Chapter 5: Zero Shades of Gray – Zum Entsprechen verführt

Null oder eins. Ja oder nein. Like oder keins. Und alles was bleibt, passt in kürzeste Videos, die wir in Sekunden liken oder wegwischen, die wir lieben oder hassen. Aber was passiert mit den Abstufungen, den akzeptierten Meinungsverschiedenheiten, Empfindungen und virtuellen Abbildern unserer Selbst, die nicht in ein bestimmtes Schema passen?

Prof. Dr. Helmut Leder
© Alexandru Munteanu

Man erinnere sich an die Sage vom griechischen Halbgott Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte und an seinem unerfüllten Liebeshunger kläglich zugrunde ging. Sein einziger Lebensinhalt reduzierte sich schnell auf das, was er selbst auf die Wasseroberfläche des Flusses projizierte, an dem er sich in sich selbst verliebt hatte. Übersetzt in das Jahr 2020 kann ein solcher Fluss ein Instagram-Profil, eine Meinungs-Bubble aber auch einfach ein beliebiger Algorithmus sein, der uns mit genau dem füttert, was wir ohnehin schon mögen. Oder lieben. Oder liken. Aber wo ist da noch der Unterschied? Ein stetiger Fluss aus Serotonin, der dann am meisten Wasser führt, wenn sich eine Reflektion aus Likes über uns selbst ergießt. Erlaubt ist, was gefällt. Aber was nicht gefällt, geht im reißenden Strom mundgerechter Informationen und Bilder einfach unter. Also entsprechen wir – dem Ideal, der Norm, der Meinung, die in unserem Kontext am besten performt. Oder? Warum verlieren wir uns zusehends im glitzernden Deep-Fake unserer Wirklichkeit? Wahrnehmungspsychologe Prof. Dr. Helmut Leder von der Universität Wien gibt Einblick, was dieses Bling-Bling-Social-Media-Mainstreaming mit unserer Psyche macht. Und ob wir verlernt haben zu differenzieren.

Besonders im Jahr 2020 neigen wir im politischen, privaten und ästhetischen Kontext immer mehr zu polarisieren. Die Zwischentöne verschwinden und wir sehen eigentlich nur noch das, was wir sehen wollen. Was sagen Sie dazu?

HELMUT LEDER: Ich bin nicht sicher ob das so ist. Aber Ihre Hypothese hat eine gewisse Plausibilität, denn es ist ja so, dass wir in diesem ungewöhnlichen Jahr beobachten, wie die Verunsicherung in vielerlei Hinsicht stark zunimmt. Was passiert nun, wenn Personen unsicher sind? Eine Möglichkeit wäre, dass sie in ihren Einschätzungen ebenfalls schwanken werden. Das würde aus psychologischer Sicht bedeuten, dass sie dazu neigen, eben nicht polarisiert zu beurteilen. Aber tatsächlich nutzt einem dieses Verhalten nicht, weil man damit seine Unsicherheit verfestigt. Weil wir uns nicht zurechtfinden und auch mehr mit stark polarisierenden Meinungen konfrontiert werden, scheint es viel mehr der Fall zu sein, dass es diesen Trend gibt, den Sie in Ihrer Hypothese vermuten: Menschen reagieren und beurteilen extremer, weil sie in einer Meinung bestätigt werden wollen, um damit Unsicherheit zu reduzieren. Das ist ein Teil eines schwierigen Meinungsbildungsprozesses, der vielleicht tatsächlich differenzierende Graustufen weniger zulässt. Aus Unsicherheit sucht man dann auch die Übereinstimmung und Zustimmung anderer. Das wird durch die Bewertungsmodi der Sozialen Medien verstärkt, wenn die Beurteilung „hot or not“, „schön oder nicht schön“ und „gefällt mir/gefällt mir nicht“ überhaupt nur binär angeboten wird. Dinge, die extrem sind, sind stärkere Reize und werden stärker beachtet. In den Sozialen Medien setzt sich das Extreme durch, weil es mehr Aufmerksamkeit bekommt. Das ist wie ein Marktmechanismus des Psychologischen.


“Wenn ich nicht nach Zwischentönen gefragt werde, brauche ich natürlich auch
keine Zwischentöne mehr formulieren.”


Und führt dieser Marktmechanismus dazu, dass wir nur noch das sehen, was wir sehen möchten und schön finden – weil ein Algorithmus uns das so vorgibt?

Das ist ja gerade die Gefahr, auf die die Wissenschaften hinweisen, die aber auch einen anderen Grund hat. Wir haben Medien, die Klickverhalten, und im Extremfall auch andere Dinge wie Betrachtungszeiten, messen und anhand dessen auswählen, was sie uns unmittelbar und zukünftig anbieten. 

Warum begeben wir uns nicht auf die Suche nach den Zwischentönen?

