Chapter 2: Spieglein, Spieglein… Wie die Popkultur gesellschaftliche Missstände sichtbar macht

Die Popkultur ist ein Spiegel, der die ambivalenten Probleme unserer Welt zuweilen auf klare Art sichtbar macht. Trotzdem kann sie ein Refugium sein und hat niemals die alleinige Verantwortung zu tragen.

Sie glitzert, leuchtet, scheint. Egal, ob im Fernsehen, auf den Leuchtreklameschildern, live on stage oder über unsere Smartphone-Bildschirme – die Popkultur durchdringt alle Sparten der modernen Musik und Literatur, des Internets, der Politik, des Sports bis hin zu unserem Sprachgebrauch. Doch so sehr sie treue Begleiterin in vielen Lebenslagen sein kann, so sehr nimmt sie auch die strukturellen Unzulänglichkeiten des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Miteinanders in sich auf und wirft diese mit voller Wucht zurück. Die Popkultur ist ein Spiegel, der die ambivalenten Probleme unserer Welt zuweilen sichtbar macht …

Wir feiern Role Models, die eigentlich leiden

Sie sind die Vorbilder, die uns die Hand ausstrecken und uns durch die Sinnsuche im Leben schleifen. Wir können zu ihnen aufschauen und uns an ihnen orientieren. Wenn die Identitätskrise mal wieder zuschlägt, sind die Role Models der Popkultur eine wichtige Boje. Aber wer hilft eigentlich denen? Wir erinnern uns an den Meltdown von Britney Spears, der 2007 schon von voyeuristischen Paparazzi begleitet wurde. Die K-Pop Gruppe BTS musste Verträge unterzeichnen, die ihnen nicht nur ihre Ernährung vorschreiben, sondern auch, mit welchen Menschen sie Kontakte pflegen dürfen.


“Die Hintergründe der Industrie zu reflektieren würde vermutlich nicht schaden.”


Es ist und bleibt ein zweischneidiges Schwert – kommerzieller Erfolg und das sogenannte Jet-Set-Leben haben ihren Preis. Klar, jene Stars, die teilweise unglaubliche Vermögen in ihren zig Villen anhäufen, sind Teil des Problems – dennoch bleiben sie Menschen, die oft unter der Gier derer leiden, die tatsächlich daran verdienen. Die Hintergründe der Industrie zu reflektieren und sich ab und an bewusst zu machen, was es bedeutet, bigger than Satan zu sein, würde vermutlich nicht schaden. Dann tanzt es sich auch wieder etwas besser, wenn das nächste mal „Toxic“ aus der Anlage knallt.

Streaming-Monopole zerstören den Musikmarkt

“Some artists that used to do well in the past may not do well in this future landscape, where you can’t record music once every three to four years and think that’s going to be enough.” Dieses Zitat stammt aus einem Music Ally-Interview mit Spotify-Gründer Daniel Ek. Er ist der Ansicht, dass sich ein Leben in der Musik nur diejenigen leisten können sollen, die uns möglichst schnell mit immer neuem Content zuballern. Dass das den Faktor Qualität nicht ansatzweise beachtet (um nicht zu sagen geringschätzt), liegt auf der Hand.


“Längst leben Musikschaffende von Merch-Verkäufen und Live-Auftritten – die derzeit aber weitgehend flach fallen.”


Aber auch Anbieter wie Bandcamp erschleichen sich – obwohl sie tendenziell etwas rücksichtsvoller und unterstützender sind, was die Behandlung der Artists betrifft – langsam aber sicher eine Monopolstellung. Diese lädt dazu ein, es mit der Fairness nicht immer so genau zu nehmen, womit sich die Spirale nach unten zu drehen beginnt. Mittlerweile gibt es in vielen Haushalten geteilte Spotify-Abos. Sie sind äußerst angenehm, aber eine Künstler*innenmiete lässt sich aus dem Stream-Revenue meist nicht bezahlen. Längst leben Musikschaffende von Merch-Verkäufen und Live-Auftritten – die derzeit aber weitgehend flach fallen. Ausgerechnet jene, die uns den Lockdown erträglich machen, leiden besonders darunter. Der Musikmarkt ist ein fragiles Konstrukt, den es wieder zurückzuerobern gilt. Es ist an der Zeit sich zu überlegen, welchen Monat man sich am besten für einen Post-Corona-Konzertmarathon freihält.

Basicness wird als Laster abgestempelt

Es scheint das schlimmste Schicksal zu sein, das einen in der Bling Bling Welt ereilen kann: Normal sein. Auffallen um jeden Preis, die eigene Weirdness zum Markenzeichen machen und dabei immer versuchen, möglichst individuell zu bleiben – das ist das Gebot der Gegenwart. Dabei ist es gerade dieses Streben nach vermeintlicher Individualität, das uns alle irgendwie gleich macht. Was, wenn eben diese Obsession mit der Einzigartigkeit das ist, was den Mainstream definiert? Vielleicht liegt das Problem auch gar nicht in der so verabscheuten Basicness, sondern im Drumherum des Status Quo, der sich vielerorts unter der schillernden Fassade als ziemlich heruntergekommen herausstellt. Klingt doch logisch: Was in einer verkehrten und ungerechten Welt normal ist, also dem Status Quo entspricht und ihn nicht aktiv zu ändern versucht, bekommt schnell einen schalen Beigeschmack. 

