Chapter 6: Mit Designer Mike Klar im Gespräch darüber, warum die Formulierung „Mut zur Farbe“ total fehl am Platz ist - VANGARDIST MAGAZINE

Chapter 6: Mit Designer Mike Klar im Gespräch darüber, warum die Formulierung „Mut zur Farbe“ total fehl am Platz ist

Mike Klar (@herrklar) hat sich mitten in Berlin etwas geschaffen, was sonst nur Pippi Langstrumpf hat: Mit seinem Lebenspartner hat sich der Designer und Kunsttherapeut seine ganz persönliche Villa Kunterbunt gestaltet. Auf Instagram inspiriert er seine Follower mit Einblicken in seine eklektisch eingerichteten vier Wände und inspiriert sie mit Farbklecksen im immer-beigen Instagram Stream. Denn wenn Herr Klar vor einem nicht zurückschreckt, ist es der Einsatz von leuchtenden Farben und der Gestaltung lebhafter Wohnräume. Da uns seine Einrichtungsideen und oftmals unkonventionellen Arrangements fortwährend inspirieren, haben wir mit ihm über seinen ganz persönlichen Designprozess gesprochen …

Hi Mike, schön, dass du dir Zeit genommen hast, mit uns zu quatschen. Ich habe gelesen, dass du als Designer und Kunsttherapeut arbeitest. Magst du uns etwas zu deinem Werdegang erzählen?

Seit ich irgendwie denken kann, habe ich gerne gezeichnet und gemalt. Deswegen habe ich zunächst in Weimar und Genf Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Illustration und Grafikdesign studiert. Danach habe ich gemerkt, dass ich gar nicht in die Werbe-Richtung gehen wollte und habe hauptsächlich freiberuflich und in sozialen Bereichen gearbeitet. Wodurch ich dann einen nebenberuflichen Master mit Fokus auf tiefenpsychologisch-fundierte Kunsttherapie gemacht habe und seitdem in einer Erwachsenenpsychiatrie als Kunsttherapeut arbeite. Dort gehen wir davon aus, dass in gewissen psychischen Krisen manche Patient:innen nicht mehr über die Sprache kommunizieren, sondern besser auf das Nonverbale ausweichen können, um sich mitzuteilen. Unsere Patient:innen haben hierbei freie Materialwahl, egal ob Farbe, Paste oder Thema. So kann man eine gute Parallele zur verbalen Psychotherapie schaffen. Oft entschlüsseln sich Themen so viel besser. Mit Jahresende 2020 habe ich dann den Entschluss gefasst, mich noch mehr der Kunst und dem Interior-Design zu widmen, und somit kurzerhand diesen Job gekündigt und arbeite jetzt größtenteils freiberuflich.

Hat dein Master dann auch etwas mit dir und deiner Herangehensweise an deine persönliche Designarbeit verändert?

Jein, es war eine Mischung. Mit 19 habe ich in einer Kindertagesstätte mit schwerbehinderten Kindern gearbeitet und habe mich damals das erste Mal mit dem Thema Kunsttherapie auseinandergesetzt. Als ich dann anfing, Design zu studieren, habe ich gemerkt, dass in dieser Branche der Prozess nicht wirklich wichtig ist, sondern nur, dass du ein geiles Ergebnis lieferst. Das hat mich immer ein Stück weit gestört und mich natürlich unter Druck gesetzt. Da wurde einem einfach der Spaß an den Prozessen genommen. Entweder war es am Ende geil oder nicht. Und daher hat mich dann die Kunsttherapie inhaltlich mehr und mehr interessiert.


“Man sollte sich immer fragen:
Brauche ich eine Bühne oder
eine:n Schauspieler:in?


Warst du schon immer eine Person, die Farben liebt oder
hat sich das auch erst bei dir entwickelt?
Wie hängt das mit deiner Art der Einrichtung zusammen?

Tatsächlich war Farbe schon immer voll mein Ding. Ich war jetzt nicht der zurückhaltende Designer, der nur schwarz, weiß, grau und maximal noch rot nutzt. Und dann hat sich das ganz organisch entwickelt. Ich denke, wenn man Bilder malt, kann man auch einen Raum gestalten. So kam das Ganze dann plötzlich ins Interior Design. Dadurch, dass ich im Studium auch viele Gestaltungsregeln gelernt habe, hatte man halt ein gutes Grundwissen. Mit einem komplementär-Kontrast hast du natürlich eine größere Spannung, was nicht wirklich passt, wenn du einen Raum gestalten willst, der eher Ruhe ausstrahlen soll. Ich gehe, wahrscheinlich auch durch meine therapeutische Arbeit, bei Farben und der Einrichtung immer lieber von der Gefühlsebene aus. Ich stell mir so Fragen wie: „Was hat die Farbe für eine Wirkung auf mich? Was kann der Raum denn gebrauchen?“ Dann gewöhnt man sich auch an das Gefühl der Farbe. Vor drei Jahren hätte ich jetzt auch nicht dran gedacht, dass wir unsere Küche knallorange machen. Man probiert halt aus, man schaut, man fertigt mal Skizzen oder Collagen an und überlegt dann, was der Raum für eine Funktion hat. Mein Schlafzimmer hätte ich niemals orange gestrichen, das ist für den Raum viel zu dynamisch. Diese Überlegungen sind für den Anfang, wenn man mit Farbe arbeitet, immer sehr wichtig: Soll es anregend sein? Soll es doch eher beruhigend sein? Soll es eine Farbwelt sein oder Spannung aufbauen? Man sollte sich immer fragen: Brauche ich eine Bühne oder eine:n Schauspieler:in? Mit einer dunklen Wandfarbe ist automatisch alles, was du davorstellst, im Fokus.

