Chapter 6: Bye bye, Queer Paradise - Gibt es noch ein ,queeres Europa’? - VANGARDIST MAGAZINE

Chapter 6: Bye bye, Queer Paradise – Gibt es noch ein ,queeres Europa’?

Seit den 1990er-Jahren galt Europa als Kontinent der Freiheit und des Pluralismus, der Toleranz und Gleichberechtigung, als gedeihende Oase frei und selbstbestimmt lebender LGBTQIA+ Personen. In jüngster Vergangenheit zeichnet sich jedoch ein besorgniserregendes Bild: In Ungarn wird das Anti-LGBTQIA+ Gesetz erlassen, Polen schließt gleich ganze Landkreise, die verhinderte Regenbogenbeleuchtung der Münchner Allianz Arena während der EM wird zum Politikum, und im nordspanischen A Coruña wird ein schwuler Mann vor einem Club zu Tode geprügelt. Sind diese Ereignisse Anzeichen für einen Rollback? Oder sind die Versuche von Orbán, Kaczyński & Co. lediglich als letztes Aufbäumen gegen den progressiven Zeitgeist zu betrachten?  VANGARDIST-Redakteurin Fee Niederhagen und Nikolas Kamke, Obmann von Pulse of Europe Austria, diskutieren, ob sich der Traum eines ,queeren Europas’ vielleicht längst ausgeträumt hat.*

Fee: Als queere Frau verliere ich jeden Tag ein bisschen mehr den Glauben an diesen Kontinent, wenn ich morgens die zwanzig Push-Nachrichten auf meinem Handy lese. Damit meine ich nicht – nur – meinen allumfassenden Weltschmerz, sondern was es bei mir auslöst, wenn ich sehe, wie rechte Regierungen anfangen, aus Regenbögen Feindbilder zu machen. Nik, wir haben ein Problem.

Nik: Stimmt. Wir fassen uns wohl alle an den Kopf, wenn wir beispielsweise sehen, welch wachsweiche Haltung die UEFA bei der kürzlich beendeten Fußball-Europameisterschaft eingenommen hat. Kapitänsbinden in Regenbogen-Optik waren gerade noch in Ordnung, doch bunte Stadien waren, zum Unmut der Münchner Stadtregierung, tabu. An Orbáns Politik von vorgestern durfte keinesfalls zu laute Kritik geäußert werden.

Fee: Das ist etwas, das mit meiner Vorstellung der EU überhaupt nicht zusammenpasst. Was mir zeit meines Lebens als Gemeinschaft für Gleichberechtigung und Menschenrechte verkauft wurde, entwickelt sich gesellschaftspolitisch, nicht nur auf dem queeren Parkett, zur Karikatur seiner selbst. ‚Verkauft‘ ist für mich besonders im Hinblick auf den diesjährigen Pride-Month ein Stichwort – der Regenbogen ist, losgelöst von dem, wofür er steht, zu einem kapitalistischen Marketing-Instrument geworden. Sobald es darum geht, auf politischer Ebene Rückgrat zu beweisen, zerbricht die Illusion in tausend Scherben.

Nik: Du sagst es: Hier geht es ums Verkaufen, PR, böse ausgedrückt: Propaganda. Im Vergleich zu anderen Regionen der Welt mag die EU als leuchtendes Vorbild für die Gleichberechtigung queerer Menschen erscheinen. Doch natürlich ist das weiterhin nur eine Wunschvorstellung. Die Community lebt nicht unter denselben Voraussetzungen wie die heterosexuelle Gesellschaft, weder in Ungarn noch in Österreich. Taten wie in A Coruña sind schrecklich, trotzdem bin ich weiterhin zuversichtlich: Queere Geschichten haben in den vergangenen Jahrzehnten eine erheblich höhere Aufmerksamkeit in Politik, Wirtschaft und Medien erfahren. Jahr für Jahr kommen wir der rechtlichen Gleichstellung in vielen Ländern Europas näher. Selbst ein Konzern wie Volkswagen wirbt mittlerweile mit dem Regenbogen. Und bei Netflix wird eine Lebensrealität abseits der Rama-Familie immer sichtbarer. Auch wenn all das noch lange nicht genügt, sehe ich uns im Großen und Ganzen auf dem richtigen Weg.

