Chapter 2: Apocalypse later? Warum 2020 vielleicht unsere Rettung war

Die Zeiten waren schon mal besser – wer zwischen Pornhub, Zoom und Arbeitslosenunterstützung langsam das Gefühl bekommt, dass es zu Ende geht mit dieser Welt, ist nicht allein. War es schon vor der aktuellen Götterdämmerung nicht gut um unsere Zuversicht bestellt, hat der globale Shutdown auch den letzten Optimist:innen ihren Glauben an die Zukunft ausgetrieben. Aber ist nicht jede Krise irgendwo auch eine Chance? Was, wenn wir behaupten, dass nicht alles, was im letzten Jahr das Zeitliche gesegnet hat, auch wirklich ein Verlust ist? Hier sind vier „Opfer“ der Corona-Pandemie, denen wir keine Träne nachzuweinen brauchen …

Die rechten Bullshit-Politics

Was sie nicht alles versprochen haben, die rechtsidentitären Zampanos unserer schönen neuen Welt: Amerika wieder groß machen, die Kontrolle über die Insel wieder zurückholen, die Balkanroute schließen und den Queers, Ausländern und Gutmenschen endlich mal zeigen, wer das wahre Volk ist, hier im Land. Hemdsärmelige Machotypen haben vielen von uns erfolgreich weiß gemacht, dass wir, mit ihnen an der Spitze, keine Angst mehr vor der Zukunft haben müssen – weil sie nicht quatschen, sondern machen und sich außerdem nicht scheuen, die Probleme bei ihren meist fremd klingenden Namen zu nennen. Nach einem Jahr globaler Seuchenkrise sieht die Sache freilich anders aus.

Die katastrophale Performance der Trump-Regierung hat recht schonungslos gezeigt, dass ein soziopathischer TV-Clown nicht die beste Wahl ist, um ein Land durch schwere Zeiten zu führen. Die eitlen Kapriolen eines Boris Johnson kosten das Vereinte Königreich vermutlich seine „Einheit“ und auch im kleinen Österreich ist es  um zielstrebiges Krisenmanagement nicht gar so gut bestellt. Die rechten Bauernfänger von DC bis Wien haben derzeit vor allem ein Problem: Egal wie man es dreht und wendet, es gibt einfach keine Minderheit, der man die Schuld an einer Seuche glaubhaft in die Schuhe schieben kann. Beim guten alten HIV war das noch anders, aber weder Homophobie noch Fremdenfeindlichkeit, ja nicht einmal der Antisemitismus können derzeit von der himmelschreienden Inkompetenz unserer twitternden Hassprediger im Chefsessel ablenken.

Uns allen hat das Jahr 2020 drastisch vor Augen geführt, was es heißt, wenn man bedingungslose Egomanen in die höchsten Ämter eines Staates wählt: Der pathologische Narzissmus von Leuten wie Trump, Kurz oder Johnson hat zur Folge, dass sie sich ausschließlich mit Jasager:innen und Speichellecker:innen umgeben, weil sie keinen neben sich ertragen, der weiter als bis fünf zählen kann. Das rächt sich, wenn es einmal – so wie 2020 – hart auf hart kommt. Weil dann der Kaiser nämlich nackt ist wie die Kids im winterlichen Moria.


“Die Folge ist,
dass wir zum ersten Mal seit langem ernsthaft diskutieren,
was Öffentlichkeit und freie Rede
eigentlich heißt.”


Die Allmacht der Big-Tech Konzerne

Gruselig waren sie, die Bilder von den Esoteriker:innen, Querdenker:innen und Nazis, die Regenbogenfahnen zerreißen, Q-Anon-Transparente schwenken und den Berliner Reichstag oder das Kapitol in Washington erstürmen. Ungläubig haben wir die Handyvideos und Interviews verfolgt, in denen Leute allen Ernstes meinen, die Clintons würden Blut von Babys saufen, Merkel wolle eine schwule Diktatur errichten und die Waldbrände in Kalifornien seien das Werk eines zionistischen Space-Lasers im Dienste einer großen Weltverschwörung. Die Pandemie ist ein ausgeklügelter Plan zur Unterjochung der gesamten Menschheit? Geschenkt! Bei so viel Unsinn kann einem schon mal die Kinnlade offenbleiben. Gleichzeitig drängt sich aber die Frage auf, wie es denn möglich ist, dass eine größere Anzahl nicht besachwalteter Menschen einen solchen Schmarrn tatsächlich glaubt. Die Antwort ist prosaisch: Social Media. Von aufeinanderfolgenden Lockdowns endgültig ins Netz verlagert, ist spätestens seit dem 6. Januar 2021 klar, dass unsere vermeintlich liberale Öffentlichkeit ein Problem hat. Unter dem Feigenblatt der freien Rede- und Debattenkultur hat sich eine digitale Scheinöffentlichkeit etabliert, die von einer Hand voll Unternehmen aus dem Silicon Valley kontrolliert wird.

Dass diese Big-Tech Firmen nicht primär an einem diversen, öffentlichen Diskurs interessiert sind, sondern in erster Linie am Profit, liegt auf der Hand. Das kann man ihnen nicht mal wirklich vorwerfen. Aber die kommerzielle Logik hinter den Algorithmen dieser Plattformen erschafft hermetisch abgeriegelte Echokammern – Bubbles – in denen jede Subkultur nur ihre eigene Sicht der Dinge wiederkäut. Ähnlich wie in manchen Sekten, die sich systematisch von alternativen Weltbildern und Fakten isolieren, ist die vermeintlich globale Öffentlichkeit von Facebook, Instagram & Co. in Wahrheit eine Ansammlung von ungezählten Mikroöffentlichkeiten, in denen Gleichgesinnte einander in ihren Meinungen bestärken.