Was macht für dich das „Gefühl von Zuhause“ aus?
Kommst du irgendwann auch einmal an?

Ich denke mir, solange man lebt, sollte es keine Stagnation geben. Ich bin aber ein großer Freund von Pausen und es muss auch mal zwischendurch eine Art Ruhezustand herrschen. Letztes Jahr haben wir natürlich mehr gemacht als das Jahr davor. Zwischen großen Renovierungen liegen schon mal ein paar ruhige Monate. Eine Sache, die uns wichtig ist, da mein Freund Gärtner ist, sind unsere Pflanzen daheim, die uns das „Zuhause-Gefühl“ geben. So eine Art Grundstruktur in der Wohnung beruhigt mich. Ich bin ein Freund von Ordnung und dass alles seinen Platz hat, da wir natürlich auch ein wenig mehr Sachen daheim haben. Ich finde es extrem angenehm, wirklich jedem Raum seine eigene Funktion und Stimmung zu geben.

Spiegeln eure Räume euren Charakter wider
oder schafft ihr euch mit der Einrichtung eher eine Fantasiewelt?

Es ist auch wieder so eine Mischung. Ich würde es mit der Kunst des Drags vergleichen. Wie diese Künstler eben eine Persona an ihrem Körper erschaffen, die bunt und schillernd sein soll, so schaffe ich das mit der Inneneinrichtung in unserer Wohnung. Ich weiß noch, als ich vor zweieinhalb Jahren mit Instagram angefangen habe, dass das so gar nicht ankam, weil da gerade dieser Skandi-Trend voll in war und ich mit meinen Farben viel zu ausgeflippt für die Deutschen war. Jetzt liest du plötzlich überall: Neuer Trend – Mut zur Farbe. Das finde ich dann schon etwas lustig. Aber ich denke das beste Beispiel ist natürlich das Arbeitszimmer, da es mir dort wichtig ist, dass es das widerspiegelt, wie es auch innen drinnen aussieht. Im Schlafzimmer war Flieder zum Beispiel eher der Zugang über das Gefühl, da es mich sehr beruhigt und morgens angenehm hell ist. Und das Wohnzimmers ist für uns eher ein Raum für Herbst und Winter, daher durfte es etwas moody und dunkler sein.


“Bloß nicht bunt streichen,
da hast du dich ja nach einem halben Jahr
dran sattgesehen!”


Nimmt man die Außenwirkung nicht oft zu ernst, bei der Inneneinrichtung,
anstatt zu reflektieren, wie man selber gerne wohnen will?

Definitiv. Ich bin mit Massivholz-Kiefermöbel in den Neunzigern aufgewachsen. Mit ganz vielen blauen Glas-Akzenten, alle Räume schön hell und weiß und vielleicht mal eine bunte Couch. Nie Original-Kunst, sondern nur irgendwelche Drucke oder ganz viele Familienfotos. Aber es ist schon ein Prozess, sich davon freizumachen. Die Zeit während des Studiums hat natürlich geholfen, weil da das meiste improvisiert ist. Und manchmal muss man auch einfach machen, worauf man Lust hat. Ich meine, wir haben ein leeres Aquarium im Schlafzimmer stehen, was da eigentlich jetzt nicht stehen müsste, aber wir finden es cool. Ich erinnere mich auch noch an so Sätze wie „Bloß nicht bunt streichen, da hast du dich ja nach einem halben Jahr dran sattgesehen!“.

Die Entenlampe, das Boot an der Decke im Wohnzimmer oder die Penis-Vase – wie gehen hier die Themen Sexualität, Humor und Design zusammen?

Als ich 14 war, habe ich solche Dinge gesehen und dachte mir nur: „Wie schrecklich sieht das den aus? Ziemlich schwierig – darf man das? Das ist ja gar nicht ernst, das kann ja kein Design sein?“ Dabei waren das ja alles wirklich Designklassiker. Und mit der Zeit beschäftigt man sich dann erst mit der Geschichte hinten den Objekten oder gewissen Architekt:innen. Das sind natürlich auch Statements, die man setzt, die jetzt für die durchschnittliche:r Interior Blogger:in nicht so passen, die vielleicht die ganze Wohnung in weiß und beige hat. Ich mache das Ganze ja nicht absichtlich nach dem Motto: Ich will jetzt ein provozierendes Zuhause, aber irgendwie ist es für mich auch einfach Spaß. Ich mag wirklich nicht in einem zu ernsten Umfeld leben.

