, die sich gegen scheinbar unüberwindbare Widerstände behauptet und damit unsere Welt ein Stück weit zu dem bunten Ort gemacht haben, der er heute ist. Menschen, die permanent Konventionen hinterfragen und neue Wege beschreiten, die in vielerlei Hinsicht die Avantgarde unserer sozialen und kulturellen Entwicklung verkörpern und sich jeden Tag überlegen, was denn noch alles gehen könnte. LGBTQIA sein bedeutet, Teil dieser globalen Community zu sein, und das ist ziemlich großartig. So richtig merkt man es, sobald man im Ausland, am anderen Ende der Welt, einfach überall Freunde und Bekanntschaften findet, einfach, weil man das Zeichen des Regenbogens trägt. Dieser Austausch kann einem die Kraft und Inspiration verleihen, auch über sich selbst hinauszuwachsen, sich nicht von Konventionen irritieren zu lassen und schlussendlich seinen Weg zu finden. Für einen selbst und als Vorbild für andere. Das ist vielleicht der beste Aspekt an einem queeren Leben überhaupt. Auch wenn es noch viel zu tun gibt, wenn es in vielen Weltgegenden nach wie vor lebensgefährlich sein kann, einer von uns zu sein, wollen wir diese Community feiern. Trotz Corona. Auch in diesem Jahr. Show your Pride. 365 Tage im Jahr!


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