Chapter 4: Wie man seine Kinky-Family bei Sex Positive Partys findet - VANGARDIST MAGAZINE

Chapter 4: Wie man seine Kinky-Family bei Sex Positive Partys findet

Wenn Sonntagvormittag die Afterhours in den Hamburger Clubs ausklingen, öffnet das PAL am Fuß des Fernsehturms seine Türen für eine Party der besonderen Art: Bei den “Kinky Sundays” ist Platz für alle, die in ein befreites Paralleluniversum eintauchen möchten, das die Konventionen des Alltags nicht kennt. Veranstalter Thorsten hat eine intime Partyreihe geschaffen, deren Stammpublikum mittlerweile zu einer Art Familie zusammengewachsen ist. Einen Teil seiner “Kinky Family” hat er zum Vangardist-Interview gleich mitgebracht. 

Vor einer halb abgerissenen Backsteinfassade, eingerahmt von Leitern und leeren Farbeimern, sitzen Thorsten, Lenard, Rieke, Fabian und Roi. Gerade ist im PAL Baustelle, denn die Pandemie hält noch immer den Pause-Knopf für sämtliche Veranstaltungen gedrückt. Die Erinnerungen an vergangene “Kinky Sundays” sind aber für alle noch präsent: “Du machst die Tür auf und bist in einer völlig anderen Welt”, schwärmt Rieke, die sich für unser Gespräch in einen hellbeigen Body mit Ledergeschirr geworfen hat. “Alle sind super freundlich, alle wollen hier sein. Es ist so ein vertrautes, familiäres Gefühl auf dieser Party.” 

Dieses Gefühl von Vertrauen und Sicherheit ist die Grundlage für den Erfolg der “Kinky Sundays” – schließlich geht es um sexuelle Befreiung, das schamlose Ausleben der eigenen Identität. “Die Leute öffnen sich hier, die lassen los. Du kannst einfach du selbst sein. Wir sind keine Sexparty, auf der du auch tanzen kannst,  sondern eine Party, auf der du auch Sex haben kannst, wenn du magst”, erklärt Thorsten. “Hier passiert dir nur das, was du auch wirklich möchtest.” Als er die “Kinky Sundays” ins Leben gerufen hat, wurde er zunächst belächelt: “Viele Leute dachten, dass solche in Hamburg nie funktionieren würden. Aber die Menschen hier haben Bock, ihre eigenen Grenzen auszutesten und sich selbst besser in diesem geschützten Raum kennenzulernen.”

Für Resident-DJ Lenard Klein sind die “Kinky Sundays” ein Vermittlungsort für Gleichgesinnte: “Hier gibt es kein oberflächliches Feiern”, erzählt er. “Wir sind eine Family, die sich gegenseitig völlig akzeptiert und gemeinsam loslassen möchte.”


“Du fühlst dich einfach sicher, weil du mit jedem sprechen kannst und wir alle Teil der gleichen Family sind!”


Das zeigt sich auch darin, wie vertraut Thorsten und seine “Kinky Family” miteinander sind: Sie haben keinerlei Berührungsängste, sprechen miteinander, als würden sie sich schon ihr Leben lang kennen. Die gemeinsamen Momente im PAL schweißen anscheinend zusammen – und das Schwelgen in Erinnerungen an vergangene “Kinky Sundays” macht der Truppe Lust auf mehr. “Ich will, dass es endlich wieder losgeht!”, wünscht sich Fabian. 

“Ich weiß noch, wie ich Fabian kennengelernt habe”, erzählt Lenard. “Ich werde nie vergessen, wie er tanzt. Das kannst du nicht beschreiben. Wenn Fabian auf einer Tanzfläche steht, hat jeder Mensch das Gefühl, loslassen zu können. Er hat mir dadurch so viel Confidence gegeben.” Fabian erinnert sich: “Selbst wenn ich mal das Gefühl hatte, schräg angeschaut zu werden, dann war es eigentlich immer aus Neugierde.” Er hat sein leichtes Outfit in Pink mit einem schwarz glänzenden Barett komplettiert: “Du fühlst dich einfach sicher, weil du mit jedem sprechen kannst und wir alle Teil der gleichen Family sind!”


“Auf vielen Gay-Partys wird man nur als sexuelles Objekt gesehen oder hat den Druck, Sex zu haben.
Hierher kommt man für Joy.”


Das sei ein großer Unterschied zu anderen Partys, merkt Roi an: “Was ich auf Partys suche, ist eine Connection zu den Menschen. Auf vielen Gay-Partys wird man nur als sexuelles Objekt gesehen oder hat den Druck, Sex zu haben. Hierher kommt man für Joy!”

Auch, wenn der Sex bei jedem “Kinky Sunday” allgegenwärtig ist, gibt es keinen Zwang, stellt Thorsten klar: “Es ist herzlich willkommen, wenn die Leute sich gegenseitig Pleasure geben – alles, was hier stattfindet, ist einvernehmlich. Dafür sorgen wir schon an der Tür, wenn wir die Gäste auswählen.” Das bringt auch Verantwortung mit sich: “Klar ist das eine relativ harte Auswahl, aber dieser Raum muss eben geschützt werden”, erklärt Thorsten. “Eine Person, die hier falsch ist, kann den ganzen Vibe killen. Trotzdem sind bei uns alle Menschen willkommen, die die passende Neugierde haben.”

Aus Thorstens ursprünglicher Idee des befreiten Feierns hat sich viel mehr entwickelt, als er zunächst dachte. Nicht nur, dass die Party statt monatlich nun im Zweiwochentakt stattfindet: Plötzlich hab ich eine ganze Familie – obwohl ich nur eine neue Party haben wollte. Ich hab mir das ausgesucht und alle hier sind mehr als Freund:innen. Das hier ist wirklich meine ,Chosen Family’.”

Photography + Creative Direction
Patrick Armiento (he/him) | @patarmi_photo

Co-Art Director
Racheal Adewole (she/her) | @rayxxo