Fee: Dass LGBTQIA+ als Bewegung, vor allem mit der Entkriminalisierung, der „Ehe für alle“ und einer ziemlich sichtbaren Pride immer mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommt, stimmt schon. Das ist für mich aber nicht unbedingt ein unmittelbares Verdienst der letzten Jahre, sondern das Ergebnis von jahrzehntelangem Aktivismus. Was gerade passiert, ist meines Erachtens nach Ausdruck eines Europas, das immer weiter nach rechts rückt. Das Minderheiten als solche bezeichnet und wieder ausschließt, das einen kurzen illusorischen Moment von Frieden und Freiheit genossen und nun seinen Zenit überschritten hat. Wir, in unserer bunten Bubble, bekommen solche Entwicklungen zu spät mit. Nämlich erst, wenn LGBTQIA+ freie Zonen errichtet und dementsprechende Gesetze von Regierungen umgesetzt werden. Indes zeigt uns jeder Algorithmus, was wir ohnehin sehen wollen, und große Unternehmen versuchen, uns weiszumachen, dass sie auf unserer Seite stehen.

Nik: Diese Beispiele sind furchtbar. Und sie entlarven die Erzählung eines ach so bunten Europas mehr als Wunschvorstellung denn als Realität. Wir sind noch nicht am Ziel eines toleranten, gänzlich liberalen Kontinents. Du sprachst gerade den Rechtsruck in Europa an. Diesen nehme ich auch wahr, aus ,europäischer Perspektive’ nicht nur mit Blick auf Polen und Ungarn, sondern gerade auch auf die irrlichternde Brexit-Politik eines Boris Johnson. Und zugleich schöpfe ich bei ihm, mit dem mich politisch so ziemlich gar nichts verbindet, Hoffnung: Ja, er steht weiter rechts als seine Vorgänger:innen May und Cameron. Doch in gesellschaftlichen Fragen hat auch er liberale Überzeugungen. Als unlängst Spieler der englischen Nationalmannschaft rassistisch attackiert wurden, stellte er sich sofort entschieden vor sie. Ähnliches tat er auch bei Angriffen auf queere Personen. Die hart erkämpften Fortschritte in LGBTQIA+ Fragen haben mittlerweile ein gesellschaftliches Fundament, das über linke, progressive Parteien hinausgeht.


„Wir haben nachhaltige Fortschritte erzielt. Und wenn es in einzelnen Ländern zu Rückschritten kommt, leisten nicht mehr nur die Betroffenen vor Ort Widerstand, sondern Menschen in ganz Europa.“


Fee: Für mich stellt sich allerdings die Frage, was davon Inszenierung und was Überzeugung ist. Wobei wir im zeitgenössischen Kontext wohl immer mehr von reiner Show-Politik ausgehen müssen. Allerdings kann ich dir darin zustimmen, dass es für das politische Image unumgänglich geworden ist, sich in irgendeiner Form zu positionieren, progressiv oder konservativ. Und ganz gleich, ob der Traum eines gleichberechtigten Europas im Sterben liegt oder nicht, jetzt ist es zumindest noch so, dass die Befürwortung von Menschenrechten zum guten Ton gehört. Vor allem angesichts der anti-queeren Vorkommnisse der letzten Monate ist es aber wichtig, einen Stonewall-Spirit zu behalten und sich nicht auf Erfolgen auszuruhen.

Nik: Exakt, es darf nicht nur bei reinen Lippenbekenntnissen und ,queerwashing’ bleiben. Und da sehe ich großes Potenzial in der EU. Sie und ihre Vorläufer wurden einst gegründet, damit nie wieder einzelne Länder den gesamten Kontinent ins Unheil stürzen. Leben wir damit in der besten aller Welten? Mitnichten. Sei es bei der Umweltpolitik, dem Umgang mit Geflüchteten oder der Akzeptanz von queeren Communities – überall gibt es himmelschreiende Mängel, auch in Europa. Aber gerade die Entwicklung in gesellschaftlichen Fragen stimmt mich verhalten optimistisch. Wir haben nachhaltige Fortschritte erzielt. Und wenn es in einzelnen Ländern zu Rückschritten kommt, leisten nicht mehr nur die Betroffenen vor Ort Widerstand, sondern Menschen in ganz Europa. Dieses grenzüberschreitende Moment der Solidarität ist eine große Errungenschaft. Und wir müssen sie weiterhin mit Leben füllen. Heute vielleicht noch mehr als noch vor ein paar Jahren.

*Als paneuropäischer Verein setzt sich Pulse of Europe seit Jahren für ein offenes Europa ein,
auch in Bezug auf die LGBTQIA+ Community.

Photos: © Pexels (Anete Lusina)