Lange haben wir dieses Problem als reines Onlinephänomen verharmlost. Von wegen Spinner gibt es überall. Aber das letzte Jahr hat uns gezeigt, dass dieser digitale Hass sich ganz real auf unseren Straßen manifestieren kann. Gerade weil die Pandemie uns noch mehr an die Bildschirme gefesselt hat. Die Folge ist, dass wir zum ersten Mal seit langem ernsthaft diskutieren, was Öffentlichkeit und freie Rede eigentlich heißt. Und ob wir die Macht darüber wirklich einigen wenigen Konzernen überlassen wollen, die mit Gemeinwohl nichts am Hut haben.

Der neoliberale Zeitgeist

Auch wenn es uns in seiner historischen Dimension vielleicht noch nicht so klar ist, erleben wir gerade einen Paradigmenwechsel, den vor einem Jahr wohl nicht einmal die größten Sozialromantiker:innen für möglich gehalten hätten. Der wirtschaftliche Fallout der Corona-Pandemie hat in zehn Monaten erreicht, was einer globalen Linken auch nach drei Jahrzehnten nicht gelingen wollte: Den neoliberalen Zeitgeist endgültig zurück in seine Colaflasche zu verbannen. Die stachelige Mikrobenplage hat eine so verheerende Blutspur durch die Volkswirtschaften dieser Welt gezogen, dass auch die konservativsten Bürger:innen und Entscheidungsträger:innen eingesehen haben, dass es ohne staatlich sanktionierter Umverteilung nicht mehr weitergehen kann. Selbst in den USA, wo eine allgemeine Krankenversicherung schon als „Sozialismus“ gilt, haben einst rabiate Tea Party Anhänger:innen für ein Stimulus-Paket gestimmt, dass den New Deal von Frankie Roosevelt zum Kindergeburtstag verkommen lässt.

Das größte Problem der gegenwärtigen Menschheit ist – neben dem Klimawandel – die ungleiche Verteilung von Wohlstand. Die Pandemie hat das in aller Drastik aufgezeigt. Und weil – polemisch formuliert – auch die oberen 1% kein Interesse daran haben, dass die Welt der anderen 99% in sich zusammenbricht, erleben wir derzeit mit Staunen einen klassenübergreifenden Konsens, das kollektive Geld mit vollen Händen zu verteilen. Aber diesmal nicht nur an die Banken, sondern direkt an die Leute. Das birgt eine Menge Risiken, schließlich muss das trotzdem irgendwer bezahlen und vielleicht geht alles schief, weil Public Spending immer auch zu Korruption und Misswirtschaft verleitet. Aber allein die Tatsache, dass wir Jahrzehnte einer ideologisch motivierten Ablehnung von sozialer Umverteilung hinter uns gelassen haben, ist ein Grund zur Hoffnung. Dass wir das noch erleben dürfen, grenzt beinahe an ein Wunder, auch wenn der Anlass dafür alles andere als schön ist.


Das letzte Jahr war in jederlei Hinsicht
ein ziemlicher Horrortrip.


Der Egotrip als kollektiver Lifestyle

Wenn uns die totale Vereinzelung, die in den vergangenen zwölf Monaten um sich gegriffen hat, eines gezeigt hat, dann ist es der Wert von Gemeinschaft. Egal ob Freundeskreis, Community, Familie oder Staat – das „auf uns zurückgeworfen sein“ hat uns das Armselige einer Existenz, die nur sich selbst genügt, mit Nachdruck demonstriert. Für LGBTQIAs, die auf den Austausch mit einer diversen, oft geografisch weit verzweigten Community besonders angewiesen sind, war dieser Schock wohl ganz besonders groß. Jenseits der heterosexuellen Familie war ungezwungener Austausch fast nicht möglich. Keine öffentlichen Spaces, kein Aktivismus auf der Straße, keine spontanen Bekanntschaften in Clubs oder auf Partys – je a-typischer das jeweilige Lebensmodell war, desto schwieriger war es, ein halbwegs menschenwürdiges Dasein zu fristen. Wir haben gemerkt, wie verwundbar wir alleine sind, wie sehr wir den Anspruch und Zuspruch eines gleichgesinnten Gegenübers brauchen, das nicht nur über Textnachrichten und Webcams mit uns kommuniziert. Und wir haben gespürt, wie sehr wir aufeinander als Community angewiesen sind – nicht nur im Kopf, sondern ganz unmittelbar emotional.

Für die Generationen X-Z, die in den radikalen Individualismus unserer spätkapitalistischen Gegenwart hineingewachsen sind, war diese Erfahrung vielleicht ein entscheidender Anstoß, das eigene Lebensmodell kritisch zu hinterfragen. Das soll jetzt nicht heißen, das die Katastrophe von 2020 die krankhafte Ich-Bezogenheit unserer westlichen Zivilisation geheilt hätte. Aber als kollektive Verlusterfahrung hat es unsere Vorstellungen von Glück und Erfolg im Leben mit Sicherheit verändert. Dass alles, was man ist und was man hat, weitgehend wertlos ist, wenn es niemanden gibt, der es mit einem teilt. Und dass man als Community fast jedes Problem irgendwie meistern kann, während man als Individuum oft schon gegen kleine Widerstände machtlos ist. Das letzte Jahr war in jederlei Hinsicht ein ziemlicher Horrortrip. Aber wer weiß, vielleicht haben wir trotzdem was gelernt – als Individuen wie als Gemeinschaft. Vielleicht kommen wir aus der ganzen Nummer am Ende ja als bessere Menschen heraus. Wir finden jedenfalls, dass es höchste Zeit für etwas Optimismus ist.

Artworks:
© Studio Sprosse



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