Wenn man sich eure Einrichtung anschaut,
würde man diese vermutlich eher als maximalistisch bezeichnen.
Dennoch finde ich persönlich, dass die Arrangements eigentlich einen minimalistischen Ansatz haben. Wie siehst du das? Maximalist oder Minimalist?

Es ist schön, dass dir das auffällt. Würdest du dir zum Beispiel unser Wohnzimmer in beige und Naturtönen vorstellen, würde keiner sagen, wie maximalistisch der Stil ist. Man ist nämlich wirklich nicht so erschlagen, wie man zuerst über die Bilder bei Instagram denkt. Es sind ja nicht in jedem Raum endlos viele Farben, sondern vielleicht nur drei Farbwelten, die sich wiederholen, die alle Bezug nehmen. Jedes Teil steht schon an seinem Ort sehr beabsichtigt. Wenn man sich natürlich jetzt die Häuser aus den 60ern ansieht, die sind ja auch sehr eklektisch und eigentlich auch wirklich voll mit Inneneinrichtung. Und das ist ja wirklich ein Klassiker. Wie zum Beispiel Bauhaus. Ich denke, dass das Thema komplett falsch verstanden wurde von den Leuten. Es war ja alles sehr bunt. Die Leute denken bei Minimalismus einfach immer an schwarz, weiß, grau oder beige und für mich muss Minimalismus nicht immer Langeweile bedeuten. Ich könnte mir schon vorstellen, mit nur einem Tisch, einem Bett, meiner Staffelei und zwei bis drei Klamotten zu leben, aber da habe ich einfach auch keinen Bock drauf. Wenn man sich unsere Räume nämlich mal im Detail ansieht, sind sie eigentlich recht minimalistisch. Da stehen ja nicht 50 Obstschalen, sondern nur eine gigantische. Oder eine Vase, die ist halt etwas größer und opulenter. Mein Freund is aber auch nochmal wesentlich maximalistischer als ich. Würde ich alleine wohnen, würde ich mit Sicherheit nicht so viel besitzen.

Bist du schon genervt, wenn Leute dich für deine Wohnung bewundern oder freust du dich immer noch, wenn Komplimente kommen?

Natürlich ist es so, wenn Leute bei uns für Home-Storys sind, dass diese dann nochmal mehr erstaunt sind, weil die Wohnung live und in Farbe nochmal anders aussieht. Aber für uns ist das irgendwie eine besondere und schöne Reise, die wir gemeinsam machen. Und natürlich ist es schön, dass es jetzt so vielen gefällt. Es ist vielleicht wie bei einem Artist, der eine Serie gemalt hat, diese dann ausstellt und die kommt dann auch bei den Leuten an. Ich habe das nie mit der Intention gemacht, wahrgenommen zu werden, sondern nur für mich. Was mich nervt, ist der Ausdruck „Mut Farbe zu benutzen“. Ich denke mir immer: Ja dann streiche ich halt eine Wand in meinem Privatbereich mal rot, dann auch wieder weiß. Da passiert ja nichts.

Hast du Prognosen, worauf die Menschen nach dem letzten Jahr vermehrt achten werden?

Das Thema Multifunktionalität wird sicher mehr und mehr in den Fokus rücken. Ich denke, man hat sich im letzten Jahr viel mehr damit beschäftigt, was man braucht. Das Thema Farbe ist natürlich nach dem letzten tristen Jahr ganz groß im Kommen. Was ich natürlich super lustig finde. Und der Trend „Urban Jungle“ wird uns natürlich so schnell auch nicht wieder verlassen. Ganz viel getrieben von der Überlegung, wie man es schafft, so viel Entspannung und Ruhezonen wie möglich in seinen privaten Wohnbereich zu integrieren. Und das Thema Home Office müssen wir gar nicht ansprechen. Das bleibt uns wohl auch noch etwas erhalten und wie man das gut umsetzen kann. Es wird wohl alles etwas modularer werden.

Letzte Frage, lieber Mike: Welche drei Designregeln sind kompletter Mist?

Puh, da muss ich jetzt überlegen. Meine persönliche Horrorvorstellung wäre es, das eigene Home Office im Schlafzimmer zu haben. Aber bezüglich anderer Regeln vielleicht, dass man aufhören sollte, die ganze Einrichtung zur Mitte des Raumes auszurichten. Ich bin eher ein Freund davon, kleine Zonen oder Bereiche zu gestalten, die sich voneinander abgrenzen. Ebenso finde ich das Vorurteil total doof, dass man kleine Räume nur mit kleinen Möbeln bestücken oder niemals dunkel streichen sollte. Ich weiß jetzt gar nicht, ob das wirkliche Regeln sind, aber das kommt mir jetzt so in den Kopf.

Vielen Dank Mike für das inspirierende Gespräch.

Interior Fotos: Kerstin Müller
Portrait Foto: Ewa Priester


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