Wenn ich nicht nach Zwischentönen gefragt werde, brauche ich natürlich auch keine Zwischentöne mehr formulieren. Bezüglich unseres Schönheitsideals führt das zum Beispiel dazu, dass sich dieses sehr schnell ändern kann. Dahinter steckt gar nicht etwas wie „ich will das“ oder „ich wünsche mir das“ – sowas übernimmt ein Algorithmus, der das Schönheistideal mit Bildern füttert. Schönheitsideale werden durch Vertrautheit gebildet. Ein Schönheitsideal für Gesichter wird von dem gespeist, was ich oft anschaue. Unsere Forschung in Wien hat gezeigt, dass wir schöne Gesichter länger und intensiver anschauen als Gesichter, die wir nicht attraktiv finden. Das führt dann zu einem Verstärkungsmechanismus: Was ich schön finde, schaue ich länger an. Das wird im Gehirn verstärkt, indem die Betrachtung positive Gefühle auslöst und die Merkmale dieses schönen Gesichtsbildes werden dann in das Schönheitsideal intergriert. Diese kontinuierliche Anpassung macht im analogen Alltag schon Sinn. Aber wenn diese Aufgabe ein Algorithmus übernimmt, der uns immer mit denselben Bildern füttert, die aus meinem Geschmack herausextrahiert wurden, verstärkt sich dieser Mechanismus. In kurzer Zeit bildet sich dann ein Ideal, das stark verfestigt ist und auch kaum noch erschüttert werden kann; und das auch nicht zur Welt außerhalb der Sozialen Medien passen muss.


“Wenn ich zum Beispiel
ein Foto sehe, kann ich mir nur m
it großem Aufwand klar machen, dass es sich um ein Bild, und nicht um eine Abbildung von Wirklichkeit handelt.”


Wenn wir wissen, dass uns eine artifizielle, auf uns abgestimmte Welt gezeigt wird – sei es optisch oder politisch – warum rebellieren wir dagegen nicht? Warum entsprechen wir lieber als zu widersprechen?

Ich glaube, die Nutzer Sozialer Medien begeben sich da gar nicht willentlich rein. Wenn ich mich auf ein Medium eingelassen habe und dieses Medium meine Vorlieben ausnutzt, kann es unmerklich passieren, dass sich bestimmte Ideale, Ansichten und Meinungen in mir verfestigen. Das ist kein bewusster Vorgang. Wenn ich zum Beispiel ein Foto sehe, kann ich mir nur mit großem Aufwand klar machen, dass es sich um ein Bild, und nicht um eine Abbildung von Wirklichkeit handelt. Wir können uns von einem wahrgenommenen Bild nur sehr schlecht distanzieren. Es sind also keine expliziten Entscheidungsmechanismen dahinter – es wirkt etwas automatisch auf uns.

Warum scheint im Kontext solcher Illusionen
„fake it till you make it“ eine salonfähige Doktrin der westlichen Kultur zu sein?

Ich glaube, dass das eine ganz große Gefahr ist, dass es neben der Alltagswirklichkeit eine geschönte Version gibt, die im Leben vieler Menschen präsenter ist als jemals zuvor. Diese geschönte Wirklichkeit prägt Ideale und wirkt dann auf den Alltag zurück. Es geht eine Kluft auf zwischen Wirklichkeit und vermittelter Wirklichkeit, was beim Schönheistideal für den Selbstwert von Personen durchaus echte Gefahren birgt, weil es zu großer, gar nicht berechtigter Unzufriedenheit mit dem Selbst führen kann.


“Reflexion passt nicht gut
zur Schnelligkeit und dem eingeforderten, dichotomen Bewerten.”


Nimmt uns die Flut mundgerecht verpackten Contents auch einfach die Fähigkeit, in einen aktiven Diskurs zu treten, wenn „zu entsprechen“ irgendwann nicht mehr genug ist?

Das ist sehr schön ausgedrückt. So wie man vielleicht die Fähigkeit verliert, die Schönheit der realen Welt entsprechend zu würdigen, wahrzunehmen und richtig einzuschätzen, kann es natürlich auch sein, dass ein sehr schnelllebiges Medium dazu führt, dass man bestimmte Diskurse nicht mehr im notwendigen Maße führen kann – wenn zum Beispiel die Fähigkeiten, den Status des Angebotenen zu hinterfragen, zusehends abhandenkommen. Denn um das zu tun, braucht es Zeit für Reflexion, und die passt nicht gut zur Schnelligkeit und dem eingeforderten, dichotomen Bewerten.

Führt die Resignation über die unterschiedlichen Wirklichkeiten dazu, dass wir uns in Polarisierungen flüchten?

Als Wahrnehmungsforscher denke ich, dass wir uns an dieser Stelle lieber wieder in das Medium flüchten, zurück zur kleinen positiven Stimulanz, die uns schöne Bilder – als Momente schönen Genusses, liefern. Impulse positiver Gefühle, nach denen man regelrecht süchtig werden kann.

Am Ende des Interviews kommen wir wieder am Beginn an. Die Flucht zurück in die Sicherheit des positiven Gefühls, vielleicht aus der Unsicherheit geboren.


Like
Love
Ah Ah
Wow
Sad
Grrr