Dabei ist es doch eine schöne Vorstellung, in einer Welt zu leben, in der Normalität kein Laster ist, sondern Empowerment für sich und andere sein kann. Antifaschismus, Antisexismus, Antihomophobie, Antitransphobie, Antidiskriminierung: Sie alle bilden den progressiven Konsens einer Gesellschaft, die ein gutes Leben für alle ermöglichen will. Dabei wird immer wieder postuliert, dass oben genannte Ideologien keinen Award verdient haben, sondern normalisiert gehören. Richtig, und genau deshalb sollten wir Normalsein auch enttabuisieren.

Der latente Nationalismus wird verstärkt

Schon in den frühen 2000ern wurde die Initiative „I can’t’ relax in Deutschland“ ins Leben gerufen, um auf nationalistische Tendenzen in der hiesigen Popwelt hinzuweisen. Teil und Supporter der Initiative waren damals Autor*innen, Konzertlocations und Bands wie Egotronic. Versucht man an ein Lied zu denken, das einer Stadt, einem Viertel, einer Gegend oder einem Land huldigt, muss man nicht lange überlegen. Die lokale, regionale, nationale Identifikation fängt bei „Mein Block“ an und hört bei „I am from Austria“ leider noch lange nicht auf.


“Versucht man an ein Lied zu denken,
das einer Stadt, einem Viertel, einer Gegend oder
einem Land huldigt, muss man nicht lange überlegen.”


Mit K-Pop gibt es sogar ein Genre, das die Herkunftsbezeichnung mehr oder weniger subtil im Namen trägt. Auf großen Mainstream-Festivals wie Rock am Ring sieht man häufig ein Meer von Flaggen über den Köpfen der grölenden Fans. Sogar Events wie der Eurovision Song Contest, dessen Ziel es doch eigentlich ist, Nationen über die Kraft der Musik näher aneinander rücken zu lassen, haben diesen nationalistischen Charakter – während sie sich gleichzeitig der LGBTQIA+ Community anbiedern, um Toleranz zu signalisieren. Allerdings muss man die engen Grenzen Österreichs nicht verlassen, um auf Beispiele zu stoßen. Andreas Gabalier füllt immer wieder Hallen und Stadien. Der rot-weiß-rot gestriegelte „Volksrock’nroller“ hat auf Facebook beinahe 850.000 Fans und scheint im österreichischen Mainstream angekommen zu sein. Als einer der wenigen Männer, die in Österreich noch auf Frauen stehen, hat er es laut Eigenaussage besonders schwer. Glücklicherweise hat er genug Geschirrtücher umgebunden, um seine Tränen damit abzuwischen. Für weniger Volks-Rock’n’Roll und mehr grenzenlose Offenheit!

Pop als Weichspüler der Realität

Pop ist angenehm. Bevor wir uns vor die Tür wagen, lässt es sich noch etwas Zeit auf Social Media und Streaming Plattformen verbringen und sowieso geht uns das echte Leben nichts an, solange wir eintauchen können in diese wundervolle Welt des Glamours, in der nichts unangenehm zu sein scheint. Währenddessen wird uns auch noch suggeriert, dass wir die Welt verändern können, wenn wir bloß ein paar empowernde Songs in der morgendlichen Dusch-Playlist pumpen.Globale Probleme der Verantortung des Individuums zuzuschreiben entspricht dem Zeitgeist, hilft aber niemandem wirklich weiter. Trotzdem kann das Eintauchen in popkulturelle Lazyness verhindern, dass Menschen aufstehen und gegen Diskriminierung kämpfen. Vor allem dann, wenn sie selbst nicht betroffen sind. Popkultur heißt Zerstreuung – und die kann sehr wertvoll sein, um in einer fordernden Welt nicht den Verstand zu verlieren. Aber sie kann einem auch den Blick auf das Wesentliche verstellen. 


“Wir müssen Pop nicht boykottieren, um die Welt zum Positiven zu verändern.”


Es bleibt eine kniffliges Henne-Ei-Problem, die Ursachen und Wirkungen in der Popwelt zu beschreiben. Immer wieder wird auch kritisiert, dass die Menschen, die sich das nächste Video von BlackPink unhinterfragt reinziehen, Teil des Problems sind. Irgendwo mag das stimmen, aber sie als primären Faktor herauszupicken, greift letzten Endes unter anderem wegen auseinanderklaffender Machtverhältnisse zu kurz. Die Popkultur als Gesamtes ist jedenfalls nicht das Problem – auch wenn sie viel Doppelmoral widerspiegelt –, sondern bestenfalls ein Symptom globaler Missstände und struktureller Unzulänglichkeiten. Wir müssen Pop nicht boykottieren, um die Welt zum Positiven zu verändern – zahlreiche Christopher Street Days und Demos unter dem Banner von Black Lives Matter beweisen das regelmäßig.

Illustrationen:
© Kai Jonas